Willkommen im Olympiastadion: Stan Libuda und Franz Beckenbauer 1972.
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Säbener Stories

Immer wieder Schalke! Föhn, Bettwäsche – und der Arjen-Turbo

Säbener Stories – das ist die Kolumne für alle, die den FC Bayern München leben und lieben. Hier geht es um die ruhmreiche Vergangenheit und die spannende Gegenwart des Rekordmeisters.

Am Samstagabend spielt Bayern wieder gegen Schalke, erstmals seit drei Jahren. Seit über 60 Jahren produziert dieses Legenden-Duell das Unwahrscheinliche: Föhn-Einbrüche in München, Siegprämien für Unentschieden, Bettwäsche-Geschichten – und eine Meisterschaft für 4 Minuten und 38 Sekunden.

23. Oktober 1965: Das Spiel, das es gar nicht geben durfte

Das erste Bundesliga-Duell. Fast hätte es nie stattgefunden: Schalke ist sportlich abgestiegen, bleibt nur dank Liga-Aufstockung drin. Aufsteiger Bayern kommt als Sensations-Dritter in die Glückauf-Kampfbahn – ohne Sepp Maier. Der Moare fehlt nach einem Zusammenprall im HSV-Spiel mit Uwe Seeler.

Als der Fußball noch schwarzweiß war. Bundesliga-Premiere für #S04FCB 1965.
Als der Fußball noch schwarzweiß war. Bundesliga-Premiere für #S04FCB 1965. | © Imago

Für ihn debütiert Fritz Kosar: drei Bundesligaspiele für Bayern, drei Remis. Maier verpasst in 14 Bundesliga-Jahren nur drei Partien – alle in seiner ersten Saison. Danach beschließt er quasi: Ab jetzt spiel ich immer! Die späteren Weltstars sind noch halbe Buben: Franz Beckenbauer ist 20, Gerd Müller wird wenige Tage später vom Teenager zum Twen.

14. Juni 1969: 40 Sekunden für den neuen Kaiser

35 Grad im Frankfurter Waldstadion, Pokalfinale, Bayern – Schalke 2:1. Gerd Müller entscheidet die Hitzeschlacht mit zwei Toren und vollendet Bayerns erstes Double. Mit Pokalsieg Nummer vier zieht Bayern an Nürnberg vorbei – und ist seitdem hoffentlich für immer Rekord-Pokalsieger.

Auf dem Weg zum Rekord-Pokalsieger: Werner Olk mit Klaus Fichtel 1969.
Auf dem Weg zum Rekord-Pokalsieger: Werner Olk mit Klaus Fichtel 1969. | © Imago

Schalkes Trainer Rudi Gutendorf verteilt zur Verwirrung ungewohnte Rückennummern und vertauscht Positionen. Vergeblich. Nach einem Beckenbauer-Foul an Schalke-Fummler Stan Libuda pfeifen die Schalker Franz aus. Der stellt sich vor ihren Block und jongliert aufreizend 40 Sekunden mit dem Ball. Ein paar Tage zuvor hatte die „Bild“ erstmals vom „Kaiser von Bayern“ geschrieben. Jetzt zeigt Franz I., dass man einen Regenten nicht auspfeift, sondern ihm huldigt.

28. Juni 1972: Die Geburt des modernen FC Bayern

Letzter Spieltag. Bayern Erster, Schalke Zweiter. Das einzige echte Meisterschaftsfinale der Bundesliga. Dem FCB reicht ein Unentschieden, S04 braucht den Sieg. Dafür zieht Bayern ins nagelneue Olympiastadion um: knapp 80.000 Zuschauer, erste Bundesliga-Liveübertragung im Dritten, VIP-Bereich, 1,2 Millionen Mark Einnahme – der moderne FC Bayern ist geboren.

Fängt ja gut am im neuen Stadion: Paul Breitner und Udo Lattek, Schale gegen Schalke 1972.
Fängt ja gut am im neuen Stadion: Paul Breitner und Udo Lattek, Schale gegen Schalke 1972. | © Imago

Sechs Münchner kommen frisch als Europameister: Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck, Breitner, Hoeneß und Müller. Pause? Keine. Zehn Tage nach dem EM-Finale gewinnt Bayern 5:1 und wird Meister. Ausgerechnet der 40-Tore-Bomber trifft nicht. Uli Hoeneß schießt Saisontor 100, Franz Beckenbauer Nummer 101. Der Rekord hält 54 Jahre – bis die Kompany-Bayern 2026 auf 122 erhöhen. Die Stadionregie hatte vorsichtshalber auch „Deutscher Fußballmeister 1972 FC Schalke 04“ vorbereitet. Wird gottlob nicht gebraucht.

