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Unterhaching und FC Bayern

Zwischen Schreibtisch und Strafraum: Das Doppelleben der Nicole Rolser

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Morgens Unterhaching, den Rest des Tages FC Bayern: Nicole Rolser (alle Fotos © by Tanja Kernweiss)  führt ein fußballerisches Doppelleben zwischen Schreibtisch und Strafraum. Das FC Bayern-Mitgliedermagazin Säbener 51 hat die Stürmerin während der Hinrunde begleitet.

Bei der Frage, ob sie fremdgeht, muss Nicole Rolser lachen. Sie ist eine treue Seele, natürlich, doch sportlich führt sie ein Doppelleben, räumt sie ein. Morgens arbeitet sie bei der SpVgg Unterhaching, den Rest des Tages stürmt sie für den FC Bayern: „Da bekommt 'Seitenwechsel' gleich eine tiefere Bedeutung.“ Rolser sitzt im Biergarten des Hachinger Sportparks, sie hat Mittagspause und bestellt ausdrücklich eine ganz dünne Holunderschorle. Gegessen hat sie schon, oben in der Küche der Mitarbeiter, sie hat sich selbst was mitgebracht, was Leichtes. In zwei Stunden ist Training am FC Bayern Campus.

Um acht Uhr saß die 27-Jährige heute früh an ihrem Schreibtisch im ersten Stock der Hachinger Geschäftsstelle, ziemlich beengt zu zweit in einem Raum mit hölzerner Dachschräge, und genau genommen ist es nicht allein ihr Schreibtisch, denn sie teilt ihn sich mit einem weiteren Angestellten. Seit 2016 kümmert sie sich bei der Spielvereinigung um die Koordination hinter den Kulissen, seit dem Aufstieg in die Dritte Liga vor eineinhalb Jahren vornehmlich im Jugendbereich. Den Job bekam sie nach einer Initiativbewerbung. Ganz ohne Vitamin B.

„Mir fällt die Decke auf den Kopf“

Nach ihrem Bachelor in BWL und Projektmanagement hatte sie sich ein halbes Jahr ausschließlich auf Fußball konzentriert, „dann bekam ich das Gefühl, mir fällt die Decke auf den Kopf“. Sie schrieb auch an den TSV 1860 und an die Basketballabteilung der Bayern Bewerbungen. Doch Haching meldete sich am schnellsten. Sie kannte den Ruf des familiären Vereins, das Bodenständige liegt ihr. Das Vorstellungsgespräch hätte nicht unkomplizierter laufen können. Sie sagte, sie habe „eh nix zu tun“ und „Megabock“. Von einer Woche auf die nächste fing sie an.

Hinter ihrem Schreibtisch hängt eine Tafel mit Teamfotos der U17 und U19, unterm Fenster sind die Terminpläne der Junioren mit Reißnägeln ins Holz gedrückt. Namensschilder für Pressekonferenzen stehen auf einem Sideboard, der Schreibtisch der Bayern-Spielerin bietet das übliche Büro-Allerlei aus Computer, Smartphone, Locher, Notizzetteln. Auf dem Wandkalender mit Lebensweisheiten in bairischer Mundart über ihrer Schulter steht heute der Spruch: „Wenn i du war, warat i gern i“. Nicole Rolser ist hingegen gerne sie selbst – inklusive der zwei Fußballherzen, die in ihr schlagen. Auf ihrem Schreibblock klebt das Haching-Wappen, ihr Kugelschreiber ist vom FC Bayern. Draußen, das ist kein Witz, fährt gerade eine Straßenreinigungsmaschine vorbei, mit dem Aufdruck: „TSV 1860 – mia kehr‘n zam“. Eine Pointe, fast schon ein surrealer Seitenhieb, zum Schmunzeln jedenfalls.

Tatsächlich ist Rolser mit einem reichhaltigen Erfahrungsschatz zur Spielvereinigung gekommen – sportlich wie organisatorisch. Anfang 20 war sie vom kleinen Bad Neuenahr zum großen FC Liverpool gewechselt, nachdem sie mit den DFB-Juniorinnen bei der U20-WM in Japan Platz zwei gefeiert hatte. Im Finale unterlagen sie den USA 0:1, es war das einzige Gegentor. „Wir spielten echt stark“, sagt sie. In Melanie Leupolz, Lina Magull, Laura Benkarth, Kathy Hendrich und Carolin Simon kickten viele ihrer heutigen Bayern-Kolleginnen mit. 

Aus Neugier nach Liverpool

Liverpool baute damals eine neue Mannschaft auf, es wurde weltweit gescoutet, doch Rolsers erste Reaktion beim Anruf der Briten war: „Die wollen mich wohl verarschen?“ Eigentlich hatte sie kein Interesse, Liverpool war Tabellenletzter, und da die Saison in England anders terminiert war, hätte sie aus dem laufenden Bundesligabetrieb aussteigen müssen. Mehr aus Neugier setzte sie sich in den Flieger, staunte nicht schlecht über das große Auto, das sie abholte, war überwältigt vom Trainingsgelände – und entschied sich für einen Wechsel. „Die hielten eine unglaublich detaillierte Präsentation über ihre Pläne ab, ich war beeindruckt.“ Zudem boten sie einen Job in der Geschäftsstelle an. Noch auf dem Rückflug sagte sie: Ich will das machen. 

