
Säbener Stories – das ist die Kolumne für alle, die den FC Bayern München leben und lieben. Hier geht es um die ruhmreiche Vergangenheit und die spannende Gegenwart des Rekordmeisters.
Zwischen Manuel Neuers GOAT-Gala in Madrid und dem Rückspiel gegen Real in der Allianz Arena geht es um einen historischen Moment für den deutschen Fußball. Ein Rekord, der 54 Jahre lang in Stein gemeißelt war, wankt bedenklich.
101 Treffer in einer einzigen Bundesliga-Saison – aufgestellt von der legendären Bayern-Mannschaft um Gerd Müller und Franz Beckenbauer 1971/72. Schon das waren phänomenale 2,97 Tore pro Spiel. Ein Rekord für die Ewigkeit. Dachte man. Doch jetzt, 2025/26, pulverisiert die Elf von Vincent Kompany dieses Statistik-Monument. Nach 28 Spieltagen steht die Anzeigetafel bei 100 Treffern.
1972 vs. 2026. Das sind zwei Jahrhunderte, zwei Bayern-Mannschaften, die 54 Jahre voneinander entfernt sind. Und die sich trotzdem ähneln, in ihrer Unerbittlichkeit, in ihrem nimmersatten Torhunger. Dieser Hunger ist Programm.
Damals wie heute: Beton hinten, Spektakel vorn
Ein Blick auf die Zahlen verblüfft. Beide Teams stehen nach 28 Spieltagen bei exakt 27 Gegentoren. Damals Sepp Maier, heute Manuel Neuer und Jonas Urbig – fantastische Torhüter sind eine Bayern-Konstante.

Wichtiger Unterschied: Der Sepp, damals 28, ließ niemanden in seinen Kasten, der nicht „Die Katze von Anzing“ genannt wurde. Manuel Neuer (40) und sein Erbe Jonas Urbig (22) betreiben dagegen höchst erfolgreiches Job-Sharing.
Der entscheidende Unterschied lag und liegt in der Offensive. Heute stehen Harry Kane & Co. nach 28 Spielen bei 100:27 Toren, damals waren es „nur“ 81:27. Die Legenden der 70er haben also in den letzten sechs Spielen noch 20 Tore draufgelegt. Das liefe diese Saison auf unfassbare 120 Treffer hinaus, auf 3,53 Tore pro Spiel.
1972: Ein Meisterschafts-Finale für die Geschichtsbücher
Und es gibt noch einen großen Unterschied zwischen damals und heute: 1972 ist der letzte Spieltag daheim gegen Schalke 04 ein echtes, dramatisches Endspiel. Es ist bis heute das einzige direkte Finale am 34. Spieltag in der Geschichte der Bundesliga.

Gespielt wird erstmals im neuen Olympiastadion, vor 79.032 Zuschauern unter dem Zeltdach. Präsident Wilhelm Neudecker hat auf den vorgezogenen Auszug aus dem Grünwalder Stadion gedrängt – auch aus wirtschaftlichen Gründen. 1,2 Millionen Mark Einnahme sind ein Rekord. Fußball ist damals noch stark von Kartenverkäufen abhängig.
Rekordeinnahme, Rekordkulisse, Rekordtore
Sportlich verspricht das nagelneue Stadion, in dem es im Olympiasommer 1972 noch nach frischem Beton riecht, den perfekten Rahmen. 53 Punkte für Bayern (nach der alten Zwei-Punkte-Regel) nach 33 Spieltagen, 52 für Schalke. Der Sieger ist Deutscher Meister. Übrigens: 79 Punkte hätten die 72er-Bayern am Saisonende nach der Drei-Punkte-Regel auf dem Konto gehabt. Harry Kane & Co. stehen aktuell bei 73 Punkten – zwei Siege fehlen also noch.

Bayern-Trainer Udo Lattek erinnert sich später trocken: „5:1 haben wir die geputzt, die Schalker haben mir fast leidgetan.“ Hoch die Schale – mit sagenhaften 40 Toren allein von Gerd Müller.
Während Vincent Kompanys Bayern die Meisterschaft wohl nicht erst am 34. Spieltag klarmachen, herrscht 54 Jahre vorher Hochspannung. Und noch zwei faszinierende Zahlen: Das 101-Tore-Spiel sorgt für die erst dritte Deutsche Meisterschaft des FC Bayern. Die 2026er-Generation steht kurz davor, den Titel zum 35. Mal einzufahren.
Es müllert nicht im Olympiastadion – noch nicht
Kurioserweise sind es im „Endspiel“ zwei Verteidiger, die den Weg ebnen: Johnny Hansen und Paul Breitner treffen zur 2:0-Halbzeitführung. Ausgerechnet Gerd Müller bleibt beim Grande Finale ohne Tor. Denn die Schalker Defensive verfolgt ihn quasi bis auf die Toilette. Doch der Herrscher der Strafräume rackert uneigennützig und legt zwei Tore vor.

