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Anlässlich des Tags des Ehrenamts am 5. Dezember hat FC Bayern-Präsident Herbert Hainer unseren Nachbarn FC Sportfreunde besucht. Mit dem Vorstand Herrlin Markja diskutierte er dort, warum Engagement so unerlässlich für die Gesellschaft ist – im Kleinen wie im Großen.
Das Interview mit Herbert Hainer und Herrlin Markja
Zum Einstieg unseres Gesprächs zwei Zitate: „Willst du froh und glücklich leben, lass kein Ehrenamt dir geben.“ – Wilhelm Busch, eine spöttische Feder…
Herbert Hainer: „Als Kind habe ich die Geschichten von Wilhelm Busch sehr gemocht, und viele seiner Zitate sind amüsant – hier greift er aber daneben, finde ich: Ich habe gelesen, dass es in Deutschland etwa 31 Millionen Menschen gibt, die ehrenamtlich arbeiten, sei es im Fußballverein, bei der Freiwilligen Feuerwehr und, und, und – ich denke nicht, dass die Menschen, die sich engagieren, unfroh und unglücklich sind. Eher im Gegenteil."
Herrlin Markja: „Das kann ich aus der Praxis voll unterschreiben. Isoliert betrachtet gibt es natürlich Tage, an denen es mal nicht so läuft oder weniger Spaß macht. Aber am Ende ist es eine Gesamtrechnung. Klar geht man mal frustriert nach Hause – doch man weiß ja, warum man sich engagiert. Wenn es einen nicht erfüllen und damit zufrieden stimmen würde, würde man es nicht machen. Ein Ehrenamt ist in der Bilanz lebensbereichernd."
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Das zweite Zitat stammt von Seneca: „Die menschliche Gesellschaft gleicht einem Gewölbe, das zusammenstürzen würde, wenn sich die einzelnen Steine nicht gegenseitig stützen würden.“
HH: „Das Zitat trifft es deutlich besser: weil diese Menschen unsere Gesellschaft leben. Weil unsere Gesellschaft durch Vereine und Gemeinschaften lebt, in denen Kinder und Menschen generell zusammenkommen. Ohne Ehrenamt würde unsere Gesellschaft nicht so funktionieren, wie sie funktioniert. Das Leben wäre weniger lebenswert. Das Ehrenamt ist der Ausdruck der Freiheit jedes Einzelnen, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen und das Zusammenleben aktiv zu gestalten."
HM: „Die 31 Millionen, die Sie gerade angesprochen haben, bilden in meinen Augen eine aussagekräftige Quote: Ein Drittel der deutschen Bevölkerung engagiert sich – was wäre, wenn das nicht so wäre? Da denke ich jetzt gar nicht an die vielen Sportvereine, deren Arbeit unmöglich wäre, sondern eben beispielsweise an eine Freiwillige Feuerwehr und ihren unmittelbaren Schutz für die Gesellschaft. Wobei ich aus Sicht zumindest der Sportvereine auch sagen muss, dass wir leider immer mehr händeringend engagierte Menschen suchen. Vielleicht sinkt die Quote, das wäre schlecht."
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Warum wird es schwieriger, Menschen zu begeistern?
HH: „Es gibt den Spruch, dass die Leute in der Not zusammenrücken. Und hier in Deutschland haben wir vergleichsweise wenige Probleme. Die Kehrseite ist, dass der Gemeinschaftsgedanke vielleicht nicht mehr so ausgeprägt ist. Früher hat man sich mehr untereinander geholfen. Ich bin in einem kleinen Verein aufgewachsen: Wenn da ein Spieler geheiratet und ein Haus gebaut hat, haben wir alle wochenlang jeden Samstag mitgeholfen. Ein Verein sollte wie eine zweite Heimat sein, mir hat das viel gegeben, und ohne die ehrenamtlich Tätigen wäre vieles undenkbar gewesen. Doch das gemeinsame Erleben von Zusammenhalt ist einigen durch die Entwicklung unserer Wohlstandsgesellschaft wohl nicht mehr so wichtig."
HM: „Ein wesentlicher Faktor ist, dass das Freizeitangebot so gewachsen ist. Früher gab es die Arbeit, die Familie – und den Verein. Heute sind die Möglichkeiten wesentlich breiter, zudem sind, zumindest gefühlt, die Anforderungen im Berufsleben gestiegen. Fragt man Eltern, die beim Spiel oder Training zuschauen, ob sie nicht eine Mannschaft übernehmen würden, heißt es oft: leider keine Zeit! Letztlich muss man sich die Zeit nehmen, und ich denke, man muss es einfach mal probieren."
HH: „Ich erlebe andererseits auch, dass vor allem junge Menschen heute wieder vermehrt die Vorteile eines Ehrenamts erkennen: Man hat hier die Chance, sich mit anderen auszutauschen, man lernt voneinander, man nimmt unheimlich viel fürs Leben mit – das alles trägt enorm zur eigenen Persönlichkeitsentwicklung bei. Gerade ein Sportverein bietet hier viele Räume. Sie, Herrlin, ein junger Mann mit 26 Jahren, engagieren sich neben der Vorbereitung auf das juristische Staatsexamen als Präsident eines Sportvereins. Ich bin sicher, dass Sie in Ihrer Funktion hier im Verein vieles erleben, was Ihnen später weiterhelfen wird. Sie sagten eben, manchmal geht man auch frustriert nach Hause – ja, natürlich, aber das gehört zum Leben dazu: dass man auch mal Fehler machen darf, Negatives verarbeiten muss, Kompromisse findet, alle möglichen Perspektiven wahrnimmt und durchlebt."
