

Es war mehr eine Charakterfrage gewesen, das Rückspiel gegen Atalanta im Achtelfinale der Champions League für den FC Bayern: Nach dem 6:1-Hinspielsieg noch einmal konzentrieren und fokussieren auf Bergamo, bloß nicht nachlassen, den Rhythmus nicht verlieren in dieser Saison, in der am Ende so viel Besonderes stehen soll. Es gelang, und wie: Mit 4:1 (1:0) ließ der deutsche Rekordmeister den Italienern nicht den Hauch einer Chance in der ausverkauften Allianz Arena, feierte zwei Pflichtspieldebüts, ein Torjubiläum und den nächsten höchst unterhaltsamen Europapokalabend.
„Wenn man mit einem Vorsprung wie wir in so eine Partie geht, besteht manchmal die Gefahr, ein bisschen nachlässig zu werden“, sagte Harry Kane nach Schlusspfiff: „Aber wir haben vor dem Spiel gesagt, dass wir auch dieses Spiel genauso angehen und gewinnen wollen wie das Hinspiel. Deshalb ein großes Kompliment an die Jungs und an ihre Motivation.“ Im Viertelfinale wird Anfang April dann allerdings mit Rekord-Königsklassenchampion Real Madrid ein ganz anderes Kaliber auf den FC Bayern treffen.
Charaktertest bestanden: Bayern bleibt fokussiert
Eine der wichtigsten Fragen dieses Rückspiels beantwortete Vincent Kompany mit dem Spielberichtsbogen: Nach unglaublich viel Verletzungspech auf der Torhüterposition hatte sich Jonas Urbig rechtzeitig nach seiner Gehirnerschütterung aus dem Hinspiel fit zurückgemeldet, sodass die Nummer zwei zwischen die Münchner Pfosten gehen konnte. Für die gesperrten Michael Olise und Joshua Kimmich begannen in der Offensive Lennart Karl und im defensiven Mittelfeld Leon Goretzka, der zu seinem 300. Pflichtspieleinsatz für den FC Bayern kam. Die beiden mit Gelben Karten vorbelasteten Dayot Upamecano und Konrad Laimer ließ der Chefcoach die vollen 90 Minuten auf der Bank. Minjae Kim in der Innenverteidigung und Tom Bischof in der Viererkette rückten dafür ins Team. Denn natürlich war der Blick nach dem phänomenalen Kantersieg in Italien irgendwie auch schon aufs Viertelfinale gegen Real gerichtet.

Man of the Match: Doppeltorschütze Harry Kane
Man of the Match: Doppeltorschütze Harry Kane

Noch galt es für den FC Bayern aber, gegen Bergamo keine Blöße zu zeigen. Die Gäste hatten aus der Hinspielniederlage gelernt, liefen diesmal, das merkte man gleich vom Anpfiff weg, nicht mehr ins offene Messer. Anstelle eines aggressiven, laufintensiven und mutigen Pressings Mann-gegen-Mann übers gesamte Spielfeld wie noch im Hinspiel, setzte die Mannschaft von Raffaele Palladino diesmal auf Rückzug und Einigelung: Tief in der eigenen Hälfte versuchte Bergamo die Räume mit einer defensiven Fünferkette zu schließen, davor reihten sich vier defensive Mittelfeldspieler ins Verhindern von Gegentoren ein. Nur nicht wieder überrennen lassen, so schien es, war die Hauptdevise, bloß keine frühen Gegentore schlucken. Denn genau darauf war der FC Bayern wieder aus: „Der Trainer hat uns klar gesagt, dass wir Vollgas geben müssen – und ich glaube, das haben wir auch auf dem Platz gezeigt“, verriet Tom Bischof.
Bergamo mauert – Bayern bleibt offensiv
War den Gästen im Hinspiel das offene Visier zum Verhängnis geworden, drohte im Rückspiel auch die Defensivtaktik bald zum Problem zu werden: Bayern bestimmte das Geschehen nach Belieben und erspielte sich Torchance um Torchance. Nach gerade einmal einer Viertelstunde hatten die Gastgeber bereits 130 Pässe mehr gespielt als Atalanta, 5:0 Torschüsse gesammelt und beherrschten mit fast 80 Prozent Ballbesitz den Spielfluss gänzlich. „Wir haben es als Mannschaft geschafft, den Gegner wieder 90 Minuten hinten reinzudrücken, uns Torchancen zu erspielen, dominant zu spielen“, sagte Jonas Urbig. Es war, das war auch den mitgereisten und tapfer singenden Gästefans im Oberrang bald klar, eine Frage der Zeit, bis der Favorit wieder zuschlagen würde. Das tat er dann auch, vom Elfmeterpunkt.

