

FC Bayern-Mitgliedermagazin
Di., 11.08.2026, 12:12
Momoko Tanikawa im „51“-Interview: „Ich musste früh allein zurechtkommen“
Mit zwölf zog Momoko Tanikawa ins Fußballinternat, mit 18 allein nach Europa. Heute, mit 21, will unsere Mittelfeldspielerin die Beste der Welt werden. Ein Gespräch über Heimat, Erwachsenwerden auf Distanz und die Sekunden vor der Ballannahme.
Das Interview mit Momoko Tanikawa
Momoko, bei der „Allianz Womens Tour“ ging es für euch dieses Jahr zum ersten Mal als Team nach Japan. Wie hast du dich im Vorfeld gefühlt?
Ich war total glücklich. Ich hab mich so darauf gefreut, mit diesem Weltklasse-Team in Japan spielen zu können. Im Vorhinein hatte ich mir aber auch ein paar Gedanken gemacht, wie sich die Hitze auf uns auswirken wird – es hatte teilweise bis zu 38 Grad. Aber in Japan für die japanischen Fans zu spielen, darauf habe ich mich gefreut.
Für viele im Team war es das erste Mal in Japan, haben deine Mannschaftskameradinnen dich vor der Reise mit Fragen gelöchert?
Ja, sie wollten, dass ich ihnen leckere Sushi-Läden oder andere Restaurants empfehle. Ich bin aber selbst nicht aus Tokyo, deshalb war ich nicht sicher, wie gut ich ihnen da helfen konnte. Aber ich tat, was ich konnte. Meine Familie kommt aus Nagoya und kam zu unserem Spiel gegen den japanischen Erstligisten RB Ōmiya. Das hat mich total gefreut.
Sind in deiner Familie alle Fußballfans?
Ja. Jetzt bei der WM in Nordamerika hat meine Familie auch im japanischen Trikot mitgefiebert, auch wenn die Spiele für japanische Zeit ja tief in der Nacht oder morgens stattgefunden haben.

Wir haben gehört, dass du früher oft mit deinem Vater trainiert hast.
Meine Eltern haben mich immer zum Training gebracht und wieder eingesammelt. Und wenn mein Vater mich abgeholt hat, sind wir danach oft zu zweit in einen Park gegangen und haben die Hausaufgaben aus dem Training umgesetzt. Ich glaube, dass ich heute beide Füße benutzen kann, habe ich wirklich dem Training mit meinem Vater zu verdanken.
Du bist schon sehr jung in die Welt losgezogen. Wie war das für dich?
Ich bin vor ungefähr zwei Jahren mit 18 von Japan nach Europa gekommen – erst nach Schweden und dann nach München. Ich hatte das Glück, wirklich großartige Teamkolleginnen vorzufinden. Dank ihnen war es sowohl auf dem Platz als auch daneben leicht, mich in einer völlig neuen Umgebung einzuleben. Und deshalb hatte ich auch kein großes Heimweh. Aber klar, ich bin schon mit zwölf in eine Fußball-Akademie gezogen und war von meinen Eltern getrennt – ich musste früh lernen, selbstständig zurechtzukommen.
Du hast mal gesagt, die JFA Academy Fukushima habe deine Entwicklung als Spielerin maßgeblich beeinflusst. Warum?
In Fukushima war einfach alles auf den Fußball ausgelegt, von frühmorgens, bis man abends schlafen ging. Aber auch das Leben im Wohnheim hatte einen Einfluss. Ich konnte mich dadurch voll auf meine Weiterentwicklung konzentrieren.
Als du frisch nach Deutschland gekommen bist, gab es da etwas, das hier befremdlich für dich war?
Die deutsche Sprache finde ich echt schwer – bis heute kann ich mich gerade so auf Deutsch vorstellen. Aber zum Glück ist mein Team sehr international und wir unterhalten uns meist auf Englisch. Das hilft total. Und im Alltag hat mich wirklich überrascht, dass man sonntags nicht einkaufen kann. Das wäre in Japan unmöglich. Aber alles, was zuerst ungewohnt war, ist inzwischen ganz normal für mich geworden.
Hast du dich denn auch an das Essen hier gewöhnt?
Im Supermarkt gibt es wirklich ganz andere Dinge als in Japan – Kochen ist deshalb nicht leicht für mich. Aber ich habe leckere japanische und italienische Restaurants gefunden. Außerdem mag ich Brezn, und ich liebe Weißwurst. Wenn Freunde zu Besuch kommen, gehen wir zusammen Weißwurst essen.

