
Säbener Stories
Do | 05.11.2026 | 10:30
Forever Harry Kane! Und sechs weitere Bayern-Tormaschinen im Strafraum-Check
Säbener Stories – das ist die Kolumne für alle, die den FC Bayern München leben und lieben. Hier geht es um die ruhmreiche Vergangenheit und die spannende Gegenwart des Rekordmeisters.
Yeah, yeah, yeah! Die Bayern-Fans jubeln über Harry Kanes Vertragsverlängerung wie die Teenies 1963 bei den Beatles. Unser englischer Goldjunge bleibt bis 2029! Das ist so schön wie ein Haken von Arjen Robben, ein magisches Solo von Michael Olise und eine Glanzparade von Manuel Neuer in einem.
Nach 156 Kane-Toren in gut drei Jahren wird es Zeit, über sieben Tormaschinen des FC Bayern zu reden. Über klassische Mittelstürmer, bei denen sich die Verteidiger fragen, warum sie am Morgen nicht im Bett geblieben sind: Gerd Müller, Dieter Hoeneß, Roland Wohlfarth, Giovane Élber, Roy Makaay, Robert Lewandowski – und Harry Kane.
Sieben Stürmer. Sieben Charaktere. Sieben Arten, die Gegner zur Verzweiflung zu bringen. Diese Säbener Story ist eine Liebeserklärung an die schönste Kunst des Fußballs: das Toreschießen!
Gerd Müller (1964 bis 1979): Der GOAT aus Nördlingen
Er ist der GOAT – Jahrzehnte, bevor es den Begriff im Fußball gibt. Der Gerd of all Time. Der Muhammad Ali der Strafräume. Ein halber Meter Platz zwischen dem Bomber und seinem Bewacher ist praktisch ein Elfmeter. Po-Wackler, Drehung, Bumm! Bis sein überforderter Manndecker merkt, wo der Ball ist, liegt die Kugel schon wieder im Netz. Mit Spann, Knie oder mit dem Hintern: Zum Toreschießen taugt jedes Nördlinger Körperteil.

Gerd macht den Strafraum zum Bestrafraum – für die Verteidiger. Kalle Rummenigge erinnert sich an den Tanz vor dem Tor: „Vor, zurück, vor, zurück, zurück, vor, vor, vor… Und wenn Gerd dann 20 Zentimeter vorne war, war der Verteidiger verloren.“ Bumm gelaufen für den Mann.
365 Bundesligatore, davon 40 allein 1971/72 – und in dieser Saison kein einziges per Elfmeter. Trotzdem hinkt der Vergleich zwischen Gerd und Harry wie ein gegnerischer Vorstopper, dem der Bomber vier Kisten eingeschenkt hat. Zu Gerds Zeiten regieren eisenharte Manndecker statt Raumdeckung. Wenn er da hinten aufgetaucht wäre, wo heute Harry Kane phasenweise aushilft, hätte ihn Kaiser Franz sofort verscheucht: „Schleich di!“ Tatsächlich glänzt auch Gerd Müller mit klugen Ablagen und brillanten Doppelpässen. Aber sein Reich bleibt der Strafraum – in dem 20 Zentimeter eine Welt bedeuten können.
Dieter Hoeneß (1979 bis 1987): Der unverwüstliche Brecher
Man hätte Dieter Hoeneß größer geschätzt als seine realen 1,88 Meter. Auf dem Platz wirkt er wie ein gefühlter Zwei-Meter-Stürmer. Eine menschliche Schrankwand mit eingebautem Torinstinkt. Gegner abdrängen, Bälle abschirmen. „Man braucht Neuner nicht nur für Tore, sondern auch, um Räume für die Dribbler zu schaffen“, weiß Ulis kleiner großer Bruder.

