
Edna Imade verstärkt seit der Winterpause den Sturm der FCB-Frauen. Durch die Sahara, über das Meer nach Europa: Sie bringt eine besondere Lebensgeschichte mit nach München – eine, die sie als Verpflichtung sieht. Sie möchte Mut machen.
Edna - dein erstes Spiel hier in München gegen RB Leipzig fand im Schneetreiben statt: Wie läuft deine Akklimatisierung?
„An dem Tag war es tatsächlich sehr kalt. Da ist schon ein großer Unterschied zwischen dem Klima in Spanien und hier. Aber in den vergangenen Wochen wurde das Wetter immer besser – und ich bin jetzt nicht der Typ, der sich von äußeren Umständen beeinflussen lässt. Ich fühle mich wohl, keine Sorge (lacht).“

Im nächsten Spiel in Freiburg kamst du dann erstmals zum Einsatz – und hast gleich mit deiner ersten Ballberührung für den FC Bayern getroffen. Das ist historisch gut!
„Ich habe mich super gefreut, weil ich unserem Team sofort helfen konnte. Ganz generell macht es mich stolz, wenn wir uns für unsere Arbeit belohnen. Ich bin jetzt erst wenige Wochen hier und sehe, wie viel diese Spielerinnen hier jeden Tag investieren.“
Im nächsten Spiel in Jena hast du gleich wieder getroffen. Zwei Spiele, zwei Tore – geht bei dir immer alles so schnell?
„(lacht) Am Ende bin ich Stürmerin, und meine Aufgabe ist es, Tore zu erzielen. Das ist meine Arbeit. Wegen mir kann es gern so weitergehen.“
Noch einmal Thema Akklimatisierung: Es heißt, dass du dich bewusst für San Sebastián entschieden hast, als du im Sommer vom FC Bayern verliehen wurdest, weil das Klima im Norden Spaniens kühler ist, um dich auf Sicht auf München vorzubereiten …
„Ja, das war einer der Gründe. Abgesehen davon ist Real Sociedad eines der besten Teams in der spanischen Liga. Ich dachte, es sei auch sportlich ein guter Schritt zur Vorbereitung auf das, was mich dann bei Bayern erwartet. Es war eine Kombination aus Klima und sportlicher Vorbereitung. Außerdem ging mein vorheriger Trainer aus Granada dorthin, das hat es mir erleichtert, mich bei Real Sociedad einzufügen.“
Dann ging alles schneller als gedacht: Bayern holte dich schon im Winter nach München, nicht wie geplant zum Saisonende. Warst du bereit?
„Ich denke schon. Wenn man zu einem anderen Verein,
in eine andere Stadt, noch dazu in ein anderes Land
kommt, muss man natürlich immer einen Anpassungsprozess durchlaufen. Aber als ich hörte, dass Lea Schüller
Bayern vielleicht verlassen könnte, dachte ich mir, dass bald mein Handy klingeln könnte. In meinem Kopf nahm dann der Gedanke Gestalt an: Vielleicht gehst du schon bald nach Deutschland. So kam es dann. Ich freue mich, jetzt hier zu sein. Es ist ein Traum.“

Du widmest jedes deiner Tore deiner Mutter. Ihr habt eine besondere Lebensgeschichte.
„Von meiner Mutter habe ich gelernt zu kämpfen. Egal unter welchen Umständen – wenn du im Leben etwas willst, musst du alles dafür geben. Das ist die wichtigste Lehre, die ich von ihr mitgenommen habe. Die Tore widme ich ihr nicht mit einer bestimmten Geste, aber alles, was ich
mache, mache ich in Gedanken an meine Familie, denn sie sind alles für mich. Ein großer Teil von dem, was ich tue, tue ich für sie.“
Kannst du unsere Mitglieder und Fans einmal auf eure Lebensgeschichte mitnehmen?
„Als meine Mutter in Nigeria mit mir und meinem Zwillingsbruder Paul schwanger war, trafen meine Eltern die Entscheidung, dass wir die besten Lebensumstände bekommen sollen, die möglich sind. Sie beschlossen, nach Europa auszuwandern, durch die Sahara, über das Meer. Wir kamen in Marokko auf die Welt, drei Monate später ging es weiter. Auf der Überfahrt ging mein Bruder über Bord, aber er wurde gerettet. Mein Vater wurde in Spanien zurückgeschickt, aber wir drei wurden in einem Kloster aufgenommen.“

Deine Eltern waren sehr mutig.
„Mut ist ein Wegbereiter. Ich höre oft, meine Geschichte sei hart und gleichzeitig auch auf ihre Weise schön. Die Wahrheit ist: Ich habe nicht ansatzweise das durchgemacht, was meine Mutter auf sich genommen hat. Unsere Geschichte gehört ihr. Aber ich kann diese Geschichte erzählen, und ich kann sie mit Leben füllen. Vielleicht kann ich so für andere eine Inspiration sein: Glaubt an euch, geht euren Weg! Schauen wir hier aus dem Fenster – auf den FC Bayern Campus: Ich bin spanische Nationalspielerin, ich spiele bei einem der größten Vereine der Welt. Ich weiß, wem ich das zu verdanken habe, weil da Menschen nicht lockergelassen haben.“
Was bedeutet Heimat für dich?
„Gute Frage. Wir sind in Marokko geboren, aber wir waren nur drei Monate dort. Ich erinnere mich also an nichts aus Marokko. Meine ganze Kindheit, alles, woran ich mich erinnere, ist in Spanien. Deshalb ist mein Gefühl von Heimat in Spanien, genauer gesagt in Sevilla. Ich fühle mich spanisch – schon seit ich klein bin.“

