Der badische Lederhosen-Meister: Spitzbub Mehmet Scholl, im Jahr 2000 eine Pracht in Tracht.
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Säbener Stories

Die Macht in Tracht: Lederhosen-Geschichten vom FC Bayern

Säbener Stories – das ist die Kolumne für alle, die den FC Bayern München leben und lieben. Hier geht es um die ruhmreiche Vergangenheit und die spannende Gegenwart des Rekordmeisters.

Am Samstag heißt es auf der Münchner Theresienwiese wieder „O’zapft is!“. Am Sonntag folgt unser traditioneller Wiesn-Ausflug ins Käfer-Zelt. Natürlich in Tracht und Lederhosen – alles andere wäre ein Sakrileg, wie ein Jogginganzug in der Bayerischen Staatsoper.

Dabei war die Krachlederne nicht von Anfang an das typische FC Bayern-Gwand. Gerd Müller ging in den 60ern noch in Anzug und Krawatte auf die Wiesn. Dass heute selbst Weltstars wie Harry Kane erst richtig eingebürgert sind, wenn sie in Hirschleder stecken, verdankt der FCB ausgerechnet seinen Gegnern. Die wollten den Bayern die Lederhosen ausziehen. Also haben wir sie erst richtig angezogen. Motto: Die Macht in Tracht. Was für eine Pracht!

Als der Bomber noch Krawatte trug

Bei der ersten Bayern-Meisterfeier 1932 rollt die Mannschaft in feinem Zwirn per Pferdekutsche zum Marienplatz. Auch Jahrzehnte später ist Tracht beim FCB keine Pflichtuniform. Paul Breitner trägt als Bub in Freilassing wie fast alle Klassenkameraden Lederhosen – in seinen ersten Profijahren aber nicht. „Das Thema Tracht gab es Anfang der 70er Jahre in München nicht“, erinnert er sich. Franz Beckenbauer trägt die Lederhose 1973 eher zum Fasching.

Beweisfoto: Gerd Müller 1969 Lederhosen-los auf der Wiesn. Nur seine Uschi trachtelte schon ein bisserl.
Beweisfoto: Gerd Müller 1969 Lederhosen-los auf der Wiesn. Nur seine Uschi trachtelte schon ein bisserl. | © Imago

Doch einer pflegt das bayerische Brauchtum: Willi O. Hoffmann. Schon als Schatzmeister kommt der Ur-Münchner gern im Trachtenanzug. 1979 wird der feierlustige „Champagner-Willi“ Präsident – und bald zum „Mister Lederhosen“ des FC Bayern. Sein Programm gilt auch modisch: „Wir wollten richtig bayerisch sein.“

Ein Pfälzer steckt die Bayern in die Lederhosen

Die Geburtsstunde des berühmtesten Bayern-Kleidungsstücks schlägt ausgerechnet in der Pfalz. Lauterns Stadionsprecher Udo Scholz hört im Urlaub in Murnau den Satz: „Zieht’s dem Buam die Lederhose aus.“ Auf der Heimfahrt läuft „Yellow Submarine“ von den Beatles. Scholz bastelt die Silben zusammen – fertig ist „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“.

1979 ist der Spott immer öfter in den gegnerischen Kurven zu hören. Im Mannschaftsflieger fragt Jung-Manager Uli Hoeneß seinen aus Braunschweig reimportierten Spezl Paul Breitner: „Hörst du’s noch, diese Melodie?“ Vier Wochen später, so Breitner, „hatten wir maßgeschneiderte Lederhosen“.

Trachtkerle: Kalle Rummenigge und Paul Breitner 1982 als Parade-Bayern.
Trachtkerle: Kalle Rummenigge und Paul Breitner 1982 als Parade-Bayern. | © Imago

Ein Trachtenmacher in Freilassing fertigt die ganze Garnitur. Ende November 1979 folgt eine regelrechte Geheimoperation am Flughafen Riem: Die Mannschaft zieht sich in eine abgelegene Ecke zurück, posiert fürs erste große Lederhosen-Foto – und wechselt vor dem Abflug wieder in Zivil.

Am nächsten Tag marschieren die Bayern vor dem Spiel in Düsseldorf plötzlich in Tracht ins Stadion. Sogar der piekfeine und für seine Halstücher bekannte ungarische Trainer Pál Csernai steckt in Hirschleder. Riesenjubel. Breitner: „Die Leute fanden es super, dass wir auf das Lederhosen-Schmählied so souverän und humorvoll geantwortet haben.“

Der Gegner wollte sie ausziehen. Der FCB machte die Lederhose zur Kampfansage, zum frühen modischen „Mia san mia“.

