José Barcala während des Talks im Zuge der Mental Health Week 2026.
© FC Bayern

2. Mental Health Week am FC Bayern Campus

José Barcala: „Verantwortung übernimmt man, wenn Vertrauen da ist“

Im Clubheim 1900 am FC Bayern Campus ging es an diesem Mittwoch nicht um Pressinghöhen oder Gegneranalysen. José Barcala, Cheftrainer der FC Bayern Frauen, sprach darüber, wie Menschen im Leistungsumfeld, ja im Spitzensport miteinander umgehen: Wie ließen sich hohe Ansprüche mit Menschlichkeit verbinden? Wie entsteht Vertrauen? Und wie können Spielerinnen stetig Verantwortung übernehmen? Der Spanier sprach aus der Erfahrung eines Trainers, der schon in vielen Ländern gearbeitet hat. Seine zentrale Botschaft war klar: Leistung und Wertschätzung sind keine Gegensätze. Sie bedingen einander.

José Barcala während des Talks im Zuge der Mental Health Week 2026.
© FC Bayern
Können wir eine echte High-Performance-Kultur schaffen, ohne dass Menschen miteinander verbunden sind? Ich glaube das nicht.

José Barcala

Der Vortrag Barcalas war Teil der zweiten Mental Health Week am FC Bayern Campus. In diesem Jahr steht sie unter dem Leitgedanken „Encouragement“. Im Mittelpunkt steht daher die Frage, wie Mitarbeitende und Sportlerinnen wie Sportler sich selbst und gegenseitig stärken konnten. Wertschätzung sollte dabei nicht als einzelne Maßnahme verstanden werden, sondern als Grundlage für mentale Gesundheit, Leistungsfähigkeit und nachhaltige Leistungsbereitschaft. „Können wir wirklich hohe Standards erreichen, wenn die menschliche Verbindung fehlt? Können wir eine echte High-Performance-Kultur schaffen, ohne dass Menschen miteinander verbunden sind? Ich glaube das ehrlich gesagt nicht“, sagte Barcala.

Eine klare Spielidee gibt Sicherheit

Der 45-Jährige erzählte von seiner Arbeit und davon, wie sich seine Haltung als Trainer verändert hatte. Leistung, sagt er, beginnt auch mit Klarheit. Eine Mannschaft müsse genau wissen, wie sie spielen wolle: Wie werden Räume geschaffen? Wie gewinnt eine Spielerin Zeit für sich und ihre Mitspielerin? „Wenn du deine Spielidentität präzise beschreibst, kannst du über lange Zeit konsistent bleiben.“ Der Spielplan sei dabei aber „nur die Karte, nicht der Weg“. Die Spielerinnen sollen selbst Entscheidungen treffen und eigene Lösungen finden können Denn für ihn gilt: „Verantwortung übernimmt man dann, wenn das Vertrauen da ist.“

Vom kontrollierenden Trainer zum Lernbegleiter

Das gefüllte Clubheim 1900 im Zuge des Talks mit Cheftrainer José Barcala.
Volles Haus: Zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Trainerinnen und Trainer zeigten großes Interesse an der Veranstaltung. | © FC Bayern

Offen sprach der Spanier auch über seine eigene Entwicklung. Als er Ende der 1990er-Jahre mit dem Trainerberuf begann, sei er eher strikt gewesen. Er habe Abläufe kontrolliert und vor allem erwartet, dass seine Spielerinnen und Spieler Anweisungen befolgen. Heute sehe er diese Haltung kritisch. „Wenn die Spielerinnen stets auf eine Instruktion warten, schalten sie einfach das Gehirn ab.“ Entwicklung bedeute für ihn daher nicht nur, etwas umzusetzen. Es bedeute auch, Situationen zu verstehen, zu reflektieren und eigene Lösungen zu entwickeln. Deshalb wolle er nicht jeden Fehler sofort korrigieren, sondern gute Aktionen sichtbar machen und Anpassungen im richtigen Moment hervorheben. „Ich warte auf die richtige Aktion, um zu stoppen und zu sagen: Das ist es, was wir suchen. Das ist es, was wir wollen.“

