89:92-Drama im fünften Spiel ohne Happy End

Die Bayern verlassen erhobenen Hauptes die EuroLeague-Bühne

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Das großartige EuroLeague-Abenteuer der Bayern-Basketballer, das Anfang Oktober gegen Mailand begann, ist am Dienstagabend ebendort zu Ende gegangen: Das Team von Cheftrainer Andrea Trinchieri verlor das entscheidende fünfte Playoff-Duell beim italienischen Topteam nach einer hochdramatischen Schlussminute hauchdünn 89:92 (40:50), die packende Serie geht damit 3:2 an Olimpia. Die Münchner verlassen nach ihrem größten internationalen Erfolg erhobenen Hauptes und mit viel gewonnenen Sympathien die Bühne der Königsklasse. Fortan gilt alle Konzentration den beiden BBL-Wettbewerben mit dem Top Four im Audi Dome am 15./16. Mai.

Nach ausgeglichenem Startviertel sah der mit Spannung erwartete Showdown einen 9:0-Lauf des hart verteidigenden Favoriten (33:22/13.), der diesen Vorsprung mit seiner individuellen Qualität und sieben Dreiern bis zur Pause hielt. In der zweiten Hälfte setzte sich Mailand rasch auf 63:47 (25.) ab, wobei US-Guard Shields (34 Punkte) von der Defense kaum zu halten war. In der Schlussminute hatte aber der Gast dank seines unvergleichlichen Kampfgeistes und eines 10:0-Sturms tatsächlich noch die Chance zu Overtime oder Sieg - aber vergab.

Der italienische Rekordmeister nimmt nun als Mitfavorit am Kölner Final Four (28. – 30. Mai) um die europäische Krone teil. Für die Bayern wiederum endet eine historische Rekordsaison in der Königsklasse. Als erstes deutsches Team hatten sie die Playoffs der EuroLeague erreicht nach 21 Siegen in der Hauptrunde, ein bislang unerreichter Wert für einen BBL-Vertreter; nun lautet die positive Bilanz 23:16. Nachdem der letztjährige Tabellen-17. vor Saisonbeginn auf dem 18. und letzten Rang gerankt worden war, wurde man Anfang 2021 in einer Umfrage der EuroLeague mit 72,2 Prozent der Stimmen zur „Überraschung der Saison“ bestimmt.

Olimpia Mailand - FC Bayern Basketball 92:89 (50:40)

  • FCBB:

    Jalen Reynolds (19 Punkte/10 Rebounds), Wade Baldwin (17), JaJuan Johnson (14/9 Reb), D.J. Seeley (11), Paul Zipser (10), Vladimir Lucic (8), James Gist (7), Zan Mark Sisko (3), Diego Flaccadori, Leon Radosevic, Robin Amaize und Sasha Grant.


  • Topscorer Mailand:

    Shavon Shields (34 Punkte)


  • Schiedsrichter

    Sreten Radovic, Miguel Angel Perez, Gytis Vilius

Die Punkteverteilung nach Vierteln (aus Sicht des FCBB): 22:24, 18:26, 18:22, 31:20.

Zahlen & Fakten - Zweier-Quote: 62% (FCBB) // 51% (Mailand); Dreier-Quote: 36% // 54%; Freiwurf-Quote: 66% // 90%; Rebounds: 30 // 31; Assists: 19 // 15; Ballverluste: 11 // 14.