In Liverpool wurde Rolser zwei Mal Meister – und sammelte neue Erfahrungen im administrativen Bereich. Zuvor hatte sie für den baden-württembergischen Verband gearbeitet, bei den „Reds“ war sie neun Monate in Spieltagsorganisation, Ticketing und Marketing eingebunden. Ab da war ihr klar, dass sie dem Fußball nach der Karriere hinter den Kulissen treu bleiben wird. Auch deshalb schrieb sie nach ihrem Wechsel zu Bayern 2015 ihre Bewerbungen – und explizit nicht an die Fußballabteilung des eigenen Klubs: „Ich hatte Erfahrungen in einem großen Verein und wollte jetzt tiefere Einblicke. Das geht in einem kleineren Umfeld leichter.“ Nun arbeitet sie so oft es geht im Büro am Sportpark – oder auf Bayern-Reisen im Flieger und Bus. „Für mich ist das kein Stress, sondern Ausgleich.“

Nachdem Rolser vor dem Training am Campus geparkt hat, bringt sie erst einmal einen Sackkarren an der Pforte zurück, den sie sich für ihren Umzug geliehen hatte. Auch bei den Bayern-Frauen geht es familiär zu, und die Parallelen erleichtern der 27-Jährigen ihren inneren Doppelpass. Abteilungsleiterin Karin Danner hatte keine Einwände bezüglich des Engagements für den Nachbarverein. „Sie sagte nur, sobald die sportliche Leistung leidet, grätscht sie dazwischen“, erzählt Rolser. „Aber für mich ist ja auch klar, dass Fußball an der ersten Stelle kommt.“

Es kann schnell vorbei sein

Wichtig sei es trotzdem, sich ein zweites Standbein zu schaffen, findet sie, schon ihre Eltern hatten trotz eigener Fußballbegeisterung Wert auf ihr Abitur und Ausbildung gelegt. Heutzutage verlieren gerade die jüngeren Fußballer manchmal aus den Augen, dass sie vorsorgen müssen, sagt Rolser. Das sei bedenklich. Sie selbst hatte schon drei Kreuzbandrisse. Da werde einem bewusst: Es kann schnell vorbei sein. Vor jedem Training macht sie sorgfältig Stabilisationsübungen, dann geht es raus aufs Feld. Umgezogen hat sie sich am Campus in einem Gebäudekomplex, der an eine Uni erinnert, der Weg zum Platz führt vorbei an Beachvolleyballplatz, Kletterwand, Fitnesshügel, Speedtrack, es gibt eigene Wegweiser für den Athletikbereich. Der Kontrast zum Sportpark ist beträchtlich, Rolser kann beiden Welten viel abgewinnen. 

Am Wochenende informiert sich Rolser immer sofort nach Abpfiff, wie Haching gespielt hat – sofern sie nicht eh im Sportpark ist. Manchmal begleiten sie Kolleginnen, und auch Akteure des Drittligisten haben schon bei den Bayern-Frauen zugeschaut. Bei Auswärtsfahrten scharen sich die Münchnerinnen um ihr Tablet mit dem Liveticker, und neulich war Rolser nach einem Spiel noch nicht mal runter vom Platz, als sie ein Bayern-Fan fragte, ob sie schon das Ergebnis der Hachinger wisse. „Es gibt da viele Überschneidungen, das ist echt lustig.“ Ihr Vertrag bei Bayern läuft bis Saisonende, in Haching hoffen sie auf eine Verlängerung: „Sie sagen immer: Die Bayern sollen dich bloß behalten – weil wir dich hier dringend brauchen.“ Eine Spielerin für zwei Vereine, ganz legal – ziemlich einzigartig.

Zu Fuß von Oberstdorf bis Meran

Im Sommer vor einem Jahr hat Rolser die Alpen überquert. Route E5, von Oberstdorf bis Meran, „hat Megaspaß gemacht“. Am dritten Tag dachte sie zwar, sie müsse abbrechen. „Aber auf dem Fußballplatz ticke ich ja auch so: Immer weiter!“ Durch Zufall gastierten die Hachinger gerade zum Trainingslager in Bozen. Also setzte sie sich in Meran in den Zug und wanderte dann noch vom Bahnhof zum Fußballplatz. Da war das Hallo groß, als sie mit ihrem Rucksack plötzlich dastand: „Bist du von München aus zu uns gewandert?“ Naja, ganz so weit trägt ihre SpVgg-Sympathie die Füße zwar nicht, sagt sie lachend. Aber sie reißt sich nunmal auch gerne für Haching die Haxen aus.

alle Fotos © by Tanja Kernweiss

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