
Wieder der Mittelfuß. Wieder eine lange Pause. Hiroki Ito ist der Pechvogel der Saison. Doch wer den Lebensweg des Japaners kennt, weiß, dass er Geduld gelernt hat. Seine Reise nach München – über den Pelé-Club FC Santos und die zweite japanische Liga – war lang. Hiroki Ito weiß: Manchmal muss man sich neu erfinden, um oben anzukommen.
„Und jetzt?“ Hiroki Ito blickt sich fragend um. Es ist Marketingtag beim FC Bayern, die Spieler sind durchgetaktet mit Terminen. Ito kommt gerade von einem Fotoshooting mit Adidas in der Allianz Arena. Und jetzt? „Ah, das Interview“, sagt er, mehr zu sich selbst als zu den Leuten, die um ihn herumstehen. Eine Minute später hat er es sich in einer ruhigen Ecke bequem gemacht und schaut erwartungsvoll. Die erste Frage: Wenn wir 20 Jahre zurückgehen, was für einen Hiroki würden wir dann treffen? „Schon als Kind habe ich Fußball geliebt“, beginnt er zu erzählen, „wahrscheinlich habe ich das von meinem Vater. Ich wollte immer Fußballer werden und bei einem großen Club in einer großen europäischen Liga spielen.“ Eine seiner ersten Erinnerungen ist die Weltmeisterschaft 2006. „Ich war sieben Jahre alt und habe alles im Fernsehen verfolgt.“ Jetzt sitzt er selbst in der Allianz Arena, wo damals die WM eröffnet wurde. Genau hier ist der Schnittpunkt von Itos Kindheitsträumen und der Wirklichkeit. Wie hat er es aus dem fernen Japan hierhergeschafft?

Letzten Sommer wechselte Hiroki Ito vom VfB Stuttgart nach München. Heute muss er grinsen, wenn er daran zurückdenkt – damals hat er geschwitzt. Es war Anfang Juni letzten Jahres. Ito hatte mit Japan ein Länderspiel in Myanmar, WM-Qualifikation. Nach dem Spiel rief ihn sein Berater an und berichtete, dass der FC Bayern ihn verpflichten möchte. „Ich war total überrascht – aber ich habe keine Minute gebraucht, um eine Entscheidung zu treffen.“ Doch jetzt ging der Stress los. Denn Ito hatte mit seiner Frau eigentlich vor, in der Sommerpause in Japan groß ihre Hochzeit zu feiern. Jetzt musste er noch einen Flug nach München dazwischenschieben, um dort den Medizincheck zu machen und seinen Vertrag zu unterschreiben. „Meine Frau hatte die Befürchtung, dass ich es nicht rechtzeitig zurückschaffe. Wir hatten die Feier sechs Monate geplant. Wenn ich da nicht dagewesen wäre …“ Zum Glück ging alles gut.
Auf Pelés Spuren
Itos Wurzeln liegen in Hamamatsu, einer Stadt an der Ostküste Japans, etwas kleiner als München. Hier ist er aufgewachsen, hier begann er mit dem Fußballspielen. Genau genommen startete er mit Futsal, in der „Mario Futsal School“, nur fünf Minuten von seinem Zuhause entfernt. „Ich war fünf Jahre alt und bin immer mit einem Freund hingegangen“, erzählt er. Der Besitzer der Futsal-Schule, Mario Yasumitsu, staunte über den Enthusiasmus des jungen Hiroki. „Wenn das Training um 18 Uhr begann, war er oft schon um 16:30 Uhr da“, erzählte er. Yasumitsu stellte auch den Kontakt zur Fußballschule des Pelé-Clubs FC Santos in Hamamatsu her. Ein, zwei Jahre habe er auch dort regelmäßig trainiert, meint Ito. Einmal reiste er sogar für zehn Tage in ein Trainingscamp des FC Santos nach Brasilien. Das Futsal-Training und die Arbeit mit Trainern aus der Akademie eines großen brasilianischen Clubs haben Itos Spiel geprägt. Auch seinen starken linken Fuß: „Pässe, Schüsse, alles habe ich als Kind nur mit links gemacht.“
„In Deutschland musste ich lernen, smart zu verteidigen.”
