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Interview mit Blick über den Tellerrand

Goretzka: „Fußball ist sicher ein sehr guter Brückenbauer“

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Der Weg ist das Ziel – also hat sich „51“ mit Leon Goretzka auf einer Dienstfahrt (Foto © by Robert Fischer) über gute Vorsätze unterhalten. Der 24-Jährige sieht in einer bewegten Zeit die Kernfragen seiner Generation nicht nur entfernt im Rückspiegel. Ein Gespräch über den Fußball hinaus, über die Kraf des Sports, den Charakter seiner Generation und Vorbilder.

Das Interview mit Leon Goretzka

Du giltst als einer der Prototypen der Spielergeneration, die sich jetzt anschickt, das Geschehen im deutschen Fußball zu prägen – was ist der wesentliche Charakterzug dieser Generation?
„Das Wort ‚Charakter‘ an sich ist da bereits entscheidend, denke ich. Ich rede öfter mit Jo Kimmich, Serge Gnabry und Niki Süle darüber, warum unsere Generation so tickt, wie wir ticken. Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind so eine letzte Generation zwischen den Älteren und den ganz Jungen – wir sind eine Generation, die sich bewusst ist, dass hinter allem viel Arbeit steckt, dass man wertschätzen sollte, was einem das Leben ermöglicht, und dass man sich immer eine gewisse Bodenständigkeit bewahren muss, um sich im Klaren zu sein, wo man steht und wo man hinwill. Wir haben uns durchgebissen. Du brauchst Mentalität. Man sollte das alles, was man zum Beispiel hier beim FC Bayern angeboten bekommt, weder als selbstverständlich noch einfach nur als einen Job betrachten.“

Joshua Kimmich, Serge Gnabry und Leon Goretzka sind alle 1995 geboren und kennen sich schon lange aus den Jugend-Nationalmannschaften. Hier feiern sie gemeinsam mit Thomas Müller den Meistertitel 2019.

Wenn du von der „letzten Generation“ sprichst, klingt das fast, als müsste man sich Sorgen machen, was nachfolgt.
„Generell darf man das nicht pauschalisieren. Aber ich habe manchmal den Eindruck, dass die nachfolgenden Spielergenerationen, die schon wesentlich früher als wir mit den Begleiterscheinungen des Profifußballs konfrontiert werden, es schwerer haben werden, ihren Weg zu finden. Ich denke auch, dass das nicht leicht ist in einer Welt, die irgendwo immer extremer wird, wenn man da an die Unsummen denkt, die im Fußball kursieren, und an die Anforderungen, die sich durch die sozialen Medien ergeben.“

Du hattest als Kind das Bochumer Ruhrstadion im Blick, einer wie Coutinho wuchs im Schatten des Maracanã in Rio de Janeiro auf. Wie fühlt sich das an? Jeder hat eine weite Reise hinter sich – und ein Ziel. Oder ist das zu romantisch?
„Nein, das ist ein schöner Vergleich und trifft es gut. Ich habe das schon öfter betont, dass ich es als ein ungemeines Privileg empfinde, zu erleben, wie sich in einer Fußballmannschaft Menschen mit so unterschiedlichen Hintergründen vereinen, um zusammen etwas zu erreichen. Die Spieler kommen aus den verschiedensten Ecken der Welt, aus anderen Kulturen, der eine hatte es in seiner Kindheit in seinem Umfeld schwer, der andere wuchs wohlbehütet auf – und dann stehen wir alle plötzlich zusammen auf dem Platz, arbeiten füreinander, gewinnen und verlieren gemeinsam. Ich finde, dass das eine schöne Botschaft ist, die Fußball transportiert.“

In Doha sprach Goretzka Im Interview über die Rückrunde mit dem FC Bayern 👇

Was bedeutet es für dich, Vorbild zu sein?
„Ich denke, Vorbild sein bedeutet, dass wir Profisportler uns bewusst sein sollten, dass sich Menschen mitunter zu Herzen nehmen, was wir sagen oder machen. Wir können Leute erreichen. Damit meine ich jetzt nicht, dass man nicht gerne zum Beispiel ein schönes Auto fährt – das mache ich auch, das ist ja in Ordnung. Aber es geht darum, dass man gewisse Werte vermitteln sollte. Und dass es nicht schadet, sich hin und wieder zu hinterfragen, wie man sich in der Gesellschaft einbringt. Ich denke, wir Sportler können Reichweiten nutzen, die andere nicht haben, um etwas zu bewegen.“

25 Mal lief Leon Goretzka bereits für die Nationalmannschaft auf. Nach der verkorksten WM 2018 freut er sich nun auf die EM 2020 auf dem ganzen Kontinent. 

Die EM 2020 findet in ganz Europa statt – ist das ein wichtiges Zeichen, über den Fußball hinaus?
„Ich finde die Idee auf jeden Fall erst einmal sehr interessant. Wie es sich dann alles entwickelt und angenommen wird, wenn das Turnier läuft, wird die Praxis zeigen. Aber Europa sollte sich nicht durch Grenzen charakterisieren, insofern ist so eine EM auf dem ganzen Kontinent vom Grundgedanken her sicher eine spannende Sache.“

Kann und muss der Fußball helfen, Brücken in einem Europa zu bauen, das auseinanderdriftet?
„In erster Linie sind wir Fußballer und können nicht die Aufgaben der Politik übernehmen. Das wäre zu hoch gegriffen. Um die Probleme unserer Zeit zu lösen, müssen wir alle einen Beitrag leisten. Fußball, der Sport allgemein, ist sicher ein sehr guter Brückenbauer.“

Gemeinsame Freude: Goretzka jubelt mit Serge Gnabry über dessen Treffer gegen Borussia Dortmund.

Im Fußball gibt es die Floskel „den nächsten Schritt machen“. Wie sieht 2020 der nächste Schritt aus?
„Ich denke, das kann man splitten: Mit der Mannschaft bedeutet das vor allem, in der Champions League weiter zu kommen als letztes Jahr. Das Double hast du als FC Bayern natürlich immer im Visier. Für mich persönlich kann ich sagen, dass ich sicher nicht am Ende meiner Entwicklung bin. In den eineinhalb Jahren FC Bayern konnte ich mein Niveau noch einmal steigern – und dieser Prozess des Lernens, des Wachsens hört in meinen Augen nie auf. Ich möchte noch mehr Einfluss aufs Spiel bekommen und noch mehr Verantwortung übernehmen. Wenn du zum FC Bayern wechselst, dauert es eine gewisse Zeit, bis man sich an dieses extrem hohe Anforderungsprofil gewöhnt hat, das in diesem Klub herrscht.“

Das ganze Interview lest Ihr in der aktuellen Ausgabe von „51“.

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