Pokalfinale 1982 gegen Nürnberg: Nach einem Zusammenprall blutet seine Stirn. Raus? Von wegen. Nähen, Turban, weiter! Bayern liegt 0:2 zurück. Dieter bereitet zwei Tore mit dem Kopf vor und köpft selbst das 4:2. Diagnose: Pokal gewonnen, Verband blutrot – und ab sofort eine Legende!
Das Verrückte: Von 145 Bayern-Toren erzielt das vermeintliche „Kopfballungeheuer“ nur 27 mit dem Schädel. Nicht einmal jedes fünfte! Seine beiden Tore des Monats 1982 sind technische Bravourstücke, und praktisch identisch: Brustannahme, Volley, drin! Ein Brecher mit Feingefühl.
Roland Wohlfarth (1984 bis 1993): Der unterschätzte Überlebenskünstler
Engelsgesicht, Killerinstinkt. Während Bayern immer neue Leistungsträger verpflichtet, trifft Roland Wohlfarth neun Jahre lang einfach immer weiter. Er erinnert sich: „Spätestens nach drei Wochen wurde die Fankurve unruhig und hat nach mir gerufen. Dann habe ich meine Tore gemacht – und spätestens nach vier Wochen hatte ich meinen Stammplatz wieder.“ Harry-Kane-artige 156 Bayern-Tore sind es am Ende – die Zahl kommt uns bekannt vor! Andere Quellen sprechen von 155 Toren. Auf jeden Fall: viele!

Das Repertoire von „Rolando furioso“: Tempo, Dribblings, Kopfball, linker Fuß. Im Pokalfinale 1986 gegen Stuttgart trifft er beim 5:2 dreimal: mit einem Heber aus 20 Metern, per Kopf und mit links. 1989 gegen den Titelrivalen Köln: 3:1, Dreierpack, Meisterschaftsrennen gelaufen! Andere üben Siegerposen. Roland Wohlfarth übt den Wiederanstoß.
Giovane Élber (1997 bis 2003): Der bayerischste Brasilianer
Bei Publikumsliebling Giovane wird der Strafraum zum Zirkuszelt. Haken, Heber, kreativer Torjubel. Gegen Wolfsburg wickelt er sich 1998 in einen Teppich ein. 1999 rennt Rostocks Torwart Martin Pieckenhagen bis zur Eckfahne. Giovane klaut ihm den Ball und schießt von dort aus physikalisch nahezu unmöglichem Winkel in den leeren Kasten. Tor des Jahres!
Sein größtes Kunststück: Champions-League-Halbfinale 2001 gegen Real Madrid. Zwölf Tage zuvor wird er am Knie operiert. Bis zu zwölf Stunden täglich schuftet er fürs Comeback. Ottmar Hitzfeld will ihn zunächst schonen, doch Giovane besteht auf die Startelf. 55. Minute, Bernabéu: Drehung, Schuss mit links aus 20 Metern – 1:0, der einzige Treffer des Tages!

Hinter dem Tor-Wunder steckt mal wieder ein Müller – aber diesmal mit Wohlfahrt. Danke, Doc! Anschließend küsst Giovane sein operiertes Knie. „Ich wusste nicht, wo der Torwart stand“, gesteht er später. Iker Casillas weiß dagegen ganz genau, wo der Ball einschlug.
Bei einfachen Chancen denkt der bayerische Brasilianer manchmal allerdings zu viel nach. Gerd Müller (ohne Wohlfahrt) rät ihm, lockerer abzuschließen. In Madrid bleibt keine Zeit zum Grübeln. Ein linker Fuß – und der Weg zum Champions League-Triumph 2001 in Mailand ist frei.
Roy Makaay (2003 bis 2007): Das unsichtbare Phantom
Verteidiger sehen Roy Makaay oft erst, wenn er jubelt. Er lauert an der Viererkette, startet im perfekten Moment. Ein Gegenspieler verzweifelt: „Den kann man nicht decken. Denn er ist eigentlich nie am Ball. Aber wenn er ihn hat, ist es zu spät – dann hat er gerade getroffen.“

