Bayern-Neuzugang Matthijs de Ligt im Interview

Matthijs de Ligt: „Ich schätze die Art, wie der FC Bayern Fußball sieht“

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© Fotos: Markus Burke

Schon mit jungen Jahren hat Matthijs de Ligt gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Er studierte die Geschichte von Ajax Amsterdam, entwickelte sich bei Juventus Turin - und steht nun, wie er im „51"-Interview verrät, beim FC Bayern in einem Team mit elf Cristiano Ronaldos.

Das Interview mit Matthijs de Ligt

Matthijs, nach dem 6:1-Sieg zum Saisonstart in Frankfurt hat Sadio Mané mit den Fans auf der Tribüne gefeiert - wird man dich auch mal dort oben sehen?
„(lacht) Ich weiß nicht, aber ich fand es cool, dass Sadio das gemacht hat. Er hatte ein super Spiel hingelegt, ein Tor geschossen, war sehr glücklich und wollte das mit den Fans teilen. Da geht jedem Fußballfreund das Herz auf - mir auch. Aber ich konzentriere mich erst einmal auf meine Leistungen. Ob ich dann auch mal auf den Zaun klettere, sehen wir dann."

Matthijs de Ligt Fotoshooting
Ob im Anzug oder im Trikot: Neuzugang Matthijs de Ligt macht eine gute Figur.

Es heißt, du seist ein Typ Lautsprecher - bezieht sich das dann eher auf das Spielfeld?
„Ja. Abseits des Platzes bin ich zwar auch jemand, der gerne mit seinen Kollegen zusammen ist und das Gespräch sucht - aber insgesamt bin ich eher ein zurückhaltender Mensch. Ich beobachte gerne, und wenn ich finde, dass ich etwas sagen muss, dann mache ich das auch. Dafür muss ich aber nicht permanent auf Sendung sein. Auf dem Platz ist es hingegen so, dass ich versuche, so viel wie möglich zu kommunizieren, um Stabilität zu geben."

Auf Außenstehende wirkst du wie ein erfahrener 30-jähriger Spieler - dabei bist du 23 ...
„Ich denke, dass ich mich früh entwickelt habe und im Gegensatz zu anderen das Glück habe, seit vielen Jahren mit gestandenen Profis zusammenzuspielen, die enorme Erfahrung haben. Ich konnte früh sehr viel lernen und adaptieren, bei Ajax, in der niederländischen Nationalelf und dann bei Juventus Turin: Spieler wie Chiellini, Bonucci, Cristiano Ronaldo oder Buffon sind zehn, zwölf, 13 Jahre älter, und an diesen Persönlichkeiten habe ich mich orientiert. Vielleicht bin ich reifer als andere 22-Jährige, aber ich sehe das nicht als etwas Besonderes."

Deine Eltern waren Hockey- und Tennisspieler. Ist Sport von klein auf ein wichtiger Teil deines Lebens?
„Ja, sehr. Ich habe Judo betrieben, Hockey, Tennis und Fußball gespielt - Fußball sogar als Letztes. Es ist eine lustige Geschichte: Zunächst habe ich Fußball gar nicht gemocht. Es hat mich einfach nicht so interessiert, ich habe mir auch nie Spiele angeschaut. Ich habe mit sechs Jahren - ziemlich spät - zum ersten Mal gegen einen Ball getreten. Ab diesem Moment war ich verliebt. Es ging jeden Tag nur noch um Fußball. Wir spielten in der Schule, nach der Schule, im Verein, und dann begann ich auch, alles über die Spieler wissen zu wollen, über die großen Namen. Ich war Feuer und Flamme für alles, was Fußball betraf."

Zitat Matthijs de Ligt Fußball FC Bayern

Du hast zum Beispiel auch Bücher über Ajax gelesen ...
„Mit 16 Jahren habe ich angefangen, die Geschichte von Ajax zu ergründen. Mein damaliger Agent Barry Hulshoff, der leider gestorben ist, spielte bei Ajax mit Johan Cruyff. Er gab mir das Buch „60 Jahre Ajax". Ich habe es verschlungen und weiß jetzt alles auch über die Geschichte aus der Zeit, bevor ich überhaupt geboren wurde. Es war sehr inspirierend: In meinen Augen ist es wichtig, die DNA eines Vereins zu kennen. Juventus hat eine ganz andere Kultur als Ajax, auch das war hochinteressant, und jetzt bin ich bei Bayern, einem der größten Vereine der Welt mit einer unglaublichen Geschichte. Ich bin gespannt, die Philosophie des FC Bayern zu lernen, aufzunehmen und zu leben."

Was bedeutet für dich die DNA des FC Bayern?
„Für mich bedeutet die DNA des FC Bayern Disziplin, harte Arbeit und Siege. Diese drei zentralen Werte sehe ich, wenn ich mir den FC Bayern auf dem Platz anschaue. Außerhalb des Spielfelds steht der Club für eine große Familie, Tradition und soziale Verantwortung. Auf dem Platz gibt es einige Parallelen zu Ajax: Beide Clubs wollen immer offensiv spielen, wobei Bayern dabei noch disziplinierter agiert. Ich habe den Club im Fernsehen verfolgt, als Arjen Robben und Mark van Bommel unter Louis van Gaal 2010 ins Finale der Champions League gekommen sind oder 2013, als Bayern unter Jupp Heynckes die Champions League gewonnen hat, und als sie unter Pep Guardiola fantastischen Fußball gespielt haben. Auch der Sieg in der Champions League 2020 war spektakulär. Ich schätze die Art, wie hier gespielt wird und wie man den Fußball sieht. Es ist seit vielen Jahren ein Genuss, Bayern zuzuschauen."

de Ligt, Mane, Gnabry, Musiala Fotoshooting
De Ligt und seine Kollegen Sadio Mané, Jamal Musiala und Serge Gnabry posieren für die Kamera.

