

Wenn es zu einem medizinischen Notfall kommt, wird es auch im lautesten Stadion plötzlich leise. Aber wer ist eigentlich zur Stelle, wenn die Tribünen schweigen? Das FC Bayern-Mitgliedermagazin „51“ hat das Bayerische Rote Kreuz bei einem Heimspiel in der Allianz Arena begleitet.
Es läuft die 30. Minute, als zum zweiten Mal die Tormusik aus den Lautsprechern der rot erleuchteten Allianz Arena ertönt. Luis Díaz hat soeben das 2:1 beim Spiel des FC Bayern gegen den VfL Wolfsburg erzielt. Aber für die Einsatzkräfte des Bayerischen Roten Kreuzes bleibt keine Zeit zum Jubeln – sie müssen zum Einsatz. Denn fast zeitgleich mit dem Führungstreffer meldet sich über Funk ein Ordner vom Eingang Süd. Eine Person hat starke Bauchschmerzen und braucht Hilfe. Jetzt geht alles blitzschnell: Die Wache E2 Süd wird alarmiert und ist innerhalb kürzester Zeit vor Ort. Ein paar Minuten später trifft auch der Notarzt ein. Nach der Erstversorgung wird der Patient ins Behandlungszentrum (BHZ) gebracht. Während sich ein Arzt um ihn kümmert, organisiert die Einsatzabwicklung einen Rettungswagen. Kurz darauf befindet sich der Patient bestens versorgt auf dem Weg ins nächstgelegene Krankenhaus. Ein Fall, der zeigt, dass in der Allianz Arena nicht nur auf dem Rasen ein perfektes Zusammenspiel herrscht.
Rund 75 Rettungskräfte sind bei unseren Heimspielen im Einsatz und kümmern sich um alle, die medizinische Hilfe benötigen. Davon kriegen die Zuschauer in der Regel kaum etwas mit – außer es kommt zu einem Notfall auf den Tribünen. Dann passiert es immer wieder, dass der Support in der Kurve plötzlich eingestellt wird. Und als Zuschauer im Stadion oder vor dem Fernseher stellt man sich die Frage: Gibt es in letzter Zeit mehr Notfälle als früher – oder ist die Gesellschaft nach den Pandemiejahren feinfühliger geworden?

Für BRK-Einsatzleiter Thomas Schmid ist die Antwort klar: „Wir sehen keinen Anstieg in den Einsatzzahlen. Ich denke, was gestiegen ist, ist die Rücksicht aufeinander.“ Das Stadion ist also kein unsicherer Ort geworden. Ganz im Gegenteil: „Eigentlich kann man sich keinen besseren Ort aussuchen, eine schwerwiegende Erkrankung zu haben“, sagt Schmid mit einem Augenzwinkern. „Im Ernst: Wenn der Standort klar ist, ist innerhalb von zwei Minuten ein qualifiziertes Team vor Ort. Ein bis zwei Minuten später ein Notarzt. Das schafft man in der Stadt oder auf dem Land niemals.“ Dafür beginnt die Planung schon mehrere Tage vor dem Spiel: „Die verschiedenen Teams werden zwei bis vier Wochen vorher eingeteilt. Also welche Bereitschaft und welche Einsatzkräfte welche Positionen zu besetzen haben“, sagt Schmid.
Eine Herzensangelegenheit für die Helfer des BRK
Was viele nicht wissen: Das alles passiert ehrenamtlich. Inklusive Fortbildungen in der Freizeit, um für den Spieltag fit zu sein: „Obwohl wir ehrenamtlich arbeiten, gelten für uns die gleichen Standards wie im Hauptamt“, betont Schmid. „Man wächst an den Aufgaben – und an den Menschen, mit denen man sie teilt.“ Die BRKler sind in ihren Bereitschaften etwa in Unterschleißheim, Pasing und Planegg/Krailling tätig.
Thomas Schmids Aufgabe im Stadion ist es, mobil zu sein, in brenzligen Situationen den Überblick zu bewahren und die Rettungskräfte vor Ort zu organisieren. Koordiniert werden müssen die 75 Rettungskräfte sowie drei Notärzte. Verteilt auf vier Fahrzeuge, zwei Spielfeldrandteams, das Behandlungszentrum, die Einsatzabwicklung sowie sechs Wachstationen. Vier von ihnen auf der Ebene zwei, die anderen beiden auf Ebene sechs der Allianz Arena. Hier beziehen mindestens sieben Einsatzkräfte Stellung; darunter je eine Wachleitung, ein Tragenteam zum Ausrücken sowie mindestens ein Rettungssanitäter.