8. September 1973: Rekord-Remis und Rolltreppe

Das futuristische Parkstadion in Gelsenkirchen ist erst fünf Wochen alt. Verrücktestes Feature: eine Rolltreppe Richtung Rasen. Schalke kriselt als 17., Bayern ist als Zweiter haushoher Favorit. Doch nach 18 Minuten steht es 3:0 für Schalke, zur Pause 5:2. In den letzten vier Minuten der ersten Hälfte pfeift Herbert Lutz drei Elfmeter.

1973 auf Schalke: Franz Beckenbauer in kaiserlicher Haltung und mit Rekord-Unentschieden.
1973 auf Schalke: Franz Beckenbauer in kaiserlicher Haltung und mit Rekord-Unentschieden. | © Imago

Der Bremer Schiri liebt Strafstöße: 35 Elfer in 77 Bundesligaspielen. Sein Credo: „Foul ist Foul, egal wann und wo.“ 1965 pfeift er bei Gladbach gegen Dortmund sogar fünf Elfmeter – laut Experten alle berechtigt. Bayern rettet am Ende noch ein 5:5, Gerd Müller trifft viermal. Das torreichste Bundesliga-Remis wird nie mehr übertroffen. Schalke zahlt trotzdem die Siegprämie – 2.000 Mark pro Mann sind damals üblich.

9. Oktober 1976: Der Kaiser kriegt einen Föhn

Der regierende dreifache Europapokalsieger der Landesmeister geht im Olympiastadion 0:7 gegen Schalke unter. Bis heute, und hoffentlich für immer, Bayerns höchste Bundesliga-Heimniederlage. Klaus Fischer trifft viermal. Der Kater kommt eine Woche nach der Wiesn.

Erwin Kremers zaubert 1976 gegen Föhn-geplagte Schädelweh-Bayern.
Erwin Kremers zaubert 1976 gegen Föhn-geplagte Schädelweh-Bayern. | © Imago

An diesem Tag passt gar nichts. Sepp Maier zürnt: „Wir haben nicht einmal wie Hausmeister gespielt.“ Franz Beckenbauer ist indisponiert, über München liegt Föhn. Manager Robert Schwan hatte geraunt: „Wenn Föhn ist, habe ich schlimme Gefühle.“ Schon nach dem 0:3 winkt der Kaiser genervt ab. Klaus Fischer: „Da hast du gewusst, was los ist.“

2. Mai 1984: Jeden Tag ein Jahrhundertspiel

Am 1. Mai wird Olaf Thon 18 und feiert rein, Rudi Assauer zapft Pils. Am Abend: Gladbach – Bremen 5:4 nach Verlängerung. Schalkes Bernd Dierßen ahnt: „So ein Spiel gibt es nur alle zehn Jahre.“ Oder gleich am nächsten Tag, mit dem historischen 6:6 n.V. des FC Bayern im Pokal-Halbfinale auf Schalke.

Zwei, die Geschichte schrieben: Bernard Dietz und Klaus Augenthaler 1984 beim 6:6.
Zwei, die Geschichte schrieben: Bernard Dietz und Klaus Augenthaler 1984 beim 6:6. | © Imago

Thon trifft dreimal, genau wie zusammengenommen die Rummenigge-Brüder. Beim Stand von 5:6 macht Schiri Wolf-Günter Wiesel eine Ansage: „Komm Olaf, ein Angriff noch.“ Thon hämmert den letzten Ball volley ins Netz – und gesteht im ZDF, dass er als Kind in Bayern-Bettwäsche geschlafen hat. Später weiß er: „Das 6:6 war das Spiel meines Lebens.“ Das Wiederholungsspiel gewinnt Bayern 3:2. Vier Jahre später wird Olafs Bettwäsche-Traum wahr: Er wechselt nach München.

19. Mai 2001: Meister für 4 Minuten und 38 Sekunden

Das berühmteste Duell spielt gleichzeitig in Gelsenkirchen und Hamburg. Bayern geht mit drei Punkten Vorsprung in den letzten Spieltag, Schalke hat die bessere Tordifferenz. Das bedeutet: eigener Sieg plus Münchner Niederlage reicht zur Meisterschaft. S04 schlägt Unterhaching mühsam 5:3, Bayern liegt beim HSV in der 90. Minute 0:1 hinten. Eine Falschmeldung verkündet den Abpfiff in Hamburg. Schalke feiert die erste Meisterschaft seit 1958 – für 4:38 Minuten.

