

Servus & Goodbye
Mi., 20.05.26, 11:35
Im Zentrum des Spiels, im Studio der Geschichten: Georgia Stanway in München
Vier Jahre hat Georgia Stanway die FCB- Frauen geprägt – und wie: Jede Saison feierte man die Meisterschaft, dazu zweimal das Double. Nun sucht die Engländerin eine neue Herausforderung. München ging unter die Haut, das passt: Tätowieren ist ihre Leidenschaft.
Ihre ersten Schritte als Tätowiererin begannen nicht im Verborgenen. Sondern direkt vor laufenden Kameras. „Am Anfang habe ich Caro Simon tätowiert, und das wurde gleich für eine Bayern-Doku gefilmt“, erinnert sich Georgia Stanway. „Das war nervenaufreibend – und gleichzeitig so viel Adrenalin! Den Tag vergesse ich nie.“
Typisch Georgia Stanway: Während sich andere vielleicht lieber erst mal sachte herantasten, springt die englische Nationalspielerin gleich ins Getümmel – so hat man sie in ihren vier Jahren im zentralen Mittelfeld des FC Bayern auch erlebt: Wer mit 27 zweimal Europameisterin geworden ist, im WM-Finale stand und seinen Club unter anderem viermal in Serie zur Meisterschaft geführt hat, braucht keine Anlaufzeit.

Zwischen Tattoo-Sessel und Mittelkreis liegen Welten – doch für Georgia Stanway bedeuten beide Orte Bühne, Verantwortung, Adrenalin. „Sobald es einsetzt, zählt nichts anderes mehr“, sagt sie. „Das macht es so schön.“ Wenn die Maschine zu surren beginnt, dieses Aufheulen, dann dieses stetige vibrierende Geräusch, das niemand wieder vergisst, der es je einmal gehört hat, beugt sie sich voller Konzentration nach vorne: Ihr Blick ist ruhig, konzentriert, so ziemlich der gleiche, den man von ihr kennt, wenn sie im Mittelfeld aufläuft, die Zweikämpfe sucht, das Spiel des FC Bayern lenkt. „Wenn ich tätowiere, muss ich komplett in der Zone sein“, erklärt sie. „Es ist wie im Fußball – du achtest auf jedes Detail, weil ein einziger Moment alles verändern kann.“
Nach ihrem Wechsel aus ihrer englischen Heimat an die Isar hatte Stanway etwas gesucht, bei dem sie gleichzeitig vom Fußball ab-, aber ihr Gehirn keineswegs ausschalten musste – und um Freunde zu finden, „alles war ja hier neu für mich“. Tattoos waren in ihrer Familie schon immer präsent, erzählt sie: „Mein Vater hat viele, meine Brüder haben viele, und für uns war das ganz normal.“ Ein Tätowierer namens „Tattoo Stu“ kam sogar zu ihnen nach Hause, „ich habe ihm viel zugeschaut, und bald war klar, dass ich selbst Tattoos wollte“. Als Erstes ließ sie sich die Koordinaten ihres Heimatortes stechen, nachdem sie wegen ihres Wechsels von den Blackburn Rovers zu Manchester City im Alter von 16 umgezogen war.