Die historischen Schützen: Hoeneß knackt die 100, der Kaiser die 101
Als die 80. Minute anbricht, ist es Uli Hoeneß vorbehalten, Geschichte zu schreiben. Mit dem Nachschuss-Treffer zum 4:1 erzielte er das 100. Saisontor des FC Bayern – „der goldene Schuss“, wie die Zeitungen schwärmen.
Doch einer geht noch rein. In der 90. Minute zirkelt Franz Beckenbauer den Ball per Freistoß zum 5:1 ins Netz – der krönende Schlusspunkt der 101-Tore-Saison. Der beste Libero, den die Welt je gesehen hat, als Rekord-Vollstrecker. Auch das würdig, stolz, Bayern-like.
Servus, Anzeigetaferl!
Als der Kaiser um 21.53 Uhr die Schale in den Münchner Abendhimmel lupft, singen die Bayern-Fans „So ein Tag, so wunderschön wie heute“. Später tönt es aus der ungewohnt luxuriösen neuen Bayern-Kabine: „Sauft’s Buam, mia san Meister!“

Übrigens: Auch die Einblendung „Deutscher Fußballmeister 1972 FC Schalke 04“ hatte man auf den leuchtenden neuen Anzeigetafeln vorbereitet. Denn auch das Taferl in der Westkurve des Grünwalder Stadions haben die Bayern endgültig hinter sich gelassen. Das dürfen die Löwen behalten – sie benutzen es bis heute.
11:1 gegen Dortmund: Das Grünwalder Beben
Um den Rekord von 1971/72 zu verstehen, muss man an das 11:1 gegen Borussia Dortmund am 27. November 1971 denken. Es ist der Sieg, der den Stil von „101“ definiert: viermal Gerd Müller, zweimal Bulle Roth, zweimal Uli Hoeneß, dazu Franz Beckenbauer, Willi Hoffmann und Paul Breitner. Die Torschützenliste liest sich wie ein Mannschaftsfoto in Zahlen. 69 Heimtore schießen die Rekord-Bayern 1971/72 – das wird sogar für Kane, Olise & Co. (bisher 56) in den letzten drei Heimspielen eng.

Kane gegen Müller: Das Duell der Jahrhundert-Stürmer
Heute heißt der Protagonist im Bayern-Strafraum Harry Kane. Er steht nach 28 Spieltagen dieser Saison bei 31 Toren. Gerd Müller hat 1972 zum gleichen Zeitpunkt 33 Treffer auf dem Konto. Mehr geht nicht, in einem Fernduell auf allerhöchstem Niveau. Die grenzenlose Lust auf Tore haben sie gemeinsam.

Doch während Müller narrisch wurde, wenn ihn die Mitspieler vom Flanken-Lieferdienst nicht fleißig genug gefüttert haben, hat Harry Kane den Vorlagengeber und unermüdlichen Rackerer in sich entdeckt. Seine Rolle, manchmal als 6er, 8er und 9er zugleich, ist ein Sinnbild dafür, wie sich der Fußball zwischen 1972 und 2026 weiterentwickelt hat.
Vincent Kompany und der Geist von Udo Lattek
Die Baumeister dieser Offensiv-Maschinen haben durchaus ihre Ähnlichkeiten: Udo Lattek ist 1972 ein 37-jähriger Visionär. Vincent Kompany ist heute mit 40 Jahren das moderne Pendant.

Erstaunliche Parallele: Beide sitzen erst in ihrer zweiten Saison auf der Bayern-Bank – und haben es doch schon geschafft (oder sind dabei), eine Ära zu prägen. Udo und Vincent zeigen, dass Rekorde auch aus dem Mut entstehen, junge, hungrige Spieler reinzuwerfen.
Generationen-Mix: Von Paul Breitner zu Tom Bischof
1972 sprengen die von Lattek „erfundenen“ Himmelsstürmer Uli Hoeneß und Paul Breitner das Establishment. Heute übernehmen Youngster wie Lennart Karl, Tom Bischof und Aleks Pavlović diese Rollen. Da erinnert beispielsweise Bischof an den jungen Breitner, wenn er aus Abwehr und Mittelfeld in den Sturm drängt, so wie bei seinem Doppelpack in Freiburg.

125 Tore? Der Ausblick auf das Unmögliche
Wo endet diese phänomenale Reise? Bei 115 oder 119 Toren, wie es Uli Hoeneß und Bulle Roth erwarten, die 1971/72 mit zusammen 25 Treffern ein Viertel der Ausbeute beigesteuert haben? Sepp Maier setzt die Latte am höchsten: „Ich bin auch glücklich, wenn die Bayern 125 Tore schießen.“
Doch egal, was am Ende der Rechnung 100+x steht – der Geist von 1972 lebt in der Mannschaft von 2026 weiter. Es ist die DNA, die Ursuppe des FC Bayern: Wenn zwei der legendärsten Mannschaften der Vereinsgeschichte ins Rollen kommen, gibt es kein Halten mehr.
54 Jahre nach den 101 Toren zeigt sich: Rekorde altern – der Bayern-Stil nicht. Und so bekommt das 21. Jahrhundert jetzt seine eigene Jahrhundert-Saison.
Über den Autor: Unser Kolumnist, der „Balkonpoet“, war schon vor der WM 1974 als kleiner Münchner Bub überzeugt: „Der FC Bayern wird Weltmeister – weil da Franz Beckenbauer und Gerd Müller mitspielen.“
Gut, den Unterschied zwischen Vereinsfußball und Nationalelf musste er noch lernen. Aber an seiner Grundüberzeugung hat sich nichts geändert: Ein Spiel dauert 90 Minuten, und am Ende gewinnt der FC Bayern. Zumindest meistens.
In den Säbener Stories verbindet er jahrzehntelange Bayern-Leidenschaft mit einem amüsanten und unterhaltsamen Blick auf die Mannschaft von heute. Pack ma’s, Vincent!

Themen dieses Artikels