Champagner-Willi und lauter „Preißn“

Bei der Premiere wirkt sicherlich nicht jeder, als käme er direkt vom Almabtrieb im Chiemgau. Präsident Hoffmann schwärmt später, „Original-Bayer“ Klaus Augenthaler habe natürlich prächtig ausgeschaut. Bei Csernai oder dem Ur-Berliner Hanne Weiner war der Anblick offenbar noch gewöhnungsbedürftig. Der Münchner Boulevard zählt nach: ein paar Bayern – „der Rest sind Preißn“. Aber genau darin steckt der Clou. Die Lederhose wird zur bayerischen Einbürgerungsurkunde.

Hirschlederne oder Trachtenanzug? Bei Präsident Willi O. Hoffmann (rechts) und Nachfolger Fritz Scherer bleiben 1980 noch Modefragen offen.
Hirschlederne oder Trachtenanzug? Bei Präsident Willi O. Hoffmann (rechts) und Nachfolger Fritz Scherer bleiben 1980 noch Modefragen offen. | © Imago

1980 feiert der FCB die erste Meisterschaft seit sechs Jahren erstmals in Lederhosen auf dem Rathausbalkon. Später schlüpfen Jean-Marie Pfaff aus Belgien, Mark Hughes aus Wales, Giovane Élber aus Brasilien, Franck Ribéry aus Frankreich oder Luca Toni aus Italien ins bayerische Prachtstück. Lederhose an – Bayer! Paul Breitner erinnert sich, dass viele Neuzugänge als Erstes gefragt haben, wann sie ihre eigene kriegen: „Die Tracht war für die wie ein Ritterschlag.“

Willi Lemke will die Hoeneß-Hose

Natürlich wollen die Gegner die Lederhose weiterhin erbeuten. Besonders schön gelingt das Anfang der 90er in Bremen. Werder-Macher Willi Lemke wettet mit einem Münchner TV-Journalisten: Verliert Bayern, muss der Reporter beim nächsten Gastspiel im Weserstadion Lederhosen tragen. Bayern verliert. Dumm nur: Der Mann besitzt gar keine.

Uli Hoeneß 1976 mit Familie als früher Bayern-Trachtler. Das ist allerdings nicht die von Willi Lemke erbeutete Hirschlederne.
Uli Hoeneß 1976 mit Familie als früher Bayern-Trachtler. Das ist allerdings nicht die von Willi Lemke erbeutete Hirschlederne. | © Imago

Also hilft Uli Hoeneß aus. Seine Sekretärin fährt eigens nach Ottobrunn und holt Ulis persönliche Lederhose. Sie passt. Im Mannschaftsflieger schauen einige Spieler neidisch auf die Krachlederne. Trainer Erich Ribbeck hatte einen gemeinsamen Trachten-Auftritt aus Sorge vor möglicher Häme abgelehnt. Weltmeister Klaus Augenthaler dazu: „Mei, san mia feige Hund …“ Noch schlimmer: Bayern verliert in Bremen erneut. Im VIP-Raum ertönt jetzt sinngemäß der alte Schlachtruf: Lederhose aus!

Als Willi Lemke erfährt, wem das gute Stück des ARD-Reporters wirklich gehört, leuchten seine Augen. „Ich will nicht irgendeine Hose, ich will die vom Uli!“ – als Beutestück fürs Werder-Museum. Die persönliche Hoeneß-Hose als Trophäe in Bremen: Mehr Triumph ging für Lemke kaum.

Warme Wadl freuen Bub und Madl

Die Lederhose bleibt, der Rest drumherum gerät in den 80ern und 90ern modisch gelegentlich außer Kontrolle. Landhausmode! Sackleinenhemden! Rathausbalkon mal in Tracht, mal im Anzug. Später wächst die Stilsicherheit. Das Lederhosen-Shooting wird zum festen Ritual. Seit 2003 tragen die Bayern beim Schalen-Jubel auf dem Rathausbalkon konsequent Tracht. Selbst der Spielerrat redet beim Wiesn-Outfit mit.

Meisterfeier 1980: Klaus Augenthaler & Co. zum ersten Mal in Lederhosen auf dem Rathausbalkon.
Meisterfeier 1980: Klaus Augenthaler & Co. zum ersten Mal in Lederhosen auf dem Rathausbalkon. | © Imago

Und wie trägt man das Gwand richtig? Am besten Hirsch statt Rind. Das hält länger und bekommt eine schöne Patina. Dazu weißes Hemd, gern hochgekrempelt. Stramme Waden werden mit Loferl betont. Denn schließlich gilt: Nur mit warmem Wadl jubeln Bub und Madl.

