
Um den Hamburger SV der vergangenen Jahre zu verstehen, hilft ein ausführliches Gespräch mit Marcell Jansen. Der ehemalige Profi des HSV und des FC Bayern war nicht nur sieben Jahre für die Rothosen im Einsatz, sondern auch in verschiedenen Rollen als Funktionär beim Traditionsverein tätig – er spielte sogar nach dem Karriereende in der Landesliga für den HSV III. „Der Verein bedeutet mir natürlich sehr, sehr viel“, sagt Jansen, der der letzte deutsche Nationalspieler ist, den die Norddeutschen hervorgebracht haben. fcbayern.com hat vor dem Bundesliga-Topspiel am Samstagabend (18:30 Uhr) in Hamburg mit Jansen, der mittlerweile als Unternehmer in der Gesundheitsbranche tätig ist, über seine bewegte Karriere, Vier-Augen-Gespräche mit Vincent Kompany, Erinnerungen an Uli Hoeneß und einen schlafenden Riesen gesprochen.
Das Interview mit Marcell Jansen
Herr Jansen, wie groß ist die Vorfreude vor dem wohl größten Spiel für den HSV in den vergangenen Jahren?
Marcell Jansen: „Ich habe viele Phasen beim HSV erlebt. Angefangen von sieben Jahren als Spieler, dann noch als Funktionär, als Aufsichtsratsvorsitzender, als Präsident, als Stiftungsgesicht. Und dann noch als Amateursportler beim HSV. Ich bin 40 geworden im November und die Hälfte meines Lebens habe ich beim HSV verbracht - die andere bei Gladbach. Gott sei Dank hatte ich zwischendurch auch eine sehr intensive Zeit bei Bayern München. Ich freue mich sehr auf das Duell meiner beiden Ex-Clubs. Ich bin jetzt kein Funktionär mehr, also werde ich das Spiel am Samstag als Fan live im Stadion genießen.“

Wie wird der HSV das Topspiel am Samstag angehen?
„Die erste Liga muss der Weg des HSV sein und man muss weiter hanseatisch, bodenständig denken. So empfängt man auch die Bayern am Wochenende. Sportlich liegen natürlich Welten zwischen den beiden Teams, wobei Bayerns Verfolger in dieser Saison bisher ja auch nicht besser abgeschnitten haben in den direkten Duellen (lacht). Alle freuen sich auf dieses Spiel.“
Wie bewerten Sie rückblickend die Zeit als Funktionär?
„Ich habe mich bei der Mitgliederversammlung im Juni 2025 nach sechs intensiven Jahren bewusst nicht mehr zur Wahl gestellt. Es war der richtige Zeitpunkt. Unser klares Ziel war es immer, den HSV wirtschaftlich zu stabilisieren, strukturell weiterzuentwickeln und sein enormes Potenzial wieder freizusetzen. Heute ist der Verein finanziell gesund, schuldenfrei aufgestellt mit einem Mitgliederrekord und wieder auf Wachstumskurs. Sportlich haben wir wichtige Meilensteine erreicht, mit dem Aufstieg der Männer und dem nachhaltigen Aufbau des Frauenfußballs bis in die erste Liga. Entscheidend ist für mich: Der HSV ist heute kerngesund, zukunftsfähig und bereit für die nächsten Schritte. Darauf bin ich stolz.“
…und wie die Zeit als HSV-Profi?
„Ich bin 2008 vom FC Bayern zum HSV gewechselt. In den darauffolgenden Jahren standen wir zweimal in Folge im Halbfinale des UEFA-Cups beziehungsweise der Europa League und waren sportlich konstant unter den Top-Fünf der Bundesliga. Das zeigt, auf welchem Niveau der HSV damals war. In den Jahren danach hat der Verein durch viele Wechsel auf Schlüsselpositionen, hohe Investitionen in Trainer und Transfers und fehlende Kontinuität zunehmend die Balance verloren. Sportliche Entscheidungen und wirtschaftliche Realität passten nicht mehr zusammen, was letztlich im Abstieg mündete. Das war schmerzhaft mit anzusehen. Nach meiner aktiven Karriere war es mir deshalb als Präsident gemeinsam mit allen Verantwortlichen wichtig, einen anderen Weg einzuschlagen: nachhaltiger, strukturierter und wirtschaftlich verantwortungsvoll. Heute hoffe ich, dass der HSV aus dieser Zeit gelernt hat und die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt.“