Über 100 Motive am Körper
Inzwischen zieren über 100 filigrane Bilder ihren Körper – normalerweise ist für einen Überblick über die Titelsammlung die Liste auf der Autogrammkarte hilfreich, Georgia Stanway muss für einen Großteil ihrer Vita im Grunde nur die Ärmel hochkrempeln: Von einem Satz olympischer Ringe bis zur römischen Zahl II, die ihre beiden EM-Titel feiert, doch alle Erfolge machen nur einen Teil ihres Patchworks aus. Einmal zeichnete ein Familienmitglied etwas, „das nicht perfekt ist – genau das mag ich daran“. Auch ihre Nummer bei Bayern, die „31“, findet sich, genauso die „+44“ als britische Vorwahl. „Ich mochte es schon immer, anders zu sein. Ich habe gern Dinge gemacht, die andere schräg fanden“, erzählt sie. „Und je älter ich wurde, desto mehr konnte ich in Dinge eintauchen, die mir Kreativität ermöglichten.“
Anfangs begann sie zu fotografieren, das schulte das Auge. Dann entstanden die inspirierenden Begegnungen mit „Tattoo Stu“, und in München fand sie durch ihr ungewöhnliches Hobby Anschluss außerhalb des FC Bayern: Die Betreiber des Studios „Pardon Paris“, die sie in den sozialen Medien gefunden hatte, „sind wichtige Freunde geworden“, erzählt die Britin. „Einer der beiden war sogar Fußballer beim FC Bayern.“
📸 Eine Auswahl der schönsten Momente der Schaffenszeit von Georgia Stanway beim FC Bayern:
Wie auf dem Platz spürte Stanway im Laufe der Zeit, dass wachsende Erfahrung auch beim Tätowieren wachsende Verantwortung bedeutet. „Weil Menschen mir vertrauen“, sagt sie. „Sie wollen etwas auf ihrem Körper, das für immer bleibt, etwas, das Erinnerungen schafft.“ Wenn sie die Nadel ansetzt, ist das daher kein oberflächlicher Moment. „Es ist ein Versprechen und eine riesige Ehre, gemeinsam etwas zu erschaffen, das ein Leben lang bleibt“, sagt sie. „Und wenn ich sehe, wie jemand am Ende mein Kunstwerk genießt – das Gefühl ist einem Sieg im Fußball sehr ähnlich.“
Bevor sie loslegt, läuft im Kopf ein vertrauter Film ab – vergleichbar mit einem Spieltag: kein Tattoo ohne Idee, keine Partie ohne Matchplan. „Das Wichtigste beim Tätowieren ist die Vorbereitung“, sagt Stanway. „Sicherstellen, dass alles bereit ist, dass das Design passt, dass ich zu 100 Prozent ein gutes Gefühl dabei habe.“ Auch im Fußball gehe es um Vorbereitung, erklärt sie. „Die feinen Details, die Nuancen am Limit – da kommen beide Welten zusammen.“ Wer sie auf dem Platz sieht, erkennt diese Liebe zum Detail. Ihr Spiel wirkt immer wie einen Gedanken schneller, einen Schritt voraus. Sie lässt sich in Räume fallen, die noch gar nicht offen sind, sie liest das Gegenpressing, bevor es beginnt. Diese Art, Fußball zu denken, ähnelt dem Blick auf eine leere Hautfläche, auf der ein Motiv entstehen soll: Man muss das fertige Bild schon sehen, bevor die erste Linie gesetzt ist.

Tätowieren war der erste große Ausbruch aus der Fußballblase von Georgia Stanway. Ein Ventil. Der Effekt ist spürbar, auch wenn sie wieder die Stollen schnürt, um auf den Platz zu gehen. „Es kann dich in deinem Sport besser machen“, glaubt sie. „Du wirst nicht mehr so leicht überwältigt, sondern nimmst dir immer wieder die Chance zu atmen und dich genau auf das zu konzentrieren, was du gerade tust. Den Kopf freizubekommen.“ Auch so konnte sie in München eine neue Rolle finden – nicht nur Taktgeberin, sondern Anführerin. „Der FC Bayern ist ein Wendepunkt in meinem Kopf“, sagt sie.
Übung macht den Meister
Was auf dem Rasen gilt, gilt im Kleinen auch im Tattoo-Studio: Es geht um Timing und Positionierung. Wenn Georgia Stanway darüber sinniert, wie man besser wird, klingt es auch beim Tätowieren wie nach einem Trainingsplan – es ist egal, ob es um ihre Pässe oder ihre Linienführung geht. „Du willst an den Punkt gelangen, an dem jede Person mit jeder Anfrage zu dir kommen kann – und du kannst sie erfüllen.“ Übung macht dabei den Meister, das gilt für das umtoste Flutlichtspiel in der Champions League in der Allianz Arena ebenso wie für den ruhigen Nachmittag im Studio.

Georgia Stanway kann gar nicht sagen, was das ungewöhnlichste Motiv gewesen ist, das sie je realisiert hat – viel mehr überrascht haben sie sowieso die Menschen, die zu ihr kamen. „Teamkolleginnen, Ärzte, Manager – Personen, bei denen ich das nie gedacht hätte“, erzählt sie. „Das hat es noch bedeutender und spezieller gemacht.“ Eines sei dabei klar: „Nichts von dem, was ich mache, ist perfekt. In der Tattoo-Branche gibt es Perfektion eigentlich nicht. Aber ich versuche, so nah wie möglich ranzukommen.“
Das Studio nennt sie einen „Safe Space“ und meint damit etwas, das weit über saubere Werkzeuge und sterile Oberflächen hinausgeht. Es ist keine Rolle, die man ihr auf den ersten Blick zuschreibt – die aggressive Mittelfeldspielerin, die Zweikämpfe führt, als gäbe es kein Morgen, aber gerade diese Intensität kennt eben auch eine andere Seite: „Es ist eine Ehre, mich beim Tätowieren zu fokussieren, um der Person einen wichtigen geschützten Moment zu geben.“ Ein Studio sei kein glitzernder Showroom, sondern ein intimer Bereich, ein Zufluchtsort für Geschichten, die es wert sind, festgehalten zu werden und sich sogar fortschreiben lassen. Manchmal wird aus der Session eine Therapie. „Menschen erzählen mir Dinge, die sie mir nie sagen würden, wenn wir nur auf einen Kaffee gehen oder uns im Training sehen würden.“