Hiroki Ito
„Richtig“ mit Fußball angefangen habe er aber erst mit zehn, elf Jahren, meint Ito. Und zwar in der Schule, die in Japan eine wichtige Rolle in der Nachwuchsarbeit spielt. Mit 15 wechselte er dann in die Jugendakademie des J-League-Clubs Júbilo Iwata. Iwata ist eine Nachbarstadt von Hamamatsu. Drei Jahre später unterschrieb er dort seinen ersten Profivertrag. Es gibt ein Video von Hiroki Ito, als er in der U18 von Júbilo spielte. Er sollte sein fußballerisches Profil in einem Sechseck einzeichnen. Jede Ecke steht für eine Fähigkeit: Technik, Ausdauer, Physis, Geschwindigkeit, Angriff, Verteidigung. Maximal sechs Punkte konnte er sich jeweils geben. Etwas schüchtern hält Ito die Tafel mit dem von ihm gezeichneten Profil in die Kamera: Meistens hatte er sich drei Punkte gegeben – die meisten Punkte (4) gab er sich für „Angriff“, die wenigsten (2) für „Verteidigung“.

Man muss wissen: Hiroki Ito spielte damals im Mittelfeld. Doch als Jungprofi spielte er plötzlich fast gar nicht mehr. In seiner ersten Profisaison (2018) kam er auf einen einzigen J-League-Einsatz, in seiner zweiten (2019) – als Leihspieler bei Nagoya Grampus – auf zwei Einsätze. Zusammengenommen waren es 48 Minuten Erstliga-Spielzeit in zwei Jahren. Das machte ihm schwer zu schaffen. Er sei damals „am Vergammeln“ gewesen, meinte er einmal. Und wer weiß, was passiert wäre, wenn nicht der erfahrene Shunsuke Nakamura sein Teamkollege gewesen wäre. Wenn er alle Personen aufzählen müsste, denen er als Fußballer viel zu verdanken hat, dann wäre Shunsuke der Erste, den er nennen müsse, sagt Ito: „Nach dem Mannschaftstraining hat er oft noch eine Extra-Einheit mit mir gemacht. Auch mit Gesprächen hat er mir damals sehr geholfen.“
Ito musste Kritik einstecken, sein Spiel verändern, sich neu erfinden. Damals wurde er im Training zum ersten Mal in die Abwehr zurückgezogen, meistens als Linksverteidiger. Doch das gefiel ihm nicht. Ito sah sich als Sechser. Erst nach dem Leihjahr in Nagoya änderte sich das, auch dank des damaligen Júbilo-Cheftrainers Fernando Jubero. Der Spanier versetzte Ito in die Innenverteidigung. „Ich wusste damals gar nicht, wie man verteidigt“, sagt Ito, „aber ich habe Tag für Tag dazugelernt – und irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich auf dieser Position sehr wohl fühle. Das ganze Spiel vor mir zu haben, gefiel mir.“
Plötzlich ein Gewinner
Fernando Jubero sah etwas in Ito, was nicht einmal er selbst erkannte. „Hiroki hatte das perfekte Profil für die Position als Innenverteidiger“, erklärt der Spanier, der heute im brasilianischen Fußballverband in der Trainerausbildung tätig ist. Zweikampfverhalten, taktische Disziplin, Antizipationsfähigkeit, Aufbauspiel, zählt er auf, was Ito für die neue Position qualifizierte. Und was ihm noch gefiel: „Hiroki liebte den Wettkampf, spielte voller Selbstvertrauen und gab damit der ganzen Mannschaft Sicherheit. Auf und neben dem Platz hatte er die Mentalität eines Gewinners.“ Das Jahr 2020 war für Ito ein Neuanfang. Selbst die Corona-Pandemie konnte ihn jetzt nicht stoppen. „In Japan hatten wir damals eine Spielpause, und danach oft zwei Spiele in einer Woche. Ich habe jede Partie gespielt, immer 90 Minuten. Das hat mir sehr geholfen. In dieser Zeit habe ich mich zum ersten Mal wie ein richtiger Fußballprofi gefühlt.“

Mit Júbilo Iwata spielte Ito damals in der zweiten Liga. Dann kam der VfB Stuttgart und verpflichtete ihn im Sommer 2021 für seine Regionalliga-Mannschaft. „Aber da habe ich nie gespielt“, sagt Ito mit einem Grinsen. Für den 22-Jährigen aus der zweiten japanischen Liga ging es direkt in die Bundesliga. Wie er das geschafft hat? „Das werde ich oft gefragt“, erzählt Ito, „aber ich weiß es auch nicht.“ Es sei einfach passiert. Als er in Stuttgart ankam, trainierte er gleich mit der ersten Mannschaft und wurde nicht mehr weggeschickt. Wegen Corona mussten sowieso immer wieder Spieler aus der zweiten Mannschaft oben aushelfen. Anfang August 2021 stand er im Pokalspiel gegen Dynamo Berlin in der Startelf des VfB, drei Wochen später feierte er sein Bundesliga-Debüt.