Mit diesen Voraussetzungen muss es das Ziel des HSV sein, in den kommenden Jahren wieder eine feste Rolle in der Bundesliga zu spielen.Marcell Jansen
Am Anfang stand der Europapokal, am Ende Ihrer Zeit die Relegation gegen den Abstieg. Was wiegt schwerer: Die Anstrengung, wenn der jahrelange Abstiegskampf einen belastet - oder die Glückgefühle, wenn man es am Ende immer schafft?
„Die Glücksgefühle, ganz klar. Wir hatten immer das Glück, dass es gut ausgegangen ist. Ich bin als Spieler mit dem HSV nie abgestiegen. Abstiegskampf macht was mit deiner Resilienz. Wenn du es am Ende schaffst, ist das gut für deine Widerstandsfähigkeit, weil du unglaublich gekämpft hast und das belohnt wird. Diese Phase ist mit enormem Druck verbunden. Man weiß, es geht um Arbeitsplätze und dass ein großer Verein wie der HSV eigentlich nicht in die zweite Liga gehört. Das schweißt einen auch mit den Fans zusammen.“
Sie haben beim HSV mit van Nistelrooy, Son, van der Vaart, Adler oder Calhanoglu zusammengespielt. Wer war Ihr bester Mitspieler beim HSV?
„Wen ich in diese Riege unbedingt mit reinnehmen würde, ist Zé Roberto. Mit ihm habe ich bei Bayern und beim HSV gespielt, das gleiche gilt für Paolo Guerrero. Wir hatten viele gute Jungs, auch Nigel de Jong oder Piotr Trochowski, um nur einige zu nennen.“
2013/14 kam ein Jugendspieler zu den Profis: Jonathan Tah.
„Jonathan war gerade 17, da war er schon bei uns mit dabei. Das sagt schon alles, weil es in der Zeit auch noch deutlich schwieriger war in dem Alter Profi zu werden. Man hat gesehen, dass er ein unglaubliches Talent ist mit Potenzial, aber das natürlich noch gar nicht austrainiert sein kann mit 17. Er war groß, er war schnell. Der HSV hat ihn reingeschmissen und auf ihn gesetzt. Er hat es dann gut gemacht.“

Was muss der HSV machen, um langfristig Bundesligist zu bleiben?
„Die Transformation der vergangenen sechs, sieben Jahre war notwendig und richtig. Der HSV hat sich sportlich stabilisiert, wirtschaftlich komplett gesundet und jedes Jahr um den Aufstieg gespielt. Gleichzeitig hat der Verein aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und sich deutlich nachhaltiger entwickelt. Entscheidend war dabei auch die enorme Unterstützung der Fans und Mitglieder, die diesen Weg immer mitgetragen haben. Dadurch konnte der Wandel gelingen. Heute steht der HSV wieder auf einem starken Fundament und genau dort, wo er hingehört. Mit diesen Voraussetzungen muss es das Ziel sein, in den kommenden Jahren wieder eine feste Rolle in der Bundesliga zu spielen. Dafür braucht es Ruhe, Kontinuität und kluge Entscheidungen, vor allem im Vorstand und bei Transfers.“
Nach einer schwierigen Vorbereitung hatte man den Eindruck, dass der HSV gute Last-Minute-Transfers mit Vuskovic, Vieira & Co. gemacht hat. Jetzt wird im Winter nochmal nachgelegt.
„Der HSV steht aktuell zurecht auf Platz 14, also nicht auf einem Abstiegsplatz - aber auch nicht weit weg davon. Wenn sie den bis zum Ende halten, haben sie alles richtig gemacht. Sie haben im Sommer sehr gute Transfers getätigt. Vuskovic, Vieira und Lokonga geben dem Team Stabilität und Qualität. In den Heimspielen war der HSV bisher stark. Es wird die größte Herausforderung sein, in der Offensive besser zu werden. Das ist entscheidend! Beim HSV sind die Mittelfeldspieler am torgefährlichsten. Das kompensieren sie manchmal durch ihre Kompaktheit und die starke Defensive. Bayern ist für den HSV natürlich nicht der Maßstab, im Anschluss spielen sie gegen Heidenheim, Union und Mainz - das werden richtungsweisende Spiele.“
Wie hat es Aufstiegstrainer Merlin Polzin geschafft, die Hamburger und das Umfeld wieder zu beleben?
„Merlin hat davor schon viele Stationen durchlaufen, auch als Co-Trainer. Da hat er vielleicht schon gesehen, was dem HSV noch fehlt. Er hat eine unaufgeregte und sehr starke analytische Art, versucht taktisch auch immer etwas. Er besitzt zur richtigen Zeit aber auch eine emotionale und gute Ansprache. Er ist sehr resilient, ist selbstkritisch, redet Dinge nicht schön. Er muss beim HSV aus etwas weniger mehr machen, quasi überperformen. Merlin hat auch ein gutes Gespür für die neue Generation, die jungen Spieler. Er macht das sehr gut und mit seinem Trainerteam einen überragenden Job.“