Schalke 2001: 4:38 Minuten Meister – der Herzen und der Schmerzen.
Schalke 2001: 4:38 Minuten Meister – der Herzen und der Schmerzen. | © Imago

Doch Hamburg spielt noch. Ausgerechnet Mathias Schober, zehn Jahre Schalker und nur an den HSV ausgeliehen, nimmt einen Rückpass auf. Indirekter Freistoß. Effenberg holt Patrik Andersson. Dessen Schweden-Hammer bringt das 1:1: „Dann ist in meinem Kopf alles geplatzt, es war die totale Explosion.“ Auf Schalke stirbt die Meisterschaft live auf der Leinwand. Olli Kahns „Weiter, immer weiter!“ wird zum ewigen Bayern-Mantra. Schalke wird zum Meister – aber nur der Herzen.

25. April 2009: Klinsi raus, Neuer rein

Halil Altintop köpft Schalke in München zum Bundesliga-1:0, zwei Tage später ist Jürgen Klinsmann seinen Trainer-Job los. Im anderen Strafraum treibt ein 23-Jähriger namens Manuel Neuer die Bayern zur Weißglut. Philipp Lahm erinnert sich: „Er hat ein überragendes Spiel gemacht.“

Manu fliegt – hier noch im S04-Trikot.
Manu fliegt – hier noch im S04-Trikot. | © Imago

Einen Monat später erklärt Uli Hoeneß: „Es gibt nur einen Torhüter, der uns derzeit interessiert. Das ist Manuel Neuer.“ 2011 wird der Flirt Realität. Neuer wechselt nach München und prägt die dritte große Torhüterära nach Maier und Kahn. Jupp Heynckes ordnet die Ereignisse rund um den Transfer richtig ein: „Einiges, was hier passiert ist, hat Manuel nicht verdient.“

24. März 2010: Robben und die Formel 1 auf dem Acker

Das Pokal-Halbfinale findet auf einem Rasen statt, den Joachim Löw eine „Zumutung“ nennt. Uli Hoeneß verdächtigt Schalke-Trainer Felix Magath sogar, den Acker auf Schalke bewusst so belassen zu haben. 112 Minuten passt der Fußball zum Untergrund. Dann nimmt Arjen Robben tief in der eigenen Hälfte Fahrt auf, läuft 70 Meter und entscheidet das Spiel im Formel-1-Tempo.

Arjen Robben hat 2010 genug vom Ackern – und übt schon mal für Wembley.
Arjen Robben hat 2010 genug vom Ackern – und übt schon mal für Wembley. | © Imago

Magath muss zugeben: „Weltklassetor.“ Robben widmet es seiner neun Tage alten Tochter Lynn. Zehn Tage später führt Schalke vor der Liga-Revanche in der Tabelle mit zwei Punkten. Doch Bayern gewinnt trotz Unterzahl 2:1, übernimmt Platz eins und gibt ihn nicht mehr her. Schalke muss wieder tapfer sein: Pokal weg, Meisterschaft weg.

18. September 2020: Das 0:7 steht auf dem Kopf

44 Jahre nach der größten Bayern-Heimpleite dreht sich das Bild. Der frischgebackene Triple-Sieger eröffnet die Saison mit einem 8:0 – höchster Auftaktsieg der Bundesliga-Geschichte. 7.500 Fans sollen kommen, doch Corona macht kurzfristig dicht: Geisterspiel statt Triple-Party.

Leroy, Levy & Co. jubeln 2020 gegen Schalke – dieses Spiel hätte Zuschauer verdient.
Leroy, Levy & Co. jubeln 2020 gegen Schalke – dieses Spiel hätte Zuschauer verdient. | © Imago

Besonders bitter: Bayerns Ex-Schalker tun weh. Manuel Neuer bestreitet gegen seinen Jugendklub sein 250. Ligaspiel für Bayern. Leon Goretzka trifft. Knappenschmiede-Kind Leroy Sané liefert beim Bayern-Debüt ein Tor und zwei Vorlagen. 

Jetzt also wieder S04 gegen FCB, erstmals seit dem Abstieg 2023. Schalke wartet seit 2011 auf einen Sieg gegen Bayern. Die Knappen als Aufsteiger chancenlos? Von wegen! Dieses Duell war immer dann am besten, wenn der Sieger vorher praktisch feststand – und anschließend alles anders kam.

Über den Autor: Unser Kolumnist, der „Balkonpoet“, war schon vor der WM 1974 als kleiner Münchner Bub überzeugt: „Der FC Bayern wird Weltmeister – weil da Franz Beckenbauer und Gerd Müller mitspielen.“

Gut, den Unterschied zwischen Vereinsfußball und Nationalelf musste er noch lernen. Aber an seiner Grundüberzeugung hat sich nichts geändert: Ein Spiel dauert 90 Minuten, und am Ende gewinnt der FC Bayern. Zumindest meistens.

In den Säbener Stories verbindet er jahrzehntelange Bayern-Leidenschaft mit einem amüsanten und unterhaltsamen Blick auf die Mannschaft von heute. Pack ma’s, Vincent!

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