

Atalanta Bergamo hat sich mit leidenschaftlichem Gegenpressing, weitgehend namenlosen Spielern und innovativer Taktik von Coach Gian Piero Gasperini binnen neun Jahren aus der Bedeutungslosigkeit zum Europa-League-Sieger 2024 entwickelt. Nach dem Trainerwechsel zu Raffaele Palladino bleibt der Club ein faszinierender Underdog, der mit Teamgeist und Bodenständigkeit die europäische Fußballszene begeistert. Und der nach dem Play-Off-Triumph über Borussia Dortmund nun in der Königsklasse auf den FC Bayern trifft.
Bayern-Gegner Atalanta Bergamo im Porträt

Nur 50 Kilometer sind es aus der lombardischen Stadt Bergamo in die Metropole Mailand. Und doch verbindet Atalanta nichts mit der Geburtsstadt des Catenaccio. Als Zwischenmieter des San Siro, während das heimische Stadion umgebaut wurde, brachten sie einen anderen Fußball mit – statt Mauertaktik gnadenloses Gegenpressing, statt Defensivbollwerk eine Manndeckung fast über den gesamten Platz. Benannt nach „Atlante“ aus der griechischen Mythologie, der schnellsten Jägerin der Götterwelt, jagt „La Dea“, wie Atalanta wegen der Göttin mit dem wallenden Haar im Wappen genannt wird, nun erfolgreich durch den europäischen Spitzenfußball. Der Klub erlebt gerade seine erfolgreichste Zeit der 114-jährigen Geschichte.
Doch dazu musste Atalanta nach Jahren des Tiefschlafs bis hinunter in die Niederungen der 3. italienischen Liga erst neues Leben eingehaucht werden. Der „Miraculix“, der der schlafenden Göttin seinen Zaubertrank einflößte und den europäischen Topklubs das Fürchten lehrte, war Gian Piero Gasperini, seit dieser Saison bei der Roma in Diensten.
Eine fast märchenhafte Geschichte

Die fast märchenhafte Geschichte vom Aufstieg Atalanta Bergamos passt auch zur Trainerlaufbahn des langjährigen Erfolgscoachs. Selbst eher ein mittelmäßiger Profi, scheiterte er zunächst bei Inter nach nur rund zehn Wochen. Nach Auftaktniederlagen weigerte sich Gasperini, seine Taktik zu ändern, die so anders war als alles, was man in Italien bis dahin gesehen hatte: 3-4-3-System mit offensiven Verteidigern, aggressivem Pressing und stetigem Druck auf Gegner, Ball und Tor. Auch in Bergamo war der Anfang für den Trainer holprig, doch man schenkte ihm Zeit – und wurde belohnt mit dem erst zweiten Titel überhaupt nach der Coppa Italia 1963: Dem Gewinn der Europa League mit einem 3:0-Sieg über Bayer Leverkusen im Mai 2024. In Dublin beendete Bergamo die 51 Spiele andauernde Ungeschlagen-Serie der Xabi-Alonso-Mannschaft, damals ungeschlagen Meister und Pokalsieger in Deutschland, und versetzte Bergamo und die Bergamasca, die Gegend rund um die Stadt mit ihren Tälern und industriellen Dörfern, in einen besonderen Fußballzauber.
Ein unwiderstehlicher Charme des zufällig erfolgreichen Underdogs
Spätestens mit dem Europapokalsieg hätte der Klub den unwiderstehlichen Charme eines zufällig erfolgreichen Underdogs eigentlich verlieren müssen – doch bis heute verleiht er ihm eine sympathische Strahlkraft. Ein bisschen Kult, ein bisschen Hip – das ist für viele Atalanta, erst recht, seitdem sich die in den 1990er Jahren für ihre Brutalität bekannte Ultraszene plötzlich aufgelöst hat. Die „Ragazzi“ der Curva Nord, der Zusammenschluss mehrerer Gruppierungen mit Fanfreundschaft zu Eintracht Frankfurt, besteht aus einigen alten Hitzköpfen und Menschen mit Herz. Sie sah man in Atalanta-Pullovern nach Naturkatastrophen nach Überlebenden suchen oder während der Coronapandemie Senioren Essen nach Hause bringen. Kultig und hip, eine gewalttätige Fanszene – das passt nicht zum Charakter der arbeitenden, bodenständigen Menschen in Bergamo. Das Abgehobene, sind sie sich hier einig, das sind die Mailänder. Deshalb holten sie auch nie Stars zu Atalanta, sondern eher unbekannte Spieler, die ins Konzept des Trainers passten: Sie alle müssen stürmen können, überfallartig die Offensive stärken und immer den freien Spieler finden, der am Ende das Tor schießt.
Stützen wie Alejandro „Papu“ Gomez, der deutsche Nationalspieler Robin Gosens, dessen Stern in Bergamo einst aufging, oder auch Franck Kessié kamen und gingen. Der Klub aus Bergamo mit seiner in Italien ausgezeichneten Nachwuchsarbeit erwirtschaftete seit 2010 ein Transferplus von über 500 Millionen Euro. Doch auch wenn sich das Gesicht der Mannschaft Jahr für Jahr verändert hat, ist der Erfolg geblieben. „Für mich sind sie einer der härtesten Gegner in Europa. Sie haben eine super Mentalität“, sagte schon Xabi Alonso im Vorfeld des Europa-League-Finals. Im Viertelfinale hatte Bergamo in einer magischen Pokalnacht, wie sie immer häufiger erlebt wird, an der Anfield Road mit 3:0 gegen den FC Liverpool gewonnen.
Seit Sommer 2018 eine italienische Spitzenmannschaft