Die Stimmen: 

Andrea Trinchieri:„Glückwunsch an Mailand. Sie haben ein starkes Spiel gespielt. Sie waren für die längste Zeit des Spiels besser aber wir haben uns nicht aufgegeben. Ein paar Mailand-Spieler haben herausragende individuelle Leistungen gebracht. Wir hatten die Chance, das Spiel zu gewinnen. Die letzte Offensive haben wir nicht gut ausgeführt. Das war ein sehr herausforderndes Spiel, uns fehlt ein wenig die Erfahrung, aber wir haben hart gespielt. Wir haben nie aufgesteckt und wenn du dann in so einem Spiel am Ende irgendwie doch die Chance hast, das Spiel zu gewinnen, dann bedeutet das, dass du als Team etwas ganz Spezielles hast.“

Paul Zipser: „Es war in der ersten Halbzeit nicht das Spiel, was wir uns vorgestellt haben. Ich denke, in der zweiten Halbzeit haben wir es dann besser gemacht. Dann hatten wir nochmal einen Rückschlag im vierten Viertel, das war dann ein bisschen viel. Dann aber sind wir, ein bisschen bezeichnend für unsere Saison, wieder wild zurückgekommen. Wir hatten noch zwei Chancen zu gewinnen oder auszugleichen. Das ist natürlich sehr bitter. An einem Play hat es aber sicher nicht gelegen, Wade hatte viel Energie und er kann attackieren. Wir haben es uns vorher einfach schwer gemacht. Wir können viel aus so einem Spiel lernen, auch ich war am Ende etwas hektisch und hätte das besser machen können.“

Jalen Reynolds: „Mailand ist sehr gutes Team, wir gratulieren ihnen. Wir haben bis zum Ende unglaublich gekämpft. Wir müssen das jetzt bald hinter uns lassen und auf das schauen, was noch alles vor uns liegt.“   

Herbert Hainer, Vereinspräsident: „Die ganz große sportliche Sensation so knapp verpasst zu haben, tut natürlich erst einmal weh. Aber sehr bald wird hoffentlich auch bei Andrea Trinchieri und seinem Team das Gefühl überwiegen, das wir alle mit dieser großartigen Mannschaft verbinden: Wir sind wahnsinnig stolz auf das, was das Team in dieser anspruchsvollen Saison geleistet hat, es wurden wirklich alle Erwartungen übertroffen. Diese begeisternde EuroLeague-Reise war ein Meilenstein für unseren Verein.“ 

Marko Pesic, Geschäftsführer: „Wahrscheinlich sind die Spieler jetzt sehr enttäuscht und niedergeschlagen. Aber ich bin sehr, sehr stolz auf diese Mannschaft, auch speziell auch auf diese Serie. Wir haben ja nicht gegen irgendjemanden hier gespielt. Dass wir auch in Mailand unseren Mann gestanden haben und in Spiel eins als auch in Spiel fünf es in der Hand hatten, die Spiele hier zu gewinnen, zeugt von großer Klasse. Wie die Mannschaft hier bis zur letzten Sekunde an den Sieg geglaubt hat, ist eigentlich unsere Geschichte der gesamten EuroLeague-Saison. Hut ab vor der Mannschaft. Wir sind alle unheimlich stolz darauf, was sie geleistet hat aber auch, dass sie uns gestattet hat, diese Gefühle mitzuerleben.“

Das Spiel:

Trinchieri forderte vor der Partie, entschlossen zu kämpfen und gleichzeitig mit Freude zu spielen. Wade Baldwin, Diego Flaccadori, Vladimir Lucic, JaJuan Johnson und Jalen Reynolds sollten im Do-or-die-Spektakel für den ersten Schub auf dem Parkett des Mediolanum Forum sorgen. Die Rechnung ging auf, weil die Bayern ruhig und fokussiert auftraten und nach knapp drei Minuten 8:2 führten - Auszeit Mailand. Auf diesem hohen Niveau wirken sich kleinste Fehler oft fatal aus. Die Gastgeber kamen unter der Federführung des Ex-Bayern Delaney heran, aber Johnson und Baldwin hielten dagegen (12:7/6.). München arbeitete defensiv konzentriert und wach, aber Mailand besitzt individuelle Klasse und nutzte diese mit einem 9:2-Lauf zum Führungswechsel - Auszeit (16:18/9.). Nach dem unterhaltsamen ersten Viertel lagen die Bayern 22:24 hinten.

