



Vor dem Pokal-Endspiel vs. Wolfsburg im Fokus
Mi., 13.05.26, 09:45
Vom Garagenhof hinauf in die große Fußballwelt: Klara Bühls inspirierende Geschichte
Die Schussbahn, auf das das Mädchen bisher immer mit seinem Ball auf das Garagentor geschossen hatte, war plötzlich etwas zugestellt. Die Stadt hatte einen Container unweit davon abgeladen. „Der direkte Weg war versperrt – also musste der Ball herum“, sagt Klara Bühl. Es war kein Trainer, es war ein abgestellter Container, der das Fußballspielen etwas behinderte. Nicht für Klara Bühl, es zwang nur zur Improvisation, zur Kreativität. Sie lernte das Kurvenspiel, das sie heute zu einer der technisch feinsten Spielerinnen Europas machte.
Vor dem Garagentor stand zudem noch jemand: Klaras großer Bruder. Ein Jahr älter und meistens eher unfreiwillig Torwart. „Ich habe meinem Bruder von Beginn an vieles nachgeeifert“, sagt sie. Der Fußball kam über ihn in ihr Leben. Wie so oft begann alles mit Zuschauen, Mitlaufen, Mitmachen. Erst war da der große Bruder, dann die Faszination, dann der Ehrgeiz, nicht nur mitzuhalten, sondern besser zu werden.
Mr. Wembley als Vorbild
Mit dem Alter wuchsen die Vorbilder, die nicht mehr aus der Familie kamen, sondern aus den großen Stadien: Franck Ribéry, Arjen Robben. Der Niederländer faszinierte sie besonders. Natürlich tat er das. Denn „Mr. Wembley“ war ein Spieler der kontrollierten Wiederholung. Jeder kannte seinen Weg: Ball am Fuß, nach innen ziehen, Abschluss ins lange Eck. Und doch wirkte es nie banal. Bühl studierte diese Bewegungen akribisch. „Ich habe mir immer Robben- und Ribéry-Videos auf YouTube angeschaut.“

Auf der Straße vor ihrem Elternhaus trainierte sie dann genau diesen Bewegungsablauf. Dort, wo der Winkel es zuließ. Dort, wo der Container sie ohnehin schon dazu zwang, Kurven zu denken. „Ich habe tagelang diesen Schlenzer trainiert.“ Jahre später kann man das manchmal erkennen, wenn sie nach innen zieht, den Ball am Fuß und zum Schlenzer ansetzt. Auch die Fans haben das natürlich erkannt, vergleichen Bühl mit Robben. Auch ihre Bewegungen können Gegenspielerinnen antizipieren und trotzdem kaum je kontrollieren.
Beschleunigerin mit System
Bühl ist längst mehr als eine klassische Flügelspielerin. Sie ist Beschleunigerin, Taktgeberin, Chaosverursacherin mit System. Wenn Bayern in dieser Saison offensiv glänzt, führt kaum ein Weg an ihr vorbei. 33 Spiele in Nationalmannschaft und Verein, zehn Tore und 22 Assists. Zahlen, die sie nicht nur national, sondern auch europäisch in Spitzengruppen verorten. Vor allem als Vorlagengeberin ist sie in dieser Spielzeit herausragend. Und vielleicht ist das kein Zufall. Denn gefragt, ob sie lieber selbst trifft oder vorbereitet, entscheidet sich Bühl nach kurzem Überlegen für den Assist und muss lachen.

„Der Output ist der gleiche“, sagt sie trocken. Die Logik einer Spielerin, die Fußball nicht als Bühne begreift. Dann folgt jene Erklärung, die so wunderbar zu ihr passt: „Fürs Tore schießen müsste ich noch ein paar mehr schießen, damit ich dann auch weiß, wie man ein bisschen jubelt.“
Der gute Mix aus Ehrgeiz & Leichtigkeit

Warum läuft es gerade jetzt so gut? Warum wirkt Bühl in dieser Saison mit einer Mannschaft, die sehr frühzeitig Meister wurde, erst im Halbfinale der Champions League von der wohl besten Mannschaft Europas gestoppt wurde, die im Pokalfinale steht, kompletter, stabiler, dominanter als je zuvor? „Ich glaube, weil ich einen guten Mix gefunden habe zwischen einem gewissen Ehrgeiz, aber auch einer Leichtigkeit.“ Leistung wird häufig als Folge maximaler Kontrolle beschrieben: Härte, Disziplin, Perfektion. Für Bühl geht es wie damals, als Mädchen auf dem Garagenhof, vor allem um eines: Freude am Fußballspielen: „Ich gehe aufs Spielfeld und habe einfach Spaß. Ich weiß, was ich kann.“ Sie läuft nicht gegen Erwartungen an, sondern ist in ihren Möglichkeiten angekommen. Sie hat die ideale Balance gefunden: nicht zu ernst, nicht zu locker.
Ein „unfassbar geiler Tag“

Am Donnerstag wartet Köln, das DFB-Pokalfinale, ein Spiel, das im deutschen Frauenfußball längst einen Sonderstatus genießt. „Es ist immer ein unfassbar geiler Tag. Die Fans, die Atmosphäre, die Familien vor Ort, das gemeinsame Erlebnis. Es ist einfach sehr, sehr lebendig.“ Während Ligaalltag oft Routine ist, besitzt der Pokal seinen ganz eigenen Nervenkitzel. Mehr Ausnahmezustand. Mehr Gefühl. „Wenn der Mannschaftsbus ins Stadion einfährt und draußen Menschen in Richtung Arena strömen, das ist einfach besonders.“
Mit dem Gegner VfL Wolfsburg bekommt dieses Finale seine ganz eigene Geschichte. Wolfsburg und Pokal – das ist historisch beinahe ein Synonym, die Wölfinnen zählen elf Titel in ihrem Trophäenschrank. „Der Pokal gehört noch Wolfsburg“, sagt Bühl – „noch“: Bayern reist als Titelverteidiger, als alter und neuer Deutscher Meister an. Und mit Erwartungen. „Diese Spielzeit ist schon outstanding“, findet Bühl: Meisterschaft, Champions-League-Halbfinale, Gewinn des Supercups im vergangenen August – und nun die Chance auf den Pokalsieg.

Und dann erzählt dieses Endspiel auch noch seine ganz eigenen Geschichten. Es dürfte das letzte Pokalfinale in der Karriere von Alexandra Popp werden. „Was Alex Popp geleistet hat, da kann jeder nur den Hut ziehen“, sagt Bühl über die langjährige Kollegin aus der Nationalmannschaft. Aber: „Nichtsdestotrotz würde ich ihr den Titel jetzt nicht gönnen.“ Den Pokal, den möchte sie selber gewinnen.
Vom Mädchen mit all den Träumen aus dem Garagenhof zur Nationalspielerin beim FC Bayern. Vom Container bis zum Pokal. Gegen ein Tor, ließ sie anklingen, hätte sie nichts einzuwenden. Bis dahin hätte sie ja noch ein wenig Zeit, sich endlich einen eigenen Torjubel auszudenken.
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Gemeinsame Vergangenheit – diese Spielerinnen liefen bereits für den VfL Wolfsburg als auch die FCB-Frauen auf:

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