Doch schon seit dem Sommer 2018, als Atalanta erstmals das Ticket für die Champions League löste, hat sich der Verein Schritt für Schritt in der Elite der Serie A etabliert. Mit dem dritten Platz der vergangenen Saison gelang bereits die fünfte Teilnahme an der Königsklasse. Im Angriff zieht Charles de Ketelaere die Blicke auf sich. Der Belgier, 1,92 Meter groß, bewegt sich mit einer Leichtigkeit, die man selten sieht. Neun Scorerpunkte in zehn Champions-League-Partien sprechen für sich – er wird allerdings mit Meniskusverletzung gegen den FC Bayern fehlen. Neben ihm Gianluca Scamacca, italienischer Nationalspieler, der in 114 Serie-A-Spielen an 53 Toren beteiligt war – in der Champions League in acht Spielen in dieser Saison an vier Treffern. Im Mittelfeld hält Marten de Roon die Fäden zusammen. Der Niederländer, seit 2016 im Verein, hat über 430 Spiele für Atalanta bestritten – ein Dauerläufer, ein Kämpfer, ein Kapitän, auf den Verlass ist.
Das alles nicht mehr unter der Leitung des in Bergamo unsterblichen Trainers Gasperini – nach neun Jahren zog er in die Hauptstadt weiter. Nach dem Missverständnis mit Ivan Jurić lenkt mittlerweile Raffaele Palladino die Geschicke an der Seitenlinie. Er hat nach 26 Partien einen noch höheren Punkteschnitt (1,88) als Gasperini (1,79). Und der 41-Jährige setzt das Erbe fort: Am Mittwoch gelang im Hinspiel des Halbfinals der Coppa Italia bei Lazio ein 2:2 (nach zweimaliger Führung), in der Serie A steht die Mannschaft im vorderen Drittel und in der Champions League nach einem Play-Off-Erfolg über Borussia Dortmund mit einem 4:1 zu Hause im Viertelfinale gegen den FC Bayern. Der hat spätestens seit dem Ausscheiden des BVB großen Respekt vor allem vor dem Hinspiel in der Lombardei.
Für den FC Bayern ist das Duell mit Atalanta eine Premiere – wie liefen solche Spiele zuletzt? Hier gibt es die Antwort:

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