Eure Lebensgeschichte zeigt, dass es immer einen Weg gibt.
„Ja, das möchte ich den Menschen vermitteln. Wenn du dir im Leben ein Ziel setzt und dafür kämpfst, alles tust, um es zu erreichen, dann kommt es – davon bin ich überzeugt. Aber die Basis ist immer: Arbeit, Beständigkeit und Demut. Das wurde in unserer Familie immer gelebt. Ich bin sehr demütig und versuche immer, respektvoll zu sein und alles durch Arbeit zu erreichen.“
Worin besteht für dich die Bedeutung, im Leben nicht aufzugeben?
„Im Fußball – und nicht nur dort, auch im Leben meiner Mutter beispielsweise – kann es immer passieren, dass Hindernisse auftauchen. Aber wenn Steine in deinem Weg liegen, musst du immer
weiterkämpfen und negative Gedanken überwinden. Für mich ist auch Dankbarkeit ein wichtiges Schlüsselwort: Man sollte nie vergessen, Danke zu sagen. Wenn meine Mutter nicht so stark gewesen wäre, wo wäre ich dann heute? Ich sehe unsere
Lebensgeschichte auch als eine Verpflichtung: Diese Chance, die ich bekommen habe, muss ich mit Leben füllen.“
Was bedeutet Disziplin für dich?
„Ohne Disziplin erreicht man nichts. Einer der Grundpfeiler dafür, dass ich heute hier bin, ist dranzubleiben, Fehler zu minimieren, immer weiter alles zu geben und permanent zu versuchen, sich zu verbessern, um seine Ziele zu erreichen. Vor ein paar Monaten war mein Ziel, bei einem Verein wie Bayern Fuß zu fassen – und hier bin ich jetzt.“
Wenn du dir im Leben ein Ziel setzt und dafür kämpfst, alles tust, um es zu erreichen, dann kommt es - davon bin ich überzeugt.
Edna Imade möchte mit ihrer Lebensgeschichte Mut machen
Stimmt es eigentlich, dass dein erster Sport Flamenco war?
„(lacht) Ja. In Sevilla ist es sehr üblich, dass die Mädchen in den Flamenco-Unterricht geschickt werden. Meine Mutter hat gesehen, dass alle anderen Mütter ihre Töchter dorthin bringen, also machten wir das auch so. Aber ich war ein einziges Mal da und habe danach meiner Mama ganz ehrlich gesagt: ‚Das gefällt mir nicht. Ich möchte Fußball spielen.‘ Dann hat sie mich sofort wieder abgemeldet. Sie hatte Verständnis, denn bei uns war immer klar, dass wir Kinder das machen sollen, was uns wirklich erfüllt.“
Du hast dich dann im Fußball durchgesetzt, aber zwischendurch auch als Schiedsrichterin gearbeitet, um Geld zu verdienen.
„Damals wollte ich als Schülerin ein bisschen mein eigenes Geld verdienen, um auch mal mit meinen Freundinnen
ausgehen zu können. Ein Lehrer brachte mich auf die Idee, Schiedsrichterin zu werden, weil ein großer Mangel herrschte. Ich habe das Regelwerk gelernt und nach einem Monat bereits Spiele bei kleinen Kindern geleitet. Mein Tag war dann gut ausgefüllt mit Schule, Fußball und dem Schiedsrichter-Dasein. Wenn man Spiele pfeift, gibt das einem außerdem eine andere Perspektive auf den Fußball.“

Was möchtest du mit dem FC Bayern erreichen?
„Alles. Alle möglichen Titel. Und ich möchte meinen Teil dazu beitragen.“
Am 1. April spielst du mit dem Frauenteam in der Champions League in der Allianz Arena gegen Manchester
United (hier Ticket sichern). Was empfindest du bei dieser Aussicht?
„Für mich ist es eines der historischsten und besten Stadien Europas und der Welt. Dort zu spielen, wird etwas Unglaubliches sein.“
Was wusstest du vor deinem Wechsel über den FC Bayern?
„In Spanien hat man einen riesigen Respekt vor diesem Club. Ich wusste außerdem, dass es eine sehr physische, robuste, aggressive Mannschaft ist. Sie wollen immer gewinnen. Wenn sie ein Tor schießen, wollen sie sofort das nächste. Es ist ein intensives Team, und das gefällt mir sehr. Außerdem ist es ein Verein, der immer um europäische Titel, um die Meisterschaft und den Deutschen Pokal kämpft. Das macht den Club zu einem der größten der Welt.“

Eines deiner Idole war früher Ronaldinho …
„(lacht) Ja. Als ich klein war, hatte ich immer Zöpfe, und als ich mit den Jungs gespielt habe, sagten sie: ‚Du siehst aus wie Ronaldinho.‘ Von da an haben wir viele Videos von ihm auf YouTube geschaut. Er war ein Spieler, der mich seit meiner Kindheit begleitet hat.“
Wie feierst du, wenn du Titel gewinnst?
„Meine Tore feiere ich oft, indem ich so tue, als würde ich einen Basketball werfen. Mein Bruder spielt Basketball, und so ist das dann immer ein kleiner Gruß an ihn. Wenn wir Titel gewonnen haben, fällt mir sicher etwas ein. Aber jetzt müssen wir erst einmal unsere Leistungen abrufen und unsere Arbeit machen.“
