
Säbener Stories – das ist die Kolumne für alle, die den FC Bayern München leben und lieben. Hier geht es um die ruhmreiche Vergangenheit und die spannende Gegenwart des Rekordmeisters.
Vierte Liga, aber ganz große Emotionen! Am Sonntag um 14 Uhr spielt unsere zweite Mannschaft im Grünwalder Stadion gegen den TSV 1860. Früher ging es beim Münchner Derby um Deutsche Meisterschaften – heute nur noch um Punkte in der Regionalliga Bayern. Das ändert aber nichts daran, dass wir unbedingt die „Stadtschale“ haben wollen!
Drei Ligen trennen unsere Profis mittlerweile von den Löwen. Trotzdem fiebert München auch diesem Derby entgegen. Denn: Die große Liebe kann man vielleicht wechseln – den „Lieblingsfeind“ aber nie. Das gilt seit dem ersten Aufeinandertreffen vor 124 Jahren. Wir erzählen spannende rot-blaue Geschichten.
Von wegen „Hawedehre, Herr Nachbar“
Ein Bayern-Fan feiert Meisterschalen – ein Löwen-Anhänger hadert eher mit den Abstiegen, wie zuletzt im Sommer 2026. Der eine lästert über die „Turner“, der andere über das „Stadion am Müllberg“. Und beide werden grantig, wenn über ihren Herzensverein hergezogen wird.

Dabei wohnen sie praktisch Tür an Tür: Gerade mal 850 Meter liegen zwischen der Säbener Straße 51 und der Grünwalder Straße 114. Man ist sich nah – und doch so fern. Nach einem fröhlichen „Hawedehre, Herr Nachbar“ klingt das nicht.
Die Nachbarschaft besteht, seit der FC Bayern 1949 auf der ehemaligen Bezirkssportanlage Harlaching an der Säbener Straße den Trainingsbetrieb aufgenommen hat (die Löwen waren ja schon seit 1928 da).

Doch das waren noch andere Münchner Zeiten. 60-Meisterspieler Hans Reich erinnert sich aus Löwen-Sicht an die frühen Bundesliga-Jahre: „Sechs von zehn Münchnern waren blau, der Rest rot.“ Keine Volkszählung, aber womöglich das damalige Lebensgefühl. Die Tabelle hat sich geändert. Die herzliche Abneigung nicht. Gute Freunde kann niemand trennen? „Gute Feinde“ auch nicht.
Als die Bayern selber blau waren
Das erste Derby steigt am 21. September 1902. Auf dem Bayern-Platz an der Clemensstraße in Schwabing gewinnt der FCB 3:0. Überraschung: Die Bayern sind damals noch gar nicht rot, ihre Gründer tragen Blau. Erst 1906 kommen Rot und Weiß ins Spiel.
Auch der Mythos vom „feinen“ FCB und dem Arbeiterklub aus Giesing hinkt: 1860 war lange ausgesprochen bürgerlich, Bayern entstand im liberalen Schwabing. Der ewige Hauskrach beginnt früh. 1919 wird ein Derby nach 70 Minuten abgebrochen, weil 1860 einen Platzverweis nicht anerkennt. 1921 taucht der Schiri erst in der 21. Minute auf.
Der Bundesliga-Sündenfall des DFB
Mai 1963. Beim FC Bayern landet ein DFB-Einschreiben – höflich formuliert, trotzdem knallhart: „Liebe Sportkameraden! Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen...“ Das war der Schock: Keine Bundesliga für den FCB! Den einzigen Münchner Platz bekommen die Löwen als Südmeister. Der FC Bayern liegt in der langfristigen Wertung zwar vor 1860. Aber der DFB gewichtet die jüngste Saison stärker.

Bayern-Präsident Wilhelm Neudecker protestiert auf 13 Seiten. Vergeblich. Unser späterer Bundesliga-Kapitän Werner Olk erinnert sich an den Spott der Blauen: „Wir fliegen nach Hamburg, ihr fahrt mit dem Bus nach Ingolstadt.“ Alt-Ministerpräsident Edmund Stoiber, seit 1966 Bayern-Mitglied, nennt die Entscheidung noch heute, 63 Jahre später, „einen Urfehler des Deutschen Fußball-Bundes“.
Kaiser gegen König: Eine Watschn für die Weltgeschichte
Dabei hätten die Löwen die Fußballgeschichte auch ohne umstrittene DFB-Entscheidung verändern können. 1958 will der Ur-Giesinger Bub Franz Beckenbauer zu Sechzig. „Ich bin in Giesing aufgewachsen, das ist 60er-Gebiet“, erzählt er später. „Der FC Bayern kam aus Schwabing – das war für uns weit, weit weg.“

