Frauenfußball-Serie Folge 2: Aufstieg in die Bundesliga

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20 Siege in 22 Spielen und nur neun Gegentore - die Bayern-Frauen haben in der Saison 2020/21 mit einer unglaublichen Leistung den Meister-Titel geholt. Und das, nachdem sie sich davor vier Mal hintereinander mit Platz 2 begnügen mussten! Wie ist es ihnen gelungen, an ihrem großen Ziel festzuhalten? Diese Serie ergründet eine Charaktereigenschaft, die im Verein wie auch in der FCB-Frauenabteilung tief verwurzelt ist: der absolute Wille zum Erfolg. Es geht um die historisch größten Herausforderungen - und darum, wie sie bewältigt wurden. Und um die Aufgaben, die vor uns liegen. In Folge 2 geht es um die Zeit nach unserem Bundesliga-Abstieg 1992 und die grandiose Rückkehr in die erste Liga.

Aufschwung ohne die Pionierinnen aus Bayern

Es mussten schon so einige große Klubs die schmerzvolle Erfahrung machen, dass eintritt, was lange keiner für möglich hielt, doch die Bayern-Frauen trifft es im Sommer 1992 besonders hart. Ihr Abstieg in die Zweitklassigkeit fällt mitten hinein in eine Aufbruchstimmung rund um den deutschen Frauenfußball.

Die Nationalelf hat zweimal hintereinander den EM-Titel gewonnen und die Frauen haben endlich ihre eigene Bundesliga. Bis 1990 wurde die Meisterschaft noch im Turniermodus zwischen den Sieger-Teams der Regionalverbände ausgetragen. Nun gibt es eine zweigleisige Liga mit Nord- und Südstaffel. Der „Kicker" bringt sogar ein Sonderheft heraus, in dem alle Klubs detailliert vorgestellt werden, mit großem Foto und allen wichtigen Leistungsdaten. „Wir haben eine ganz andere Resonanz aus der Bevölkerung bekommen", erinnert sich Dagmar Uebelhör, bei Bundesliga-Gründung Verteidigern beim FC Bayern und in der Nationalelf.

Doch nun, nach der erst zweiten Bundesliga-Saison, sind die Bayern-Frauen plötzlich raus. Ein Schock. Nach 20 Spieltagen stehen sie auf dem letzten Platz. 13 Niederlagen, fünf Unentschieden und nur zwei Siege. Eine Saison zum Vergessen.

Ausgerechnet die FCB-Frauen! Neben dem SC Bad Neuenahr das einzige Bundesliga-Team, das schon 1974 dabei war, als zum ersten Mal um den Meistertitel gespielt wurde. Die 1976 dann den Titel holten und in den Folgejahren dreimal das Meisterschafts- und zweimal das DFB-Pokalfinale erreichen. In dem Moment, in dem sich ihre Pionierarbeit ein wenig auszuzahlen beginnt, sind sie raus.

Sie trainieren Anfang der Neunziger zwar noch immer nur zwei Mal die Woche. Zum Endspiel nach Berlin ging es aber schon mit dem Flugzeug. Und sie übernachteten im Steigenberger. Zeichen der Anerkennung und Professionalisierung. Auch wenn der Frauenfußball nach wie vor mit vielen Vorurteilen und Ungerechtigkeiten zu kämpfen hat, bewegt er sich in die richtige Richtung. Doch nun müssen sie wieder dorthin zurück, wo ihre Reise im Jahr 1970 begann: Bayernliga statt Bundesliga. Die Mission beginnt ein stückweit von vorne.

Back to the roots: Wie bereits 1970 starten die FCB Frauen wieder in der Bayernliga anstatt in der Bundesliga.

Ein Team ohne Säulen

Natürlich erwarten alle von den Bayern-Frauen, dass sie direkt wieder aufsteigen. Das Publikum, die Gegnerinnen, sie selbst. Als wäre der Abstieg ein Blechschaden, den man mal so eben ausbeulen könne. Doch so einfach ist das nicht. Um in der zweitklassigen Bayernliga zu bestehen, braucht es eine klare Struktur. Und die fehlt den FCB-Frauen anfangs.

Dagmar Uebelhör, die nach dem Abstieg das Trainer-Amt übernommen hat, muss ein komplett neues Team zusammenstellen. Etablierte Spielerinnen haben sich verabschiedet. Die Neuzugänge: allesamt junge, unerfahrene Spielerinnen. Nicht wenige von ihnen stammen aus dem zweiten Frauen-Team der Bayern, das es seit 1990 gibt.