Zwei Tore wie zwei Kunstwerke
Zwei Tore wie zwei Kunstwerke

Allerdings benötigte Harry Kane erstaunlicherweise zwei Anläufe vom Punkt bis zum 1:0. Beim parierten ersten Versuch war Bergamos Torwart Marco Sportiello zu früh mit beiden Beinen von der Torlinie gesprungen, so wurde seine Parade schnell zur Fußnote: Es war bereits die dritte 1:0-Führung, die Harry Kane in dieser Champions League-Saison für seine Farben vorlegte – und der elfte Torschuss für den FC Bayern in diesem Spiel (25. Minute).
Dabei konnte man den Gästen wenig Vorwürfe machen, sie verteidigten, was ging – hatten aber das Pech, dass der FC Bayern die Begegnung vor 75.000 Zuschauern tatsächlich so ernst nahm, wie vielfach angekündigt: Die Heimmannschaft grätschte und sprintete, köpfte und biss sich in das Aufeinandertreffen. Nie bekam man den Eindruck, ob der schier uneinholbaren Führung würde die Mannschaft von Vincent Kompany in einen Verwaltungsmodus schalten – im Gegenteil: Spielfreude und Leidenschaft bestimmten das Geschehen. Sogar Jonas Urbig musste kurz vor der Pause seine Klasse gegen einen Versuch aus nächster Nähe von Mario Pasalić zeigen. Und seine Vorderleute natürlich spielerische Raffinesse, wenngleich die weiteren Treffer nach dem Seitentausch erst fallen sollten. „Es ist nicht einfach, in so ein Spiel mit dieser Ausgangslage zu gehen und trotzdem noch einmal alles zu investieren“, gestand Vincent Kompany: „Wir wollten auch für die Fans noch einmal etwas zeigen.“
Kane trifft – Bayern bleibt hungrig
Das taten sie dann mit gleich drei Toren in 16 Minuten: Erst lieferte Harry Kane mit seinem 50. Champions League-Tor ein Zeugnis seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten, als er mit einer Drehung um die eigene Achse die Verteidiger Isak Hien und Kamaldeen Sulemana sehenswert abschüttelte und den folgenden, ansatzlosen Schuss in den Torwinkel setzte. Das zehnte Königsklassentor des Torjägers aus Minute 54 war gleichzeitig der wettbewerbsübergreifend 47. Treffer in 39 Pflichtspielen in dieser Saison – nicht nur persönlicher Rekord Kanes im Profifußball, sondern auch europaweit Extraklasse. 29 Treffer in 34 Champions League-Spielen für den FC Bayern sind auch die meisten Treffer aller Spieler in diesem Wettbewerb seit Anfang der Saison 2023/24.
Nach Ballgewinn des kurz zuvor eingewechselten 18-jährigen Debütanten Deniz Ofli, legte Luis Díaz auf Lennart Karl weiter, der per Linksschuss zum 3:0 traf (56.). Damit machte sich Karl nach Jamal Musiala, der mit damals 17 Jahren und 363 Tagen gegen Lazio traf, zum zweitjüngsten Spieler des FC Bayern, der in einem K.o.-Runden-Spiel ein Tor erzielt hat (18 Jahre, 24 Tage). Und es wurde sogar noch ein Scorerpunkt mehr für Lennart Karl: Nach einem Ballgewinn mit Jonathan Tah zauberte der Youngster einen sehenswerten Pass in die Tiefe auf Luis Díaz, den dieser letztlich mit Königsklassen-Saisontor Nummer vier und einem gefühlvollen Heber über den Atalanta-Torwart zum 4:0 vollendete. Ein Treffer ähnlich wie schon das 2:0, das nah an einem Kunstwerk war.
Junge Helden und Rekorde: Karl und Kane schreiben Geschichte
Den letzten Höhepunkt aus Bayernsicht lieferte dann der Cheftrainer, als er mit Filip Pavić den zweitjüngsten Debütanten der Vereinsgeschichte nach Paul Wanner in die Partie schickte – Pavić wurde am 19. Januar 16 Jahre jung. „Das zeigt einfach, dass der Trainer uns vertraut und dass sich die Leistungen im Training auszahlen. Es freut uns total, dass immer mehr junge Spieler ihre Chance bekommen“, fand Tom Bischof.
Blick auf „ein absolutes Topspiel“ gegen Real
Da fiel am Ende fast gar nicht mehr auf, dass Bergamo nach einem Eckball noch das 1:4 gelungen war. „Wir haben über beide Spiele hinweg zehn Tore erzielt, deshalb muss man das ein Stück weit relativieren“, fand auch Jonas Urbig. Spätestens jetzt waren die Gedanken aber bereits beim Viertelfinale, beim Europapokal-Kracher gegen Real Madrid: „Wir werden bereit sein. Wir fürchten niemanden“, versprach Harry Kane: „Wir wissen, dass es schwer wird, aber mit dem Selbstvertrauen aus diesem Spiel und aus der bisherigen Saison müssen wir einfach genau so weitermachen.“
Auch Bischof sagte: „Wir haben vor niemandem Angst. Ich glaube, das wird ein geiler Schlagabtausch.“ Bevor sich der Cheftrainer in die Nacht verabschiedete, sprach auch er noch über den nächsten Gegner: „Wer im Moment die bessere Mannschaft ist, spielt dabei gar nicht die größte Rolle“, fand Kompany: „Die Geschichte dieser Clubs ist enorm, und die Qualität auf dem Platz wird etwas ganz Besonderes sein. Gegen Real ist es oft so: Je höher das Niveau, desto besser werden sie. Deshalb erwarte ich ein absolutes Topspiel.“ Auch Jan-Christian Dreesen verriet, er freue sich bereits auf das Duell, so der Vorstandsvorsitzende: „Der FC Bayern gegen Real Madrid ist ein episches Duell. Mal schauen, was passiert. Wir sind die letzten K.o.-Duelle gegen sie ausgeschieden, oft auch unglücklich. Es wird Zeit, dass es anders wird und dass wir ins Halbfinale kommen.“
Die Stimmen zur Partie gegen Atalanta Bergamo:

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