Von Anfang an in München zu hause
Wenn Georgia Stanway über den FC Bayern spricht, klingt es fast so, als würde sie in Gedanken schon skizzieren, Linien anlegen, Flächen füllen. Gefragt, wie ein Tattoo aussehen müsste, das ihre Zeit hier einfängt, zögert sie. Nicht, weil ihr nichts einfällt – eher weil es zu viel wäre für ein einziges Motiv. „Es müsste etwas mit ‚Mia san mia‘ zu tun haben, etwas, das dieses Familiengefühl einfängt.“ Als sie in München ankam, fühlte sich vieles sofort richtig an. „Ich war hier von Anfang an zu Hause“, sagt sie. „Die Menschen sind besonders, der Verein ist es, die Stadt auch.“ Die Entscheidung, noch mal etwas Neues zu machen, sei schwergefallen. „Wir sind alle auf derselben Reise“, beschreibt sie, was sie hier erlebt hat. „Die Menschen, die Freunde, die Familie, die ich in München gefunden habe – die bleiben für den Rest meines Lebens.“
Bei Manchester City war sie noch nicht so weit, erst in München, sagt sie, habe sie das ganze Spektrum aufgenommen. „Die erste Meisterschaft mit Bayern werde ich immer im Kopf behalten“, sagt sie. „Es war das erste Mal, dass ich wirklich gespürt habe, wie es ist, eine Liga zu gewinnen.“ Bei früheren Titeln war sie „in einer anderen Phase“, in München spielte sie fast jedes Spiel, schoss wichtige Tore, war fester Bestandteil des Teams. „Deshalb fühlte sich jeder Titel so besonders an.“ Der Wechsel zum FC Bayern sei ein Risiko gewesen, „aber ohne ihn wäre ich nicht die Spielerin und die Person, die ich heute bin“. Sie empfiehlt anderen Spitzenspielerinnen mit Nachdruck, es ihr gleichzutun: „Es ist superwichtig, die Komfortzone zu verlassen und so einen Schritt zu wagen, denn man weiß nie, welche Höhen man erreichen kann. Ich habe dem FC Bayern so viel zu verdanken.“
📺 Neben Georgia Stanway verlassen auch Caro Simon & Mala Grohs die FCB-Frauen zum Saisonende:
Viele Linien und Schattierungen
Wenn die Maschine im Studio verstummt ist, wird behutsam eine Kompresse angelegt und erklärt, wie man das Tattoo pflegt, worauf in den nächsten Tagen zu achten ist. Dann tritt Georgia Stanway einen Schritt zurück, betrachtet ihr Werk – und den Ausdruck im Gesicht der Person, die sich gerade von ihr hat tätowieren lassen. Es ist dieser Moment, den sie liebt: die Mischung aus Erleichterung, Stolz und zaghaftem Staunen des Gegenübers. „Davon will man mehr“, sagt sie. Im Stadion sind es der Schlusspfiff nach einem Sieg, das Jubeln, die Umarmungen, die Trophäe in der Luft. Im Studio sind es ein Blick, ein Lächeln, manchmal Tränen des Glücks.
Wenn sie irgendwann ein Tattoo entwirft, das ihre vier außergewöhnlich erfolgreichen Münchner Jahre zusammenfasst, wird es wohl einige Linien brauchen wie ihre Laufwege, Schattierungen wie die wenigen schwierigen Phasen und vielleicht eine kleine Anspielung auf das erste Meisterfoto, auf das Jubeln mit der Schale, auf Abende, an denen der FC Bayern Campus oder die Allianz Arena im Flutlicht lagen. Georgia Stanway hat in München Motive, Momente, Menschen gesammelt. Auf der Haut anderer – und in ihrem eigenen Leben. Das Studio, der Platz, der Safe Space, die Kabine, die Familie, die Stadt: alles Teile eines großen, noch nicht fertigen Bildes. Und vielleicht ist genau das das Schönste an dieser Geschichte: dass sie sich, wie ein gutes Tattoo, nicht mit einem einzigen Strich erklären lässt. Sondern aus vielen Schichten besteht, aus Mut und Detailarbeit, aus Schmerz und Glück, aus Verantwortung – und aus Adrenalin.
Der Text erschien im Mitgliedermagazin 51:
Auch Mala Grohs verabschiedet sich nach sieben Jahren vom FC Bayern – ein Rückblick auf eine außergewöhnliche Zeit:
Abschied von einer der prägendsten Spielerinnen der vergangenen Jahre – Caro Simon verlässt die Münchnerinnen nach sieben erfolgreichen Spielzeiten:
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