In Wettbewerbssituationen könne eine klare Ansage notwendig sein. Im Lernprozess brauche es dagegen Raum für Erfahrungen, Fehler und Reflexion. Die Spielerinnen sollen nicht ständig auf die nächste Korrektur warten, sondern lernen, selbst zu beobachten. Auch diese Art des Handelns steht für ihn in engem Zusammenhang mit Wertschätzung. „Nicht nur das Machen ist wichtig, sondern auch das Reflektieren.“ Als Beispiel nannte Barcala eine Dokumentation über die Los Angeles Lakers, Kobe Bryant und dessen damaligen Trainer Phil Jackson. Jackson habe den Spielern nicht jede Entscheidung abgenommen, sondern ihnen Freiräume und Verantwortung gelassen. „Wenn ein Mensch so erfolgreich und ehrgeizig ist, muss ein Trainer nicht jede Situation kontrollieren. Er muss manchmal einfach Raum geben.“

Adrán Negro während des Talks mit José Barcala.
Auch Co-Trainer Adrian Negro lauschte dem Talk von Cheftrainer José Barcala. | © FC Bayern

Besonders anschaulich wurde Barcala, als er über die Zeit sprach, in der Spielerinnen den Ball nicht haben. Nur einen kleinen Teil eines Spiels verbringen sie tatsächlich in Ballbesitz. Der weitaus größere Teil besteht aus Laufwegen, Positionierung, Wahrnehmung und taktischen Entscheidungen. Barcala sprach von etwa 96 oder 97 Prozent der Leistung, die weitgehend beeinflussbar seien. „Der größte Teil dessen, was Spielerinnen tun, liegt in ihrer Kontrolle.“ Gerade junge Spielerinnen und Spieler würden jedoch oft auf die sichtbaren drei Prozent reduziert: auf einen Abschluss, einen Pass, einen Ballverlust oder einen Fehler. Die vielen unsichtbaren Beiträge blieben dagegen unbeachtet. Für ihn ist wichtig, auch den Einsatz über jene einzelnen Situationen hinaus zu sehen und wertzuschätzen. 

Zuhören, weil die Antwort wirklich interessiert

José Barcala während des Talks im Zuge der Mental Health Week 2026.
© FC Bayern
Ich stelle keine Frage, weil ich glaube, dass ich sie stellen muss. Ich stelle sie, weil ich die Antwort wirklich hören und verstehen möchte.

José Barcala

Jene Wertschätzung zeigt sich für ihn neben dem Platz allen voran in Gesprächen. Dabei unterscheidet er zwischen Fragen, die lediglich zu einem Gesprächsleitfaden gehören, und echtem Interesse. „Ich stelle keine Frage, weil ich glaube, dass ich sie stellen muss. Ich stelle sie, weil ich die Antwort wirklich hören und verstehen möchte.“ Spielerinnen spüren genau, ob ihnen tatsächlich zugehört werde oder ob ein Gespräch nur einer Vorgabe folge. Deshalb sei Wertschätzung keine einzelne Besprechung und keine Methode, die man gelegentlich anwende. „Es geht nicht nur darum, was du tust. Es geht darum, wer du bist.“

Eine Haltung, die im Alltag beginnt

José Barcala mit dem sportpsychologischen Team des FC Bayern Campus.
Ein gelungener Nachmittag: José Barcala mit dem sportpsychologischen Team des FC Bayern Campus. | © FC Bayern

Am Ende kehrte Barcala zu einem Gedanken zurück, der weit über den Fußball hinausweist: Menschen leisten nicht trotz ihrer Gefühle, sondern mit ihnen. Wer hohe Standards erreichen wolle, müsse deshalb auch die emotionalen und sozialen Voraussetzungen für Leistung schaffen. Eine Kultur der Wertschätzung entstehe nicht durch einzelne Aktionen. Sie zeige sich in jedem Gespräch, jedem Feedback und in jedem Moment, in dem ein Mensch spüre, dass er gesehen werde. „Wenn du kein guter Mensch bist, kannst du auch kein guter Trainer sein“, sagte der Spanier, als er im vergangenen Sommer in München begann. 

Barcala traf am Mittwochnachmittag den Kern der Mental Health Week am FC Bayern Campus. „Encouragement“ bedeute nicht, Leistung weniger wichtig zu nehmen. Es bedeute, Menschen so zu stärken, dass sie sich etwas zutrauen, Verantwortung übernehmen und auch in schwierigen Momenten verbunden bleiben. Vielleicht beginne das mit einer kleinen Geste, einem ehrlichen Gespräch oder auch einem Hinweis auf eine gute Aktion. Oder auch mit einem Satz, der im Leistungssport leicht überhört werde: „Du bist wichtig – nicht nur wegen dem, was du leistest.“

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