Aus einem Jahr in der Bayernliga werden schnell drei. Die FCB-Frauen landen erst auf dem zweiten, auf dem dritten und dann wieder auf dem zweiten Platz. An sich nicht ganz schlecht, aber für einen Verein wie den FC Bayern München zu wenig.

„Eine Mannschaft lebt von Säulen. Unser Hauptproblem damals war, dass wir diese Persönlichkeiten nicht hatten", erinnert sich Anja Knaub, die ab 1993 für die Bayern-Frauen spielt.

Hatte großen Anteil am Aufschwung in den 90er Jahren: Karin Danner (li.) im Spiel gegen den KBC Duisburg 1985.

Das Dannersche Erfolgsfundament

Der Umbruch folgt im Sommer 1995. Und er lässt sich klar an einer Person festmachen: Karin Danner. Seit 1977 ist die gebürtige Pfälzerin im Verein. Lange Jahre als Spielerin, dann kurz als Verkäuferin im ersten Fanshop an der Säbener Straße. Nun wird sie Managerin der FCB-Frauen. Ein Job, den sie bekanntlich auch heute noch, über 25 Jahre später, ausübt.

Danner haucht einem Team, das in der Bayernliga feststeckt, behutsam neues Leben ein. Auch mit ihr gelingt nicht sofort der Aufstieg zurück in die Bundesliga, aber sie stellt die Frauenabteilung auf ein neues Erfolgsfundament.

Energieschub I: ein neuer Trainer. Karin Danner holt den erfahrenen Peter König, der zuletzt in Japan gearbeitet hat, zum FC Bayern. Energieschub II: das Team wird mit den größten Talenten Bayerns verstärkt. „Wir sind fünf Jahre über die bayerischen Dörfer getingelt, haben alle Auswahlspielerinnen und deren Eltern überzeugt, dass wir was aufbauen wollen", erzählt Danner. Erfolgreich sind sie unter anderem bei Petra Wimbersky und Tanja Wörle. Energieschub III: Danner holt routinierte Ex-Bayern-Spielerinnen wie Roswitha Bindl und Bärbel Weimar zurück.

„Eine überwältigende Freude"

Die Zweitklassigkeit der Bayern-Frauen endet im Jahr 2000 auf einem Betriebssportgelände am Englischen Garten. Sie haben die Bayernliga mit 18 Siegen aus 18 Spielen auf Platz 1 beendet und an einem heißen Juni-Tag gewinnen sie auch noch das entscheidende Spiel der Aufstiegsrunde gegen den SC Freiburg. Ein knappes, aber mehr als verdientes 3:2. Etwa 2.000 Menschen jubeln am Spielfeldrand.

In der Folge etablierte sich die Mannschaft in der Bundesliga - und in den Herzen der Fans.

„Nie mehr Bayernliga" skandieren die Spielerinnen nach Abpfiff, hüpfen im Kreis und springen in Schuhen und Trikots in einen Swimmingpool auf der Anlage an der Osterwaldstraße. „Es war eine überwältigende Freude" erinnert sich Bärbel Weimar. Acht Jahre lang haben die Bayern-Frauen dafür gekämpft, in die Bundesliga zurückzukehren und mussten unglaublich viele Rückschläge, Spott und Abwertungen verkraften. Und dennoch haben sie ihr Ziel nie aus den Augen verloren. Der ganze Druck, all die Zweifel sind in diesem Moment vergessen.

Der Aufstieg ist das Ergebnis von großer Leidenschaft und Expertise. Und zeigt auch, wie der FC Bayern auch in schwierigen Zeiten zusammenhält. Anders als andere Vereine, die in der Männer-Bundesliga spielen, unterstützte der FCB sein Frauen-Team auch in Zeiten, als es nicht so gut lief.

Präsident Franz Beckenbauer erhöhte den Etat der Frauenabteilung sogar kurz vor dem Aufstieg von 60.000 auf 300.000 Mark, weil er von der WM 1999 in den USA so angetan ist. Geld, das nicht der Grund dafür ist, dass das Kapitel Bayernliga endlich beendet ist. Für das Comeback in der Bundesliga ist es aber gewiss eine gute Basis.

Teil 1 unserer Serie über die Anfänge der FCB-Frauen in den 70er Jahren!