
Säbener Stories
Do | 24.09.2026 | 12:43
Vom Kaiser bis zum Raumdeuter: Die Länderspiel-Premieren unserer Legenden
Säbener Stories – das ist die Kolumne für alle, die den FC Bayern München leben und lieben. Hier geht es um die ruhmreiche Vergangenheit und die spannende Gegenwart des Rekordmeisters.
Drei lange Wochen ohne Bundesliga – dafür beginnt beim DFB eine neue Zeitrechnung. Am Donnerstag feiert Jürgen Klopp in Amsterdam gegen die Niederlande seinen Start als Bundestrainer. Auch ein Bayern-Talent könnte in den anstehenden Spielen debütieren: Torwart Jonas Urbig wartet auf sein erstes A-Länderspiel.
Solche Premieren sorgen bei Bayern-Stars gern für Spektakel – mit Tugendwächtern, Ladehemmung, falschem Elfmeter, Maradona-Gaudi und einer semioptimalen Kicker-Note. Zehn denkwürdige erste Länderspiele.
Franz Beckenbauer 1965: Noch kein Kaiser – aber schon Papa
Bevor der Franz A-Nationalspieler werden darf, beschäftigt er beim DFB die Moralabteilung. Denn mit 18 ist der umtriebige Beckenbauer bereits blutjunger Vater. Und obwohl sich der Herrgott bekanntlich über jedes Kind freut, ist er damit für manche Funktionäre „Persona non grata“. Jugendtrainer Dettmar Cramer und „Wunder von Bern“-Legende Sepp Herberger boxen das Riesentalent durch. Cramer wacht als „Anstands-Wauwau“ über Franz und teilt sogar das Zimmer mit ihm.

Ein gutes Jahr später ist Beckenbauer gerade 20 und hat erst sechs Bundesligaspiele auf dem Giesinger Buckel. Bei seinem A-Debüt am 26. September 1965 droht ihm die „Hölle von Schweden“: WM-66-Qualifikation in Solna, Deutschland muss gewinnen. Helmut Schön zweifelt, ob der junge Münchner das packt. Kapitän Uwe Seeler überzeugt den Bundestrainer: „Bei einem wie ihm muss man nicht lange gucken.“ Deutschland gewinnt 2:1 und fährt nach England. Das Sportmagazin staunt: „Der junge Beckenbauer spielte schon wie ein alter Routinier.“ Noch ist Franz kein Kaiser. Aber die Krönungszeremonie hat begonnen.
Gerd Müller 1966: Der Bomber startet mit Ladehemmung
Das erste Länderspiel des Bombers am 12. Oktober 1966 hat einen Schönheitsfehler: Gerd Müller trifft nicht, was er sonst praktisch nie tut. Beim 2:0 in Ankara gegen die Türkei geht er leer aus.

Fast wäre der „Bomber in spe“ gar nicht dabei. Uwe Seeler ist verletzt, dann erwischt es im Training auch noch Lothar Ulsaß. Nur deshalb kommt Gerd zu seiner Premiere. Ein halbes Jahr später beginnt das Müllern auch im Nationaltrikot: Beim 6:0 gegen Albanien erzielt er vier Treffer. Erst null, dann vier – Eingewöhnungszeit auf Bomber-Art. 64 weitere Länderspieltore kommen bis 1974 dazu.
Uli Hoeneß 1972: Noch nicht mal Profi – und bereits Europameister
Bei Uli Hoeneß läuft schon die DFB-Karriere im späteren Manager-Tempo. 20 Jahre alt, 29. März 1972 in Budapest – Helmut Schön stellt ihn sofort auf. Paul Breitner erzielt gegen Ungarn das 1:0, Hoeneß macht in der 88. Minute das 2:0. Udo Latteks junge Wilde erobern die Nationalelf. 31 Tage später folgt Wembley. Noch nie hat eine deutsche Nationalmannschaft dort gewonnen. Diesmal schon: 3:1, Hoeneß trifft erneut.