Doch bei einem Jugendspiel seines SC 1906 bekommt der 12-jährige Franz von Löwen-Verteidiger Gerhard König eine Watschn verpasst. Er geht aus Trotz zu Bayern. „Es war keine schlechte Entscheidung im Nachhinein“, untertreibt der Kaiser später. König erinnert sich: „Der Franz kann froh sein, dass ich ihm eine geschmiert hab’!“
Was die Wenigsten wissen: Die Sache mit dem „roten“ Franz war noch längst nicht ausgestanden. 1964 locken ihn die Löwen noch einmal. Beckenbauer verrät irgendwann, dass er ohne den Bayern-Aufstieg 1965 „wahrscheinlich gewechselt wäre“. Doch das passiert gottlob nicht. Eine Ohrfeige, ein heiß ersehnter Aufstieg – und der Münchner Fußball wird spätestens ab 1967 rot.
Beinahe ein Bomber in Blau
1964 folgt die nächste Beinahe-Watschn für die Bayern. Beide Klubs wollen den sagenumwobenen jungen Nördlinger Torjäger Gerhard Müller – den sie daheim im Ries nicht Gerd nennen, sondern „Hadde“. Die Löwen beschäftigen allerdings Nationalspieler im Überfluss, und können dem kompakten Talent zunächst nur einen Platz in der Reserve bieten. Beim FC Bayern, damals noch zweitklassig, winkt sofort die Chance in der ersten Mannschaft. Deshalb ist für den „Hadde“ die Wahl klar.

Am 10. Juli reisen Bayern-Geschäftsführer Walter Fembeck und Vorstand Peter Sorg nach Nördlingen. Um 11.30 Uhr sind sie bei Familie Müller, eine Stunde vor den Löwen. Als deren Vertreter klingeln, verschwinden die Bayern-Leute durch die Hintertür ins Wirtshaus. Der Bub und Mutter Karoline wimmeln die Sechzger ab.
Den Zuschlag bekommt Bayern. Auch wenn Trainer Tschik Čajkovski zunächst über den stämmigen Kerl spottet („Ist er Ringer?“), ist das eine der besten Entscheidungen in der Geschichte des FC Bayern – und der entscheidende Kick, um die Löwen langfristig abzuhängen.
Der Ringer wird zum Bomber. Vier Jahrzehnte später fragt 1860 übrigens beim jungen Thomas Müller an. Dessen Antwort: „Da seid’s zu spät dran!“ In Giesing sollte man Spieler namens Müller vielleicht früher anrufen.

5:0 für Bayern – leider nur ein Bubenstreich
14. August 1965. Das erste Bundesligaspiel des FC Bayern, ausgerechnet gegen 1860. Vor 44.000 Zuschauern im gesteckt vollen Grünwalder Stadion trifft Timo Konietzka in der ersten Minute – und sorgt damit auch gleich für den Endstand. Bayern-Verteidiger Jakob Drescher schimpft noch Jahrzehnte später: „Eine saublöde Situation.“ 5:0 für Bayern geht es nur auf dem Anzeigetaferl in der Westkurve aus, auf dem Bayern-Fans die Zahlen ausgetauscht haben. Es bleibt nicht der letzte Streich auf dem „heiligen“ Terrain der Blauen.

Im Mai 1966 werden die Löwen zum ersten und einzigen Mal Deutscher Meister, die Bayern als Aufsteiger sensationell Dritter. Und jetzt die Derby-Mathematik: Hätte Bayern den Auftakt gewonnen und wäre sonst alles gleichgeblieben – dann wären die Roten Meister geworden. Ein schmerzhaftes Gedankenspiel.
Wenigstens gewinnt Bayern das Rückspiel 3:0 (ausnahmsweise ohne Tor vom „Ringer“) und später den DFB-Pokal. Gerds Sturmkollege Rainer Ohlhauser erinnert sich an die damaligen Verhältnisse: „Als Prämie wurde bei 1860 das Doppelte bezahlt.“ In ihrer Meister-Ära sind die Löwen die Großen. Noch.
Bin i Radi, bin i Depp!
1965 hat Sechzig sogar einen Schlagerstar. Torwart Petar Radenković stürmt mit „Bin i Radi, bin i König“ in die Hitparade. Bayern-Keeper Sepp Maier frotzelt zurück: „Bin i Radi, bin i Depp, König ist der Maier Sepp.“ Radi trägt es ihm nicht nach: „Wir beide waren immer Freunde.“