Es sei schon ein Riesenschritt von Japan nach Deutschland gewesen, meint Ito: „Das Tempo, die Intensität, die Physis, die Atmosphäre in den Stadien – alles war anders, als ich es gewohnt war.“ Erst in Deutschland habe er auch wirklich gelernt, was es heißt, zu verteidigen, erzählt er: „In Japan war ich mit 1,88 Metern meist der größte Spieler auf dem Rasen. Da habe ich mich leichtgetan, Bälle zu erobern. Aber jetzt waren die Stürmer plötzlich genauso groß, schnell und stark wie ich. Ich hatte keinen körperlichen Vorteil mehr. Ich musste lernen, smart zu verteidigen.“ Also auch im Kopf schneller zu sein als der Angreifer.
„Bei Bayern musst du nicht nur jedes Spiel gewinnen, du musst jedes Spiel dominieren.”
Hiroki Ito
Zwei Jahre lang ging er durch diese Schule, kämpfte dabei mit dem VfB Stuttgart gegen den Abstieg. „Dann kam ein neuer Trainer, Sebastian Hoeneß, und unser Spiel hat sich komplett verändert“, erzählt er. Statt Verteidigung stand jetzt Ballbesitz im Fokus. „Wir übten, das Spiel von hinten aufzubauen, den Ball zu behalten, Spiel und Gegner zu kontrollieren und am Ende ein Tor zu schießen.“
In einem Interview mit der japanischen Sportzeitschrift „Number“ im vergangenen Sommer demonstrierte Ito mit Gläsern und Untersetzern, wie er damals lernte, ein Spiel von hinten aufzubauen. Wie man sich dem gegnerischen Pressing entzieht und den freien Mitspieler findet. Die Situation erinnert an das legendäre Abendessen von Pep Guardiola und Thomas Tuchel, bei dem sich die beiden mit Salz- und Pfefferstreuern über Spielsituationen austauschten. Auch Ito grübelt gern über Taktik, auch er mag es, den Ball zu haben und nicht mehr herzugeben. Und dann meldete sich der FC Bayern.

Endlich Champions League
In München fühlte sich Ito herzlich aufgenommen, erzählt er: „Serge Gnabry hat mich gleich in ein japanisches Restaurant mitgenommen.“ Auf dem Rasen genoss er jede Trainingseinheit. „Alle geben immer alles. Es macht großen Spaß.“ Aber dann, Ende Juli, erlitt er in einem Freundschaftsspiel beim 1. FC Düren einen Mittelfußbruch. „Mein Gegenspieler ist mir auf den Fuß getreten“, erinnert er sich, „ich habe einen Schmerz gespürt, aber noch 15 Minuten weitergespielt. Dann ging es nicht mehr.“ Ito musste operiert wurden, im November sogar ein zweites Mal. Insgesamt fiel er sechs Monate aus. „Das war natürlich eine harte Zeit.“ Aber wer wie Ito einen so langen Weg zurückgelegt hat, lässt sich nicht so leicht von einer Verletzung unterkriegen.
Mitte Februar feierte er sein Comeback, auswärts bei Celtic Glasgow. Es war sein erstes Champions League-Spiel überhaupt. „Da ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Allein schon die Hymne zu hören, war ein unglaubliches Gefühl. Und dann noch zu spielen ... Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet“, erzählt er. Keine zwei Wochen später gelang ihm dann sein erstes Tor im FCB-Trikot. Beim Heimspiel gegen Frankfurt traf er nach einer Ecke aus kurzer Distanz und wurde zum ersten japanischen Bundesliga-Torschützen des FC Bayern überhaupt. Wusstest du das? Ito schaut ungläubig. „Echt? Hat Takashi Usami damals kein Tor gemacht?“, fragt er. Nein, nur im DFB-Pokal. Ito strahlt.
Wieder einmal ist ihm ein Neustart gelungen. Aus dem Jungen aus Hamamatsu, dem Stuttgarter Überflieger ist ein Bayer geworden. „Die Mentalität hier, das ‚Mia san mia‘, gefällt mir richtig gut“, sagt er. Was das für ihn bedeutet? „Bei Bayern musst du nicht nur jedes Spiel gewinnen“, sagt er, „hier musst du jedes Spiel 90 Minuten lang dominieren. Bei Bayern ist auch wichtig, wie man gewinnt.“ Ito ist angekommen. In Europa. Bei einem der größten Clubs der Welt. So wie er es sich einst erträumt hat. „Ich mag es sehr, dieses Trikot zu tragen“, sagt er. Natürlich sind die Erwartungen an ihn in seiner Heimat jetzt riesig. Aber das mache ihm nicht aus, meint er noch, bevor er in der Allianz Arena zu seinem nächsten Termin eilt. „Ich liebe Herausforderungen.“ Denn Hiroki Ito weiß, wie man daran wächst.
Der Artikel erschien im Original in einer anderen Fassung im Mitglieder-Magazin „51“:
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