Am 18. Juni, 81 Tage nach seinem Debüt, ist Uli Europameister. Der im Kopf und mit den Beinen blitzschnelle Ulmer braucht keine drei Monate bis zum großen Titel. Dabei ist er offiziell noch gar kein Profi: Weil Hoeneß zu Olympia 1972 in München will, spielt er als Vertragsamateur – und bedient laut Präsident Wilhelm Neudecker an der Säbener Straße „in der Poststelle die Frankiermaschine“.
Lothar Matthäus 1980: 17 Minuten und ein falscher Elfer
Der 19-jährige Matthäus kickt für Gladbach, als Schön-Nachfolger Jupp Derwall ihn ohne ein einziges A-Länderspiel zur EM nach Italien mitnimmt. Am 14. Juni 1980 führt Deutschland gegen Holland 3:0. Kapitän Bernard Dietz geht in der 73. Minute raus – jetzt kann ja nichts mehr passieren, oder? Kann es doch!

Nesthäkchen Lothar verursacht prompt einen Elfmeter, die Niederländer kommen noch auf 3:2 heran. Das Gemeine: Das Foul an Johnny Rep passiert außerhalb des Strafraums. So vermasselt der Schiedsrichter Lothars Debüt-Zeugnis. Man verzeiht dem jungen Franken. Lothar wird 1980 Europameister, 1990 Weltmeister und macht weitere 149 meist exzellente Länderspiele. Rekord!
Philipp Lahm 2004: Vom Amateur direkt zum Klassenbesten
Sieben Monate vor seinem ersten Länderspiel kickt Philipp Lahm noch bei den Bayern-Amateuren. Inzwischen ist er an Stuttgart ausgeliehen – und erfährt erst in der Mannschaftssitzung, dass Rudi Völler ihn am 18. Februar 2004 in Split gegen Kroatien von Beginn an als Linksverteidiger bringt.

Nach 15 Minuten rettet der 20-Jährige für Oliver Kahn auf der Linie. Deutschland gewinnt 2:1, der kicker kürt Lahm zum Spieler des Spiels. Der Debütant nennt diese Premiere später sein „vielleicht schönstes Länderspiel“. Aus dem überraschenden Startelfeinsatz wird ein Prinzip: Einwechselspieler ist Philipp in 113 Länderspielen kein einziges Mal. Ganz oder gar nicht.
Bastian Schweinsteiger 2004: Ausgerechnet gegen Lothar
Vier Monate nach Lahm kommt der nächste Bayern-Bua. Kaiserslautern, 6. Juni 2004, Deutschland gegen Ungarn. Und auf der anderen Trainerbank? Lothar Matthäus – der vor dem Spiel 22 (!) Absagen verkraften muss. Seine Ungarn führen zur Pause trotzdem 2:0. Dann schickt Rudi Völler den 19-jährigen Schweinsteiger rein. Deutschland verliert 0:2. Der Neue macht trotzdem Spaß.

Der DFB nennt ihn den „Gewinner unter den Verlierern“. Kurz darauf darf Basti mit zur EM. Zehn Jahre danach steht derselbe Bursche mit blutverschmiertem Gesicht im Maracanã und wird Weltmeister.
Manuel Neuer 2009: Der Bayern-Flirt in der Dubai-Sauna
Manus erstes A-Länderspiel beginnt maximal schräg. 2. Juni 2009, 30-Grad-Sauna in Dubai, vor dem Anpfiff streikt die Technik. Die Nationalhymnen fallen aus. Deutsche Fans übernehmen „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Auf dem Platz ist Neuer dafür sofort hellwach. Beim 7:2 gegen die Emirate (mit vier Toren von Mario Gómez) hält der 23-jährige Noch-Schalker stark und ist an beiden Gegentoren schuldlos.