Der Arbeitstag beginnt um 14 Uhr, dreieinhalb Stunden vor dem Anpfiff. Nach und nach trudeln die BRKler im Behandlungszentrum ein, einem lazarettähnlichen, schlauchförmig aufgebauten Raum im Bauch der Allianz Arena. Hier holen sich die Teams ihre Ausrüstung und Versorgung ab und überprüfen, ob alles ordnungsgemäß und einsatzbereit ist.
Während die Bereitschaften ihre Schmerztabletten und Zuckergele aufstocken, geht es für Einsatzleiter Schmid unters Dach der Allianz Arena. Hier trifft sich an jedem Spieltag der Koordinierungskreis zur sogenannten Kalten Lage. In einem großen Raum mit Blick aufs Spielfeld sitzen die Einsatzleiter von BRK, Polizei, Feuerwehr und Co. unter Anleitung eines Verantwortlichen des FC Bayern zusammen. Man merkt: Hier steckt ein eingespieltes Team die Köpfe zusammen. „Die Zusammenarbeit läuft wirklich super, das hilft uns sehr. Gerade die Security weiß, wie wir arbeiten, und unterstützt uns bei den Einsätzen vorausschauend“, sagt Schmid.
Gegen 15 Uhr geht es für die Einsatzkräfte des BRK auf ihre Positionen. Zeit für Herbert Getin, ein wenig über die Station zu erzählen, auf der er regelmäßig Dienst hat. Der Verwaltungsbeamte ist schon seit Jahren für das BRK tätig und kennt die Abläufe in der Allianz Arena in- und auswendig. „Das BHZ ist die größte aller Stationen in der Arena und die Zentrale des BRK. Hierher kommen alle Patienten, die eine intensivere Versorgung benötigen“, erklärt er. Wer im Behandlungszentrum Dienst hat, bekommt die ganze Bandbreite der Einsätze zu Gesicht. „Von der hochschwangeren Frau über den Herzinfarkt bis hin zum Kioskmitarbeiter, der sich die Fingerkuppe abgeschnitten hat, habe ich hier schon alles gesehen“, erzählt Getin.

Einsatzkräfte sind immer bereit – egal wo
Für die Erstversorgung der Zuschauer gibt es wiederum die Wachstationen auf den Hauptebenen der Arena. Sie sind mit einem roten Kreuz gekennzeichnet und mit einer Liege ausgestattet, auf der kleinere Verletzungen versorgt werden. Und natürlich mit einem Fernseher, damit auch die Wachmannschaft vom Spiel der Bayern etwas mitbekommt. So wie die Station E2 Ost, auf der Karen Haensch und ihr Team aus der Bereitschaft Unterschleißheim an diesem Spieltag Dienst haben.
„Wir sind für den Mittel- und Unterrang der Osttribüne zuständig“, erklärt Haensch. „Die meisten Einsätze sind Kleinigkeiten. Pflaster, Kreislaufprobleme, mal ein Infekt. Egal was ist, wir sind für jeden da, der Hilfe braucht.“ Falls es doch mal ernster wird, sind die Stationen so verteilt, dass die ausrückenden Tragenteams den Einsatzort möglichst schnell erreichen können. Dennoch rät Schmid: „Wer sich nicht fit fühlt, sollte lieber zu Hause bleiben.“ Schließlich sind einige der schwereren Fälle auf eine Überlastung zurückzuführen. Wer in der Allianz Arena selbst erkrankt oder mitbekommt, dass es einem anderen Besucher schlecht geht, spricht am besten einen der Ordner an. „Die kennen die Strukturen hier, wissen, wo wir sind, und können uns schnell alarmieren“, erklärt Schmid.
Als der Abpfiff ertönt, zeigt die Anzeige in der Allianz Arena ein unglaubliches 8:1 für die Bayern. Und während sich die Fans glücklich und zufrieden auf den Heimweg begeben, halten die Teams vom BRK weiter die Stellung. „Erst wenn wirklich niemand mehr da ist, machen wir zu“, sagt Haensch aus der Ostwache. Um 20:30 Uhr kommt dann die Meldung über Funk: „Wache E2 Ost schließt.“ Im Behandlungszentrum werden noch die letzten Fälle versorgt. Die Bilanz: drei Krankenhausfahrten, 14 ausführliche Versorgungen und 13 kleinere Hilfeleistungen. Für Einsatzleiter Schmid und sein Team geht zwei Stunden nach Abpfiff „ein ganz normaler Spieltag“ zu Ende.
Den ganzen Text könnt Ihr in der Februar-Ausgabe des FC Bayern-Mitgliedermagazins nachlesen:

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