2007, wieder Champions League gegen Real. Die Spanier haben Anstoß. Roberto Carlos verliert den Ball an „Brazzo“ Salihamidžić, der passt zu Roy Makaay. Schuss. TOR! Nach 10,12 Sekunden! Da ist selbst Usain Bolt gerade erst im Ziel. Das schnellste Tor der Champions League-Geschichte. Real ist noch nicht warm, unser Niederländer könnte fast schon unter die Dusche.
Das Phantom mit der Nummer 10 als „Tarnung“ kann aber auch Pässe verteilen und sich ins Mittelfeld zurückfallen lassen – vielleicht hat ja Harry Kane Roys alte Videos gesehen. Als er 2003 aus La Coruña kommt, verlangt Manager Uli Hoeneß nur eines: „Tore. Mehr nicht.“ Roy Makaay liefert, 103-mal insgesamt. Der siegende Holländer: unsichtbar auf dem Rasen, unübersehbar auf der Anzeigetafel.
Robert Lewandowski (2014 bis 2022): Die perfekte Tormaschine
Der kleine Robert ist so dünn, dass sein Jugendtrainer ihm Speck zum Aufpäppeln empfiehlt. Aus „Bobek“ wird ein Stürmer, bei dem jeder Muskel einen eigenen Arbeitsvertrag hat. Rechts, links, Kopf, Seitfallzieher: Alles sitzt. Hansi Flick vergleicht Lewys Körper mit einem Formel-1-Auto.

Zu Hause analysiert Anna Lewandowska, Ehefrau und erfolgreiche Karatekämpferin, mit ihrem Robert die Spiele. Zwei Tore? Schön! Aber warum nicht vier? Oder fünf? 2015 gegen Wolfsburg liegt Bayern zur Pause 0:1 zurück. Lewy kommt rein – und macht fünf Tore in neun Minuten! Pep Guardiola fasst sich verdattert an den Kopf.
2021 jagt Robert Gerd Müllers GOAT-Rekord von 40 Saisontoren. Am letzten Spieltag gegen Augsburg steht er noch bei 40. In der 90. Minute schießt Leroy Sané, Torwart Rafał Gikiewicz wehrt ab, Lewy staubt ab. Sein 41. Treffer! Den Bomber übertrumpft man eben nicht im Vorbeigehen. Dafür braucht es einen langen Atem – und die letzte Aktion einer perfekten Saison.
Harry Kane (2023 bis mindestens 2029): Der Mann für den ganzen Fußballplatz
Gold-Harry ist der Mittelstürmer, der so viel schuftet, dass man ihn eigentlich dreimal in die Aufstellung schreiben müsste – bei der Abwehr, im Mittelfeld und im Angriff. Er spielt Pässe wie Franz Beckenbauer, wittert Räume wie Thomas Müller und vollstreckt wie Gerd Müller.

Er lässt sich tief fallen, dirigiert den Angriff, schickt Michael Olise oder Luis Díaz los – und wartet gleich selbst wieder im Strafraum. Ballverlust? Englands Kapitän jagt sofort hinterher. Jonathan Tah weiß, was das in einer Mannschaft auslöst: „Wenn das ein Spieler wie Harry Kane macht, zieht es jeden mit.“
Gerd Müller, Dieter Hoeneß, Roland Wohlfarth, Giovane Élber, Roy Makaay, Robert Lewandowski und Harry Kane – sieben legendäre Bayern-Mittelstürmer. Sieben Methoden, das Runde dorthin zu befördern, wo es gefälligst hingehört: ins Eckige! Der eine lauert, der andere zaubert, der dritte überrennt seine Gegenspieler. Harry Kane macht am liebsten alles auf einmal. Und das Schönste: Wir dürfen ihm mindestens bis 2029 dabei zuschauen. We love you, yeah, yeah, yeah!
Über den Autor: Unser Kolumnist, der „Balkonpoet“, war schon vor der WM 1974 als kleiner Münchner Bub überzeugt: „Der FC Bayern wird Weltmeister – weil da Franz Beckenbauer und Gerd Müller mitspielen.“
Gut, den Unterschied zwischen Vereinsfußball und Nationalelf musste er noch lernen. Aber an seiner Grundüberzeugung hat sich nichts geändert: Ein Spiel dauert 90 Minuten, und am Ende gewinnt der FC Bayern. Zumindest meistens.
In den Säbener Stories verbindet er jahrzehntelange Bayern-Leidenschaft mit einem amüsanten und unterhaltsamen Blick auf die Mannschaft von heute. Pack ma’s, Vincent (und gute Besserung)! Auf geht‘s, Danksy!
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