Mailands Asse treffen 54 Prozent Dreier

Vor allem Mailands Shavon Shields war nicht in den Griff zu bekommen - zu diesem frühen Zeitpunkt hatte er schon 15 Punkte auf dem Konto und maßgeblichen Anteil an der deutlicher werdenden Führung der Gastgeber (22:31/12.). Der FCBB hatte den Rhythmus verloren, das Mailänder Starensemble weitete den viertelübergreifenden Run auf 12:0 aus - erst gestoppt von Reynolds (24:33/14.). Eine der herausragenden Qualitäten der Bayern 20/21 ist die Ruhe auch angesichts zweistelliger Rückstände, und über eine knackige Verteidigung geht es in der Regel vorne automatisch wieder aufwärts (28:35/15.). Der Favorit agierte jedoch hinten sehr physisch und im Angriff variabel. Das Ziel der Bayern musste sein, den Rückstand bis zur Halbzeit einstellig zu gestalten - das gelang nicht ganz (40:50). Trinchieri monierte in der Halbzeit die Passivität seines Teams und erwartete, ein Feuer zu entfachen.

Sein Team fand aber nicht zum Rhythmus, Mailand dagegen nutzte den Flow und zog davon (44:58/23.). Zipser ging voran und versenkte den ersten Dreier der Bayern, aber Shields schlug umgehend zurück (47:61/24.). München vergab sogar Freiwürfe und wartete auf eine Initialzündung, ein Dunking von Gist und ein Dreier von Seeley deuteten dies an – Auszeit Mailand (53:63/26.). München war am Drücker, aber Olimpia war an diesem denkwürdigen Abend nicht nur den Schritt schneller, sondern auch wacher und streute mal kurz einen 7:0-Lauf ein (53:70/28.). Bayerns Trefferquote von jenseits der Drei-Punkte-Linie blieb im Keller, Seeleys erfolgreicher Versuch war ein Lichtblick - 58:72 nach Viertel Nummer drei.

Die Bayern in der Schlussminute mit einem 10:0-Spektakel, doch der letzte Wurf klappt nicht

Baldwin stemmte sich gegen das Aus, wurde aber von den Italienern stark verteidigt und am Scoren gehindert – auf Foulpfiffe wartete er vergebens. Seinen Dunking zum 62:76 konnte niemand verhindern, sein folgender Dreier stiftete Hoffnung auf den einstelligen Rückstand (65:76/32.).  Olimpia verstand es aber in diesen Situationen, mit Hilfe der individuellen Klasse die richtigen Antworten zu finden. Aber Aufgeben gilt nicht, und in so einem Spiel erst recht nicht: Lucic & Co. zeigten Charakter und kämpften. Baldwin schrumpfte den Rückstand mit zwei Treffern auf zehn (72:82/36.). Wenig später versenkte Sisko den Dreier zum 77:83, das war der Funke, der das Feuer der Bayern mit noch über drei Minuten auf der Uhr doch noch zum Lodern brachte. Lucic hechtete nach dem Ball, aber ein unglaublicher Dreier von Delaney war ein Stich (77:86/37.).

Shields und Delaney rissen das Spiel an sich und verwehrten den Münchner erbarmungslos die Siegchance - ABER diese Truppe des FCBB darf man nie abschreiben: Binnen 52 Sekunden verkürzen sie in einer sensationellen Sequenz vom ursprünglichen 79:91 auf 89:91 - noch zwölf Sekunden und Ballbesitz samt der Siegchance nach zwei Dreiern von Lucic und Reynolds, dessen Zweier und Baldwins verwandeltem Steal. Doch Baldwin zieht sieben Sekunden vor der Sirene früh zum Korb und wird von Hines gestoppt, Sprungball. Der Ball landet bei Shields, der umgehend gefoult wird und nur einen Freiwurf reinhaut. Zipser hat sogar noch die Chance auf den Ausgleich, Lucic stand ebenfalls frei, doch der Dreier verfehlt das Ziel. Aus.

 

ZUM SPIELPLAN

Foto-Credit: Cottini, Stickel

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