Pep wird bajuwarisiert

Pep Guardiola besteht 2013 seine vielleicht schwierigste Münchner Aufnahmeprüfung gleich im ersten Anlauf: das Lederhosen-Shooting. Die Tracht steht ihm hervorragend. 

Prost, Pep! Die Bayern-Macher 2015 in Tracht, mit Guardiola, Karl Hopfner und Kalle Rummenigge.
Prost, Pep! Die Bayern-Macher 2015 in Tracht, mit Guardiola, Karl Hopfner und Kalle Rummenigge. | © Imago

Für die vollständige Bajuwarisierung hätten wir Pep damals noch ein Wiesn-Trainingslager verordnet: Maßkrug-Stemmen, Steckerlfisch ausnehmen, Hendl abfieseln, Obatzdn sauber auf der Brezn verteilen und natürlich Weißwurst zuzeln. Dazu die wichtigsten taktischen Kommandos: „Buona sera, hock di hera, samma mehra“, „Wo is’ns Heisl?“ und „I kimm fei ned auf der Brennsuppn dahergschwumma“. Die entscheidende Formel beherrscht Pep sowieso schnell: „Oans, zwoa, g’suffa!“ Oder auf Katalanisch: „Un, dos, borratxo!“ Ein Katalane wird Parade-Bayer.

Von „In Tracht München“ zum bayerischen Belgier

Die Lederhose ist längst mehr als Wiesn-Outfit. Sie gehört zum Bayern-Code. Sogar unser Hackentor-Schreck Rabah Madjer, der 1988 dann doch nicht zum FC Bayern wechselte, posierte vorsorglich schon mal in Lederhosen. Heute schwärmt Harry Kane, Engländer durch und durch, von Schnitzel, München und Tracht.

Wieso unser Hackentor-Schreck Rabah Madjer trotz Lederhosen-Anprobe doch kein Bayer wurde? Das ist eine lange Geschichte...
Wieso unser Hackentor-Schreck Rabah Madjer trotz Lederhosen-Anprobe doch kein Bayer wurde? Das ist eine lange Geschichte... | © Imago

Vincent Kompany ist der bayerischste Belgier seit Jean-Marie Pfaff. Aus dem Spottlied ist ein weltweites Markenzeichen geworden. Beim FC Bayern treffen Laptop und Lederhose tatsächlich zusammen: Weltklub und Weißbier, Champions League und Charivari, Helden und Hirschlederne.

Als hätte er nie etwas anderes getragen: Vincent Kompany bei der Meisterfeier 2026 mit Münchens OB Dominik Krause.
Als hätte er nie etwas anderes getragen: Vincent Kompany bei der Meisterfeier 2026 mit Münchens OB Dominik Krause. | © Imago

Zeitweise spielte der FCB sogar im Trachten-Look. Quasi als „In Tracht München“. Schließlich trachtet der Klub traditionell nach Titeln. Paul Breitner nennt die Lederhosen-Tradition „eine der größten Ideen, die der FC Bayern außerhalb des Spielfelds umgesetzt hat“. Sie sei ein Alleinstellungsmerkmal „in der ganzen Welt“.

Lederhosen ohne Hirsch: Thomas Müller, Arjen Robben und Franck Ribéry im Wiesn-Trikot 2013.
Lederhosen ohne Hirsch: Thomas Müller, Arjen Robben und Franck Ribéry im Wiesn-Trikot 2013. | © Imago

Der alte Fangesang aus den gegnerischen Kurven darf also gern weiterleben. Denn der FC Bayern kennt die schönste Antwort darauf: Uns zieht keiner die Lederhosen aus!

Über den Autor: Unser Kolumnist, der „Balkonpoet“, war schon vor der WM 1974 als kleiner Münchner Bub überzeugt: „Der FC Bayern wird Weltmeister – weil da Franz Beckenbauer und Gerd Müller mitspielen.“

Gut, den Unterschied zwischen Vereinsfußball und Nationalelf musste er noch lernen. Aber an seiner Grundüberzeugung hat sich nichts geändert: Ein Spiel dauert 90 Minuten, und am Ende gewinnt der FC Bayern. Zumindest meistens.

In den Säbener Stories verbindet er jahrzehntelange Bayern-Leidenschaft mit einem amüsanten und unterhaltsamen Blick auf die Mannschaft von heute. Pack ma’s, Vincent!

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