Lena Lotzen und der Fußball: „Keine Liebe ohne Leiden“

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Lena Lotzen ist eines der zentralen Gesichter des FC Bayern und deutschen Frauenfußballs der vergangenen zehn Jahre. Sie hat eindrucksvoll gezaubert, hart gekämpft und viele Mädchen und Buben inspiriert. Mit 27 beendet sie ihre Karriere und blickt mit dem FC Bayern Mitgliedermagazin „51" auf eine beeindruckende Laufbahn mit Höhen und Tiefen zurück. (Bilder: Julia Sellmann)

Niemals Stillstand

Als ihr Karriere-Ende offiziell bekannt gegeben wird, sitzt Lena Lotzen gerade ausgepowert nach der Reha in der Umkleide. In dem Moment habe sich ein Kreis geschlossen, meint sie: Obwohl sie gewusst hatte, dass mit diesem Tag unwiderruflich Schluss sein würde, hatte sie sich im Fitnessraum gequält. „Ich glaube, ich brauchte das in dem Moment, für meinen Kopf", sagt sie, „und es hat sich gut angefühlt." Die 27-Jährige durfte in ihrer Karriere viel erleben, Höhepunkte wie zwei Meisterschaften und einen Pokalsieg mit dem FC Bayern sowie schwere Zeiten mit vielen Verletzungen, unter anderem drei Kreuzbandrisse. Lena Lotzen war immer in Bewegung, Stillstand gab es für sie nie, sie hatte immer im Kopf, dass es weitergehen wird. Diese Einstellung wird sie sich über ihre aktive Karriere hinaus bewahren.

Gedanken sortieren

Inzwischen sind ein paar Wochen ins Land gezogen, und Lotzen ist damit beschäftigt, die Gedanken zu ihrer Zukunft zu sortieren. Keine leichte Aufgabe: Mit 27 hat man normalerweise keine drei Kreuzbandrisse hinter und viel eher noch ein paar Jahre Fußball auf Top-Niveau vor sich. Zudem macht Corona einen geregelten Alltag für jeden Menschen derzeit unmöglich. Lotzen pendelt zwischen ihrer Heimat Würzburg und Köln, wo sie sich im Sommer dem FC angeschlossen hatte. Heute hat es die ganze Fahrt über geschneit, sagt sie: „Wildes Wetter."

Bis Januar hatte sie alles bei ihrer Reha versucht, doch als sie nochmals ins Training einstieg, kristallisierte sich schnell heraus, dass es nicht mehr für das Niveau reichen würde, das sie sich vorstellt. Die finale Erkenntnis traf sie hart, auch wenn sie sich bereits unmittelbar nach der dritten Kreuzbandriss-Diagnose mit Gedanken an ein Karriere-Ende beschäftigen musste. Die Entscheidung fiel weder leicht noch von heute auf morgen, und als es dann endgültig offiziell wurde, kamen alle Emotionen hoch, erzählt sie: „Da geht für dich ja nicht nur der Profifußball zu Ende, sondern dein ganzes Fußballerleben, das du mal mit fünf Jahren auf einem Bolzplatz begonnen hast."

„Nicht allzu viel falsch gemacht"

Zwei Tage stand ihr Smartphone danach unter Strom, erzählt Lotzen. Weggefährten von sämtlichen Stationen meldeten sich, von Bayern natürlich und der Nationalmannschaft, mit der sie 2013 Europameister wurde. Der kollektive Zuspruch hat sie gefreut: „Das zeigt, dass ich nicht allzu viel falsch gemacht haben kann in all den Jahren." Besonders schön waren Nachrichten von Menschen, die sie gar nicht kennt: Mädchen und Buben schrieben ihr, dass sie eine Inspiration für sie gewesen sei, dass sie wegen ihr zu kicken begonnen haben. Neben allen sportlichen Erfolgen sind es auch und gerade solche Geschichten, die eine Karriere am Ende richtig rund und besonders machen. Lena Lotzen war und ist eines der zentralen Gesichter des FC Bayern und des deutschen Frauenfußballs der vergangenen zehn Jahre.

„Ich war frei von großen Gedanken"

Mit 16 kam sie zum FC Bayern. Sie war nervös damals, erinnert sie sich, „ich war sehr, sehr jung -- ich war eigentlich noch nicht bereit für diese große Stadt und diesen großen Klub". Mit fünf Jahren schon hatte sie ihr erstes FCB-Trikot geschenkt bekommen, später trug sie Roy Makaays „10" auf dem Rücken. Sie war nie ein fanatischer Fan, aber natürlich schlug ihr Herz von klein auf für die Roten. Und: Sie wollte wissen, ob sie da reinwachsen kann. „Ich war frei von großen Gedanken, wenn es auf den Platz gegangen ist, ich war unbekümmert, ich durfte das machen, was ich am liebsten mag: spielen." Damals waren die Bayern-Frauen „eine ,Mal-gut-mal-schlecht-Mannschaft'", erinnert sie sich, „wir waren damals noch nicht wirklich FC Bayern -- aber eine tolle Gemeinschaft mit großen Zielen". Bereits in ihrem zweiten Jahr holten sie den DFB-Pokal, und es manifestierte sich das klare Ziel: Wir wollen auch mal Deutscher Meister werden! 2015 und 2016 erreichten sie das zweimal.