In dem Buch „60 Jahre Ajax" spielte der große Johan Cruyff sicher eine prägende Rolle.
„Ja, aber leider habe ich ihn nie persönlich getroffen - das wäre ein großer Traum von mir gewesen. Ich kam im Sommer 2016 bei Ajax in die erste Mannschaft, und er ist ein paar Monate vorher gestorben. Es ist sehr schade, dass ich ihn nie kennengelernt habe, denn er hatte einen großen Einfluss und war eine inspirierende Persönlichkeit."

Wie war es als jüngster Kapitän der Ajax-Historie?
„Es war nicht schwer, denn die älteren Spieler haben mir geholfen. Routiniers wie Dušan Tadić, Lasse Schöne oder Daley Blind hätten auch Kapitän werden können, und sie waren es ein Stück weit auch ohne die Binde, aber der Trainer hatte mich für diese Aufgabe ausgewählt, weil er mich noch mehr in die Verantwortung nehmen wollte. Ich fühlte mich schnell wohl dabei, denn ich war schon damals ein Typ, der gerne vorangeht. Ich mag es, die Verantwortung zu tragen. Für mich fühlt es sich gut an. Es macht mich nicht nervös."

Wie ist dein Umgang mit älteren Teamkollegen?
„Bei Ajax habe ich damals sofort das Vertrauen der anderen gespürt, sie haben verstanden, dass diese Entscheidung gut für die Mannschaft ist, und keiner sagte: ‚Oh, warum bekommt der 19-Jährige so viel Verantwortung?' Ich glaube nicht, dass es ein Patentrezept gibt. Man muss immer einen Weg für die Mannschaft finden - auch als Kapitän ist man nie ein Einzelkämpfer: Aufgaben löst man nur im Team, immer gemeinsam. Als Kapitän sehe ich mich nie anders als die anderen Spieler. Du bist trotz oder gerade mit der Binde ein Teil des Teams. Es ist wichtig, dass die Gemeinschaft funktioniert. Nur so kann man alles lösen."

Zitat Matthijs de Ligt Verantwortung FC Bayern

Bei Juventus bist du dann als junger Spieler zu einem Team voller Weltstars gestoßen.
„Das war eine gute Erfahrung, weil ich nicht nur als Fußballspieler, sondern auch als Mensch viel gelernt habe. Wenn man diese Champions jeden Tag sieht, wie sie trainieren und sich um ihren Körper kümmern, wie sie ihre Leistung bringen ... Das motiviert einen ungemein. Ich bin dankbar und glücklich, dass ich dort drei Jahre lang spielen durfte. Cristiano Ronaldos Hunger stach besonders heraus. Er hat alles gewonnen, mehrere Ballons d'Or, fünfmal die Champions League und jede große Meisterschaft, in der er gespielt hat - aber er hat immer noch diese Gier in sich, als wäre er ein 19-Jähriger, der seine Karriere gerade erst begonnen hat."

Spürst du diese Gier auch beim FC Bayern? Der Club ist es gewohnt, Titel zu gewinnen, und man muss als Spieler hier immer hungrig bleiben.
„Natürlich. Die Bayern haben zehn Jahre in Folge die Meisterschaft gewonnen, aber sie hören nicht auf: Die Art und Weise, wie sie hier trainieren, Jungs wie Thomas Müller, Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Kingsley Coman, alle, die hier schon lange spielen und mindestens sechs oder sieben Titel gewonnen haben, das ist mehr als beeindruckend. Sie gehen mit gutem Beispiel voran für den Rest der Mannschaft, dass man so sein muss, um zu gewinnen. Hier spürt man jeden Tag, dass sie auch den elften Titel in Serie unbedingt wollen."

Es gibt hier also elf Cristiano Ronaldos?
„Mit diesem zentralen Charakterzug, immer mehr zu wollen - sicher, ja! Die große Stärke hier ist diese bayerische Mentalität, dieses permanente Streben nach Perfektion und dieser Wille, immer an sich zu arbeiten. Das ist etwas, was dieses Team und diesen Club insgesamt besonders auszeichnet."

Matthijs de Ligt und Serge Gnabry beim Fotoshooting
„Auf dem Platz ist es so, dass ich versuche, so viel wie möglich zu kommunizieren, um Stabilität zu geben“, sagt de Ligt

Weißt du, wer in Deutschland als „Lichtgestalt" bezeichnet wird?
„Ja, klar. Ich habe ja vorhin erzählt, dass ich mich in der Fußballhistorie ganz gut auskenne. Franz Beckenbauer gilt als bester Abwehrspieler der Welt. Er fehlt in keiner Top 11 der Fußballgeschichte. Ich habe viele Videos von ihm gesehen. Das waren natürlich ganz andere Zeiten, aber ich sehe immer noch gerne seine Art, Fußball zu spielen. Er spielte damals in einem unglaublich erfolgreichen Bayern-Team, das dreimal in Folge den Landesmeister-Pokal gewonnen hat. Er ist eine Legende und eine große Inspiration."

Du könntest hier der neue Beckenbauer werden. Als Innenverteidiger mit einem langfristigen Vertrag ...
„(lacht) Ich würde mich niemals mit Franz Beckenbauer vergleichen, das wäre falsch. Aber sagen wir es doch so: Er hat sehr lange und sehr erfolgreich für den FC Bayern gespielt und viele, viele Titel gewonnen. Das ist auch mein Ziel."

Die September-Ausgabe des Mitgliedermagazins „51" ist da:


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