

Sichtbar gelöst trat Kevin Diks nach dem 1:0 gegen Union Berlin am Samstag vor die Mikrofone. Als hätte ihm jemand die Last von seinen Schultern gehoben, sprach der 29-Jährige über den so „wichtigen Sieg“ seiner Borussia, den er mit einem Elfmetertor in der Nachspielzeit (90.+4) besiegelt hatte. Kein Wunder, seine Mannschaft brauchte dieses Erfolgserlebnis nach zuletzt sieben Partien in Folge ohne Sieg händeringend. „Die letzten vier Wochen waren schwierig“, sagte der Verteidiger, „der Druck nach den ausbleibenden Ergebnissen war groß.“
Dabei hatten sich die Rheinländer nach einem ernüchternden Saisonstart und der zunächst ausbleibenden Initialzündung infolge des Trainerwechsels zum Jahresende eigentlich wieder gefangen. Die herben Pleiten in Hoffenheim (1:5), gegen Stuttgart (0:3) und bei Eintracht Frankfurt (0:3) waren zuletzt jedoch mehr Realitätsabgleich als Ausrutscher. Und so steckt das Team von Eugen Polanski zehn Spieltage vor Saisonende im Niemandsland der Tabelle fest. Der Blick der Fohlen richtete sich angesichts der Sieglosserie zuletzt eher wieder nach unten. Da kamen drei Punkte gegen die Eisernen aus Gladbacher Perspektive genau im richtigen Moment. Zumal am Freitag (20:30 Uhr) der FC Bayern wartet – bereit, den zarten Aufwind zu dämpfen.

„Wir dürfen uns nach diesem Sieg aber nicht ausruhen, wir müssen weiter hart arbeiten“, sagte Diks wohlwissend, dass die Halbwertszeit von Erfolgen im Profigeschäft eher eine Sache von Tagen als von Wochen ist. „Dieser Auftritt und dieser Sieg sollen kein Einzelfall bleiben, sondern so wollen wir nächste Woche wieder auftreten“, kündigte der Abwehrspieler an. Klar, die Bayern müssen mit einem Gegner rechnen, der den frisch gewonnenen Schwung mit Intensität und Konsequenz bestätigen will. Abseits davon bleibt die „graue Maus“ der Tabelle allerdings schwer zu greifen – mal kompakt und abgeklärt, mal launisch und unberechenbar. Ein Blick ins Zahlenbild rückt dieses wechselhafte Profil schärfer ins Licht.
Gefahr vor allem bei Standards – aber wenig Wucht aus dem Spiel
Rein statistisch fügt sich Gladbach auf Rang zwölf nahtlos in die graue Mitte der Liga ein: solide, aber selten spektakulär. Offensiv schlagen sich die Fohlen unter Wert, das zeigen die 27 erzielten Tore, die sowohl hinter dem modellierten xGoals-Wert als auch hinter dem Liga-Durchschnitt zurückbleiben. Ein Grund dafür liegt darin, dass die spielerischen Bemühungen der Offensive um Franck Honorat, Haris Tabaković und Co. zu inkonsequent sind. Die Borussia zählt zu den Teams mit den wenigsten Treffern aus dem laufenden Spiel. In den vergangenen Wochen war jedoch ein Schritt nach vorne zu erkennen: In der Partie gegen Union brachte sich Gladbach immerhin in 21 Abschlusssituationen. „Ich bin froh, dass die Mannschaft auch den spielerischen Ansatz gezeigt hat, ohne das Kämpferische zu vernachlässigen“, sagte Polanski nach Abpfiff. Auch Philipp Sander betonte: „Wir waren die Mannschaft, die während des Spiels mehr versucht hat.“

Trotz allem bleiben ruhende Bälle ein wichtiger Pfeiler im Gladbacher Offensivplan. Dass mehr als jedes dritte Tor nach einer Standardsituation fällt, ist aber auch ein klares Indiz dafür, dass im offenen Spiel noch immer die letzte Durchschlagskraft fehlt. Wirklich erfolgreich ist die Borussia bislang vor allem in der gefährlichen Zone, von außerhalb des Strafraums gab es noch keinen Treffer. Das ist ein starkes Signal dafür, dass sich Gladbach vor allem darauf fokussiert, im Sechzehner zum Abschluss zu kommen, offenbart aber auch die fehlende Gefahr aus der Distanz.
Abwartend statt gnadenlos: Gladbachs Pressing- und Konterprofil
Nach eigenem Pressing entfaltet die Elf vom Niederrhein ebenfalls kaum Wirkung: Nur viermal nutzte Gladbach Ballverluste des Gegners direkt zum Torerfolg, ligaweit der Tiefstwert. Ein Hinweis darauf, dass die Polanski-Elf einen eher einen abwartenden Ansatz in der ersten Phase des Gegenpressings wählt oder zu wenige schnelle, präzise Anschlussaktionen nach Ballgewinn generiert. Ähnlich zurückhaltend wirken die Fohlen im Umschaltspiel: Nur zweimal waren sie nach Kontern erfolgreich – ebenfalls so selten wie kein anderes Bundesliga-Team. Die Kehrseite der Medaille: Defensiv ist die Restverteidigung bei Gegenstößen stabil, Gladbach kassierte erst ein Gegentor nach einem Konterangriff – Bestwert der Liga.

Polanskis Plan: Flexibles System, feste Achse, klare Doppelspitze
In Sachen Personal zeigte sich Eugen Polanski zuletzt experimentierfreudig. Er variierte mehrmals die Grundordnung und schickte seine Elf mal mit Dreier-, mal mit Viererkette aufs Feld. Nico Elvedi und Kevin Diks sind die Stützen der Defensive. In Frankfurt (0:3) und gegen Leverkusen (1:1) stellte der Gladbacher Coach Yannik Engelhardt als klaren Sechser vor die Abwehr, davor sollten Kevin Stöger und Rocco Reitz als offensiv ausgerichtete Zentrumsspieler das Gladbacher Spiel sauber ins letzte Drittel tragen. Auf den Flügeln verteidigten meist Jens Castrop (rechts) und Lukas Ullrich (links). Vorn bildet die Doppelspitze aus Franck Honorat (bester Assistgeber mit fünf Vorlagen) und Haris Tabaković (bester Torjäger, elf Treffer) die offensive Lebensversicherung der Fohlen – und dürfte auch in München gesetzt sein.
So tritt Borussia Mönchengladbach am Freitag nicht als klarer Außenseiter ohne Plan in der Allianz Arena an, sondern als Mannschaft, deren Stärken und Schwächen eng beieinander liegen: vorne abhängig von Standards und ihrer Doppelspitze, hinten stabil, wenn die Ordnung stimmt, aber anfällig, sobald der Gegner das Tempo und die Präzision hochhält. Für den FC Bayern eröffnet sich damit die Chance, den Gladbacher Aufwind gar nicht erst zu einem Höhenflug werden zu lassen – vorausgesetzt, die Münchner bringen ihre eigene Qualität mit der nötigen Konsequenz auf den Platz.
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