Auch das ist die Derbykultur der ersten Bundesliga-Jahre: Sticheln – und Freunde bleiben. Doch auf dem Rasen kippt das Kräfteverhältnis. 1967 trifft Rainer Ohlhauser beim 3:1 im Pokal-Halbfinale gegen die Blauen zweimal, dann holt Bayern zum zweiten Mal in Folge den Cup. Die Zeit der blauen Überlegenheit ist vorbei.
Eine Fußball-WG auf Giesings Höhen
Das Grünwalder Stadion ist jahrzehntelang eine Münchner Fußball-WG, in der keiner dem Nachbarn den Haustürschlüssel wegnehmen kann. Der TSV baut es 1911, Bayern spielt dort bis 1972. Hier wachsen Maier, Müller und Beckenbauer zu Weltstars heran.

1959 enden im Grünwalder zwei Pokalspiele gegen Sechzig nach jeweils 120 Minuten 0:0. Weil das Elfmeterschießen noch nicht erfunden ist, muss das Los entscheiden – und fällt auf die Löwen. 1972 kündigen die Bayern die WG-Mitgliedschaft. Das Olympiastadion lockt, und mit ihm eine ganz neue Fußballdimension.
Das Derby, das nicht sterben will
Ab den 70ern sind die Löwen mal oben, mal unten. An Brisanz verliert Rot gegen Blau aber nie. 1977 wird schon wieder gewatscht: Karl-Heinz Rummenigge verpasst beim 3:1-Sieg der Löwen deren Stürmer Beppo Hofeditz in der 90. Minute eine zünftige Ohrfeige und fliegt vom Platz. Hofeditz hatte Rummenigge vorher beleidigt.

1999/2000 gewinnen die Löwen beide Bundesligaderbys. Werner Lorant triumphiert. Bayern wird trotzdem Meister – grad zum Fleiß! 2004 lästert die rote Südkurve gegen den abstiegsbedrohten Nachbarn: „Und draußen vor der roten Stadt, steh’n die Blauen sich die Füße platt.“ Roque Santa Cruz schießt das letzte Bundesliga-Derbytor zum 1:0.

2008 folgt das bis heute letzte Profiderby: Pokal-Viertelfinale, tief in der Nachspielzeit der Verlängerung. Franck Ribéry verwandelt einen Elfmeter, muss wegen zu früh reingelaufener Bayern wiederholen – und trifft einfach noch einmal. 1:0. Seit 18 Jahren gibt es kein Profi-Derby mehr. Doch der Spott macht keine Pause.
Eine Scheidung mit Blaskapelle
2005 beziehen beide Klubs die gemeinsam gebaute Allianz Arena. 2006 verkauft der klamme TSV seinen Anteil für elf Millionen Euro an Bayern. 2017 endet auch die Mieter-Ehe. Uli Hoeneß hatte angekündigt: „Dann führe ich die Kapelle, die die Sechziger aus dem Stadion begleitet, persönlich mit dem Defiliermarsch an.“

Die rot-blau leuchtende Arena verwandelt sich in den Bayern-Tempel. Und Uli Hoeneß weiß natürlich: „Wir hätten unser Stadion nie ohne 1860 bekommen.“ Eine Scheidung, bei der man dem Ex noch dankbar ist – und trotzdem sofort die Wohnung neu streicht, ganz in Rot.
Drei Klassen liegen heute zwischen Bayern und 1860. Aber als „Lieblingsfeinde“ bleiben sie unzertrennlich. Am Sonntag geht es im Grünwalder um drei Punkte – im einzigen Stadion, in dem zwei verschiedene Klubs in der Bundesliga Deutscher Meister wurden. Es geht um die „Stadtschale“, und 124 Jahre nach dem ersten Derby immer noch um die Ehre. Motto: Mia san mia. Und ihr seid’s ihr.
Über den Autor: Unser Kolumnist, der „Balkonpoet“, war schon vor der WM 1974 als kleiner Münchner Bub überzeugt: „Der FC Bayern wird Weltmeister – weil da Franz Beckenbauer und Gerd Müller mitspielen.“
Gut, den Unterschied zwischen Vereinsfußball und Nationalelf musste er noch lernen. Aber an seiner Grundüberzeugung hat sich nichts geändert: Ein Spiel dauert 90 Minuten, und am Ende gewinnt der FC Bayern. Zumindest meistens.
In den Säbener Stories verbindet er jahrzehntelange Bayern-Leidenschaft mit einem amüsanten und unterhaltsamen Blick auf die Mannschaft von heute. Pack ma’s, Vincent!
Themen dieses Artikels