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Wenn Sie heute Bewerbungen prüfen würden, würden Sie darauf achten, ob sich jemand außerhalb seines Studiums oder Berufsfelds engagiert?
HH: „Ich habe all die Jahre viele Einstellungsgespräche geführt und Lebensläufe gesehen, und da habe ich nie nur nach dem beruflichen Werdegang eingestellt. Eigeninitiative war und ist mir wichtig, die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, die gut für eine Gemeinschaft sind – auch mal etwas auszuprobieren, mutig zu sein, ohne die Garantie, dass der Plan aufgeht. Ich selbst war früher zwar nicht ehrenamtlich tätig, habe aber neben meinem Studium eine Kneipe betrieben. Da musste ich auch mit unterschiedlichsten Leuten und Herausforderungen klarkommen. Es ist immer ein Lernprozess, über den Tellerrand zu schauen."
Würden Sie beim Ehrenamt zum Beispiel eine bessere Zertifizierung anregen, damit sie bei Bewerbungsprozessen eine größere Rolle spielen könnte?
HH: „Betriebe sollten ehrenamtliches Engagement unterstützen und auch bei ihren Rekrutierungsprozessen berücksichtigen. Es ist ja nicht verwerflich, wenn ein junger Mensch sagt, so eine Tätigkeit bringt mich persönlich weiter – es darf auch eine Frage der persönlichen Perspektive sein. Grundsätzlich sind die Vorteile eines Ehrenamtes nicht monetärer, sondern ideeller Natur – und dennoch unbezahlbar: Ein Ehrenamt ist eine unentgeltliche Lernschule. Letztlich steht der Impact in keiner Relation zu monetären Gegenwerten. Engagement zahlt sich immer aus."
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Herrlin – Sie nicken eifrig...
HM: „Weil mir Herr Hainer aus der Seele spricht. Ich habe in den eineinhalb Jahren bei den Sportfreunden enorm viel für mein Leben gelernt im Umgang mit Menschen, das ist die Schule des Lebens. Es gibt hier unterschiedlichste Charaktere, die man in Einklang bringen muss, schließlich haben alle letztlich das gemeinsame Ziel, den Verein voranzubringen. Der ITler, der ein bisschen an einer Webseite herumdoktert, der Schatzmeister, der mal Steuerberater werden will, der Jurist, der ein Gespür für die Menschen entwickeln möchte: Im Ehrenamt kann sich jeder verwirklichen."
Herr Hainer, Sie sagten vorhin, in der Not rücken die Menschen zusammen. Jetzt erleben wir eine Zeit der Krisen – wird es wieder wichtiger, mehr aufeinander achtzugeben?
HH: „Am Beispiel Corona hat man gesehen, dass viele Menschen wieder enger zusammengerückt sind und mehr aufeinander Rücksicht genommen haben. Ich habe das unter anderem erlebt, als wir mit unseren Basketballern bei der Münchner Tafel mitgemacht haben. Ein gutes Beispiel ist auch die Geflüchtetenhilfe, in der sich viele ehrenamtlich engagieren. Ehrenamt ist immer ein Beitrag zur sozialen Integration."
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Vergrößern sich in einer sich zunehmend spaltenden Gesellschaft die Gräben, wenn das Ehrenamt zurückgedrängt wird?
HH: „Ich möchte mir eine Gesellschaft ohne das Ehrenamt nicht vorstellen. Denn was wäre zum Beispiel, wenn es keine Vereine mehr gäbe? Vereine wie die Sportfreunde, die eine unschätzbare Basisarbeit leisten? Auch bei unserem „großen“ FC Bayern versuchen wir vorzuleben, wie wichtig Zusammenhalt und der Familiengedanke sind. Blut ist nun mal dicker als Wasser: Wenn es hart auf hart kommt, hält eine Familie zusammen."
HM: „Auf jeden Fall. Und ich möchte hier noch einen anderen Aspekt einwerfen, wenn man unsere Gesellschaft auf einen Fußballverein herunterbricht. Bei uns arbeiten die Trainer komplett ehrenamtlich. Es gibt andere Vereine, da ist der Beitrag drei-, viermal so hoch im Jahr, und es gibt immer mehr Fußballschulen, die die Talentförderung professionalisieren. Das wird dazu führen, dass die finanziell Stärkeren ihren Kindern ein spezielles Training anbieten – und wir gleichzeitig unser Konzept mit unserem gemeinnützigen Aspekt nicht mehr umsetzen können."
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Eine Professionalisierung des Freizeitsports.
HM: „Vor allem eine Monetarisierung, bei der man pro Kind, pro Monat, pro Einheit bezahlt. Da verliert unser Mitgliedsbeitrag vollkommen seinen Sinn, den Grundgedanken dahinter und seinen Zweck, hier auch eine Gemeinschaft zu leben, aus der man etwas lernen kann. Bei dem Alternativmodell geht es letztlich nur noch um Leistung und Gegenleistung."
HH: „Wenn das Vereinsleben auf der Strecke bleibt, geht die Vermittlung vieler gemeinschaftsbildender Werte verloren. Manche Eltern sehen in ihren Kindern den nächsten Jamal Musiala und bauen früh riesigen Druck auf, das nimmt den Kindern den Spaß. Wir brauchen Vereine, sie leisten einen unschätzbaren Beitrag bei der Vermittlung von Werten. Und wir brauchen Menschen, die sich ehrenamtlich betätigen. Sie sind echte gesellschaftliche Vorbilder. Man kann ihnen nicht genug danken."
Das komplette Interview lest Ihr in der Dezemberausgabe des FC Bayern Mitgliedermagazins „51“.
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