Wenn sich einer damit auskennt, ist es Oliver Kahn. Der ZDF-Experte lobt: „Er macht einen hervorragenden Eindruck.“ Der FC Bayern schaut eh genau hin: Eine Woche zuvor hat Uli Hoeneß Neuer öffentlich zum Wunschkeeper erklärt. Zwei Jahre später ist Manu Münchner. Der Rest, wie man so schön sagt, ist Geschichte – und auch 2026 noch nicht zu Ende erzählt.
Thomas Müller 2010: Diego Maradona deutet den Raum falsch
Thomas Müller spielt immer – bald auch bei Jogi Löw. Uli Hoeneß warnt nach dem Senkrechtstart des Pähler Lausbuben noch vor zu viel Wirbel: „Deutschland kann die WM 2010 auch ohne Thomas Müller erfolgreich spielen.“ Kann es eben nicht! Beim Debüt am 3. März 2010 in der Allianz Arena steht der angehende Raumdeuter gegen Argentinien gleich in der Startelf. Deutschland verliert 0:1.

Auf der Pressekonferenz soll der Bayern-Jungspund ein paar Sätze zum Spiel sagen. Doch dann kommt Diego Maradona, Trainer und Fußball-Herrgott der Argentinier. Er sieht Müller auf „seinem“ Podium – und ist bedient. Diego verlässt demonstrativ die Bühne und wartet, bis der verdutzte Müller hinausgeführt wird. Später erklärt er: „Ich hielt ihn für einen Balljungen.“
Thomas nimmt’s Müller-typisch locker: „Vielleicht kennt er mich nach der WM.“ Vier Monate später weiß Diego, wer hier müllert. WM-Viertelfinale gegen die Gauchos: Müller köpft in der dritten Minute das 1:0, Deutschland gewinnt 4:0. Nach dem Turnier kennen alle den WM-Torschützenkönig, den Mann mit dem Goldenen Schuh.
Harry Kane 2015: 79 Sekunden bis zum Traum
Einmal verlassen wir Deutschland. Denn Harry Kanes England-Premiere ist zu schön, um sie liegenzulassen. Wembley, 27. März 2015. Der 21-Jährige kommt gegen Litauen beim Stand von 3:0 für Wayne Rooney ins Spiel.

79 Sekunden später köpft Kane sein erstes Länderspieltor. „It’s a dream come true“, sagt er danach. Aus dem Debütanten wird Englands Rekordtorschütze und Bayerns Torgarantie. Harry braucht für seinen ersten Einschlag bei den Three Lions nicht einmal anderthalb Minuten.
Joshua Kimmich 2016: Wasserball und die Note 5,5
Joshs Premiere ist das Gegenmodell zu Kane. Am 29. Mai 2016 schüttet es in Augsburg gegen die Slowakei derart, dass die zweite Halbzeit 30 Minuten verspätet beginnt. Der Platz ist kaum bespielbar, Deutschland verliert 1:3 – und der Kicker verpasst Jung-Kimmich die unerfreuliche Note 5,5.

Ein Jahrzehnt später kennt er die Zahl immer noch auswendig. „Der Platz war kaum bespielbar, wir haben zwei Standard-Gegentore kassiert, beide Male war mein Gegenspieler beteiligt“, erinnert sich Josh. Jogi Löw nimmt ihn trotzdem zur EM mit. 28 Tage später wartet im Achtelfinale wieder die Slowakei. Diesmal gewinnt Deutschland 3:0. Aus dem 5,5-Debütanten wird ein DFB-Dauerbrenner – und Jürgen Klopps Kapitän.
Über den Autor: Unser Kolumnist, der „Balkonpoet“, war schon vor der WM 1974 als kleiner Münchner Bub überzeugt: „Der FC Bayern wird Weltmeister – weil da Franz Beckenbauer und Gerd Müller mitspielen.“
Gut, den Unterschied zwischen Vereinsfußball und Nationalelf musste er noch lernen. Aber an seiner Grundüberzeugung hat sich nichts geändert: Ein Spiel dauert 90 Minuten, und am Ende gewinnt der FC Bayern. Zumindest meistens.
In den Säbener Stories verbindet er jahrzehntelange Bayern-Leidenschaft mit einem amüsanten und unterhaltsamen Blick auf die Mannschaft von heute. Pack ma’s, Vincent!
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