Meine schönste Erinnerung ist, als mich Uli Hoeneß bei der Meisterfeier in unserer Allianz Arena in den Arm genommen und gesagt hat: ,Marcell, erstes Jahr bei Bayern, gleich Stammspieler. Respekt, kannst stolz auf dich sein.‘Marcell Jansen
Kommen wir zum FC Bayern der Marcell Jansen, Oliver Kahn, Luca Toni, Lukas Podolski, Franck Ribéry, Bastian Schweinsteiger… Welche ist Ihre Lieblingsanekdote aus 2007/2008?
„Das war eine tolle Saison! Ich habe mich sehr wohl gefühlt in München. Ich bin oft mit Oliver Kahn am Tisch gesessen, es war seine letzte Saison. Für mich als junger Nationalspieler war das weltklasse, einen Trainer wie Ottmar Hitzfeld zu haben. Meine schönste Erinnerung ist, als mich Uli Hoeneß bei der Meisterfeier in unserer Allianz Arena in den Arm genommen und gesagt hat: ,Marcell, erstes Jahr bei Bayern, gleich Stammspieler. Respekt, kannst stolz auf dich sein.‘ Das ist hängen geblieben. Nach meinem Abstieg mit Mönchengladbach im Sommer davor hatte ich Angebote, wir waren schon weit mit dem FC Barcelona. Aber das Bemühen von Uli Hoeneß, Paul Breitner und Ottmar Hitzfeld war ausschlaggebend für mich.“
Haben Sie noch Kontakt zu den Mitspielern von damals?
„Auf jeden Fall mit Lukas Podolski, gegen den habe ich auch schon in der Jugend gespielt. Wir wurden beide sehr jung Nationalspieler. Ob mit Poldi, Basti Schweinsteiger, Olli Kahn, Miro Klose oder Philipp Lahm – wir hatten eine super Gemeinschaft. Aber auch mit Franck Ribéry - wir haben zusammen auf einer Seite gespielt - hatte ich einen super Draht. Mit Hamit Altintop habe ich heute noch Kontakt.“

Warum sind Sie damals trotzdem so schnell weiter zum HSV gewechselt?
„Es war nicht schlimm, sondern überraschend für mich, dass es 2008 nach dem Double einen Komplettumbruch gab. Das war sehr schade, weil ich sehr von Ottmar Hitzfeld überzeugt war. Ich hatte zu Jürgen Klinsmann einen guten Draht, auch wenn ich nicht die gleiche Wertschätzung wie im ersten Jahr bekommen habe. Dann habe ich eine Entscheidung für einen anderen Topclub getroffen, für den HSV. Ich bin aber stolz und dankbar, als Stamm- und Nationalspieler für Bayern gespielt zu haben. Ich konnte mich dann als Mensch in Hamburg auch neben dem Fußball entwickeln. Das ist viel mehr wert als alles andere.“
Für Vincent Kompany ist es am Samstag auch eine Rückkehr. Gibt es Erinnerungen an den heutigen Bayerncoach?
„Unabhängig von seiner Trainerkarriere habe ich mich mit Vincent öfter getroffen, um uns über das Unternehmertum nach der Karriere auszutauschen. Wir haben einen gemeinsamen Freund, der lebt noch in Hamburg. Wir haben Vinnie auch mal besucht, als er mit Manchester City bei Chelsea in London gespielt hat. Er hat ein tolles Mindset und ist ein super Typ. Ich freue mich sehr für ihn, weil die mutige Entscheidung von Bayern belohnt wurde. Als Spieler haben wir uns nicht erlebt, er ist im Sommer 2008 gegangen, als ich zum HSV kam.“

Wie stark schätzen Sie die aktuelle Bayern-Mannschaft ein?
„Man merkt, welchen Spirit die Mannschaft hat, dass sie Bock auf Fußball hat. Bayern ist sehr, sehr stark. Sie sind sehr ausgewogen und haben eine unglaublich gute Mischung im Team. Die Spielerprofile bringen alles mit - von ganz jung bis sehr erfahren. Dazu gibt es ein super Trainerteam und eine funktionierende sportliche Führung. Es herrscht wieder Ruhe im Verein. Das Ziel muss das Double sein. In der Champions League muss man die Kirche im Dorf lassen, da ist die Weltelite vertreten. Bayern gehört mit zwei, drei anderen Clubs zu den Favoriten. Es wäre schon eine sensationelle Saison, wenn man das Double holt und in der Champions League weit kommt. Man muss auch als FC Bayern immer gucken, wo man herkommt. Deshalb denke ich, dass die Champions League ein Bonus wäre. Wenn man das aktuelle Niveau wieder mehrere Jahre halten kann, kann der Anspruch in der Königsklasse wieder höher sein. Aber so weit würde ich in der aktuellen Saison nicht gehen, trotz der ganzen Euphorie. International sollten wir Deutschen alle dem FC Bayern die Daumen drücken.“
Sie wurden in Gladbach vom Balljungen zum Profi, mit 22 Jahren bei Bayern Stammspieler. Wie schafft man es, sich als junger Spieler beim FC Bayern durchzusetzen?
„Das funktioniert gerade wahnsinnig gut bei Bayern: Junge Stammspieler kommen aus den eigenen Reihen. Es spricht für den Charakter der Mannschaft, dass die Routiniers die unbekümmerten Youngster zulassen, diese führen. Mein absoluter Lieblingsspieler ist Aleksandar Pavlović. Über ihn wird zu wenig gesprochen, obwohl er total überzeugend spielt. Solche Spieler machen den FC Bayern aus. Sie sind wichtig, um den Mia San Mia-Spirit und die Identifikation zu erhalten und den Erfolg für die nächsten Jahre zu sichern.“

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