Pernille Harder hatte als junge Spielerin ähnliche Umstände wie du und hat sich sehr um dich gekümmert. Was ist der beste Ratschlag, den du von ihr bekommen hast?
Als ich ankam, gab es eine Zeit, in der es noch nicht so richtig rundlief. Damals war sie für mich da, einfach in meiner Nähe. Sie hat gesagt: „Jeder macht auch mal einen Fehler.“ Und sie meinte dann: „Momoko, du bist eine klasse Spielerin.“ Und dass ich alles ruhig so machen soll, wie ich es für richtig halte, und einfach mein Bestes geben soll. Dass ich heute so bin, wie ich bin, hängt wohl auch mit ihrem Rat zusammen.
Was war die größte Herausforderung nach deinem Wechsel nach München?
Die Intensität und das technische Niveau waren einfach ganz anders – beim Training oder bei Spielen. Da konnte ich anfangs nicht so zeigen, was ich kann, und das hatte mich zunächst verunsichert.
Was wusstest du über den FC Bayern München vor deinem Wechsel?
Ich kenne den Verein, seit ich klein bin, und habe ihn immer bewundert, weil dort beeindruckende Spieler wie Manuel Neuer und Joshua Kimmich unter Vertrag stehen. Deshalb habe ich mich auch sehr gefreut, als ich das Angebot vom FC Bayern bekommen habe.
Und wie ist es jetzt hier wirklich?
Hier spielen die besten Spielerinnen Europas zusammen. Meine Teamkameradinnen inspirieren mich – und mit ihnen zusammen kann ich mich täglich weiterentwickeln.
Was für einen Eindruck hast du denn von den Bayern-Fans?
Ich bin ihnen total dankbar. Bei Spielen, wenn sie meinen Namen rufen, höre ich oft den deutschen Akzent bei „Tanikawa“ raus. Das berührt mich – und es treibt mich an.
Der Rat von Pernille Harder hat mich zu der Spielerin gemacht, die ich heute bin.
Momoko Tanikawa
Welche Rolle übernimmst du in der Mannschaft?
Bisher war ich größtenteils eine junge Spielerin, die von den anderen mitgezogen wurde. Ab diesem Jahr möchte ich eine aktivere Rolle einnehmen, und das, was ich bisher an Wissen und Technik erlangt habe, auch an meine neuen Teamkolleginnen weitergeben.
2011 gewann die japanische Nationalmannschaft in Deutschland die Weltmeisterschaft der Frauen. Kannst du dich daran erinnern?
Ich war damals sechs Jahre alt und habe die Spiele mit meiner Familie im Fernsehen verfolgt. Wir haben, glaube ich, ganz schön laut gejubelt. Mein sechsjähriges Ich hatte damals schon den Gedanken: So will ich auch mal werden, ich will auch an ihrer Stelle stehen und gewinnen. Ich habe sehr zu unserer Nationalmannschaft aufgeschaut.
Was hattest du für ein Bild von den Spielerinnen?
Die deutschen Spielerinnen fand ich körperlich sehr stark – gut bei Pässen und Kopfbällen. Die Japanerinnen haben eher als Mannschaft und Einheit funktioniert – und bis zur letzten Sekunde alles gegeben. Ich denke, auch heute ist es so, dass die Japanerinnen und Japaner die Besonderheit haben, lange durchzuhalten. In den letzten Jahren hat sich der Fußball stark verändert – viel Taktik und Technik sind dazugekommen, und die Intensität hat sich erhöht. Unser Ziel als Team ist es, bei diesen Entwicklungen immer mithalten zu können.
Du sagst, dein Traum ist, die Nummer eins auf der Welt zu werden. Was ist für dich der nächste Schritt, um diesen Traum wahr werden zu lassen?
Einerseits heißt das für mich, die WM zu gewinnen, aber auch die Champions League. Letztes Jahr hat mir in Spielen gegen große Teams in Momenten, in denen der Druck enorm hoch war, noch ein wenig die Durchsetzungsfähigkeit gefehlt. Damit ich auch in diesen körperlich intensiven Phasen durchziehen kann, brauche ich mehr Technik, Kraft und Robustheit. Da will ich mich steigern.

Wenn du von deinem Umfeld hörst, dass du die beste Spielerin der Welt werden kannst – ist das für dich eher Druck oder eher Motivation?
Das ist pure Motivation. Ich will dieses Ziel wirklich erreichen und glaube daran – bei allem, was ich tue. Dass andere um mich herum auch mein Potenzial sehen, treibt mich an.
Nimm uns mit auf den Platz: Was geht in deinem Kopf vor in den Sekunden, bevor du den Ball annimmst?
Bevor ich den Ball annehme, schaue ich mich immer erst mal gründlich um. Was macht das Team, was macht der Gegner? Wo gibt es Lücken? Schneller Blick aufs Tor. Alle Entscheidungen, die ich auf dem Platz treffen kann, hängen davon ab, wie viele Informationen ich vor der Ballannahme sammeln konnte.
Du spielst ja auf verschiedenen Positionen – wo fühlst du dich besonders wohl?
Ich spiele oft als Nummer sechs, acht oder zehn. Und um den jeweiligen Rollen gerecht zu werden, passe ich mein Spiel immer an. Wenn ich Sechser bin, bringe ich den Ball im Spielaufbau nach vorne. Da lege ich Wert auf das Passspiel und achte auf meine defensive Positionierung. Und auf der Zehn sehe ich meine Rolle darin, den Ball im Halbraum zu bekommen, mich aufzudrehen, Steilpässe zu spielen oder selbst den Abschluss zu suchen. Ich habe auf allen drei Positionen eine gute Zeit auf dem Platz – es sind einfach ganz unterschiedliche Mindsets.
Bei deiner Vertragsverlängerung bei Bayern hast du gesagt, dass du dich bei Bayern sehr wohl fühlst. Was bedeutet Heimat für dich?
Ein Ort, an dem ich sein kann, wie ich bin. An dem ich mich jeden Tag wohlfühlen kann. Und das kann ich in München. Hier kümmern sich meine Teamkolleginnen und alle im Verein toll um mich – und auf dem Platz und daneben haben wir viel Spaß zusammen.
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