Schweinsteiger als Mutmacher

Der Pokalsieg 2012 blieb Lotzen am meisten haften aus ihrer Münchner Zeit, erzählt sie. Die zweite Mannschaft war zum Anfeuern mitgereist, nach Abpfiff gab es kein Halten mehr. „Es war unglaublich, Teil dieses Traums zu sein." Die Meisterschaften feierten sie dann sogar gemeinsam mit den Männern und den Fans auf dem Marienplatz. Lotzen betrat mit Bastian Schweinsteiger den Rathausbalkon, und er schlug spontan vor, die beiden Schalen zu tauschen. Schweinsteiger schickte ihr später gelegentlich Mut machende Nachrichten in die Reha, das fand sie sehr schön.

Leider jedoch gehört eine umfangreiche Krankenakte genauso zu Lena Lotzens Karriere wie ihre Erfolge. Einmal fehlten nur noch gut zwei Wochen, dann hätte sie eine schaurige Marke von 600 Tagen Zwangspause am Stück aufgestellt. Zwischendurch konnte sie die Frage, wie es ihr geht, nicht mehr hören, auch wenn es lieb gemeint war. Man versucht alles, und dennoch sind da immer wieder Schmerzen und Rückschläge. „Aber ich habe nie aufgegeben", sagt Lotzen. Ihre Vita macht auch die Frage so besonders, wie leidensfähig man/frau sein muss. Ihre Geschichte ist stets auch die gewesen, dass da jemand allen Widrigkeiten trotzt. Um sich zu motivieren, las sie unter anderem Bücher von prominenten Sportlern außerhalb des Fußballs. Das gab ihr viel, weil einem bewusst wird, dass hinter jedem Erfolg viel Arbeit steckt -- und dass man immer bereit sein muss, seine Grenzen zu überwinden.

Den eigenen Weg finden

Es läuft ja nie alles glatt, das wäre unrealistisch -- und so lautet die wahre Herausforderung, sich Problemen zu stellen und sie zu lösen. Zu Beginn ihrer Zeit beim FC Bayern überkam sie mal schreckliches Heimweh, es war alles zu viel: fern von der Familie zu Hause, hohe Anforderungen auf dem Platz und in der Schule, eine fremde Stadt, und da war es ihr plötzlich wichtiger, nach Hause zu kommen, als morgen auf dem Trainingsplatz zu stehen. Der damalige Trainer Tom Wörle packte sie ins Auto, auf halber Strecke nach Würzburg traf man sich mit ihrem Papa auf einer Raststätte. Lotzen ist Wörle bis heute dankbar, dass er so einfühlsam reagiert hat -- und ihr selbst ist die Geschichte wichtig, „weil man als junger Mensch nun einmal lernen muss, mit Belastungen zurechtzukommen. Das Entscheidende ist, dass man zu sich selber steht und für sich selber den Weg findet, dem man traut und der funktioniert." Und sie hat ihren Weg gemacht.

Alles begann auf dem Bolzplatz ums Eck, wo sie kickten, stundenlang, bis es dunkel wurde. Bis zur B-Jugend spielte Lotzen mit einer Sondergenehmigung bei den Jungs, sie absolvierte mit 16 in Trinidad und Tobago ihre erste Juniorinnen-WM und holte bei der U-20-WM in Japan den bronzenen Schuh als drittbeste Torschützin. Nun ist sie gespannt, was die (Fußball-)Welt in Zukunft noch bereithat. Bis Ende des Jahres will sie ihr Studium im Sport-Business-Management abschließen, einen Trainerschein hat sie schon, und sie kann sich vieles vorstellen, von der Arbeit an der Seitenlinie bis hin zum Management oder der individuellen Betreuung von Sportlern. „Ich wünsche mir, dass ich etwas finde, das in mir die gleiche Leidenschaft entfacht, wie auf dem Platz zu stehen", sagt sie, „das wird nicht leicht, wenn ich ehrlich bin."

„Promise yourself: Never give up!"

Aber Lena Lotzen hat ja immer ihren Weg gefunden. Die Zukunft liegt vor ihr und damit viele neue Möglichkeiten. Über fünf Jahre stand auf dem Display ihres Smartphones ein Motivationsspruch: „Promise yourself: Never give up!" Vor ein paar Wochen hat sie ihn gelöscht. Das ist eine ziemlich feine Pointe von Lena Lotzens Geschichte, denn das neue Motiv macht charmant und einprägsam deutlich, dass auch die Zukunft schöne Aussichten mit sich bringt. Das Hintergrundbild zeigt jetzt ihre Katze. Auf in ein neues Leben. Katzen haben sieben davon, sagt man -- und sie finden sich ja auch immer bestens zurecht.

Im März gab Lotzen ihr Karriereende bekannt: