Oliver Kahn: „Wir wollen einen Doppelpass aus Tradition und Fortschritt“

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Oliver Kahn berichtete zu Beginn seiner ersten Rede als Vorstandsvorsitzender der FC Bayern München AG von seinem ersten Arbeitstag an der Säbener Straße. „Das war ein Gefühl von Heimkommen. Jetzt darf ich heute zu meiner Premiere gleich über zwei Geschäftsjahre berichten." Die Jahreshauptversammlung fand im vergangenen Jahr wegen der Pandemie-Lage nicht statt. Der 52-Jährige, der seit 1. Juli 2021 als CEO der AG fungiert, sprach zuerst über den sportlichen Bereich.

Die Rede von Oliver Kahn in voller Länge seht Ihr oben im Video.

Triple „mehr als einzigartig"

Kahn über Robert Lewandowskis Chancen bei der Ballon d'Or-Wahl am kommenden Montag.

„2020 haben wir zum zweiten Mal in der Geschichte des FC Bayern das Triple geholt, das war mehr als einzigartig", sagte Kahn, der von einem bleibenden Erlebnis nach dem Triumph gegen Paris Saint-Germain (1:0) in Lissabon berichtete. „Als ich über den Platz gelaufen bin und die riesige Freude der Jungs gesehen habe, dachte ich: Irgendetwas fehlt. Die Atmosphäre war fast gespenstisch. Bei aller Freude über den Titel war es ein Fest ohne Familie, Feiern ohne Freunde. Der Kern - ihr, liebe Fans - habt gefehlt."

Kahn würdigt Meisterteam

Auch die neunte Meisterschaft würdigte die Bayern-Legende in seiner Rede: „Es gibt Kinder, die kennen keinen anderen Meister als den FC Bayern. Wenn ich meinem Sohn erzähle, dass ich damals als Spieler auch mal keine Meisterschaft geholt habe, sagt er: ‚Dann warst du ja ein Loser!` Auch wenn sich viele über unsere Titel ärgern, muss ich sagen: Diese Dominanz ist nicht unser Problem."

4 Legenden gehen - mit 92 Titeln

„Nicht nur als Spieler, sondern auch als Typen werden wir euch vermissen", so Kahn über die im Sommer verabschiedeten Thiago, David Alaba, Jérôme Boateng und Javi Martínez. „Vielen Dank für alles, was ihr in diesem Club geleistet habt." 92 Titel haben diese Spieler in ihrer Zeit in München gewonnen und sich so unsterblich gemacht. Auf dem Weg zur Unsterblichkeit befindet sich auch Robert Lewandowski, der mit seinen 41 Toren in 29 Bundesliga-Spielen laut Kahn eine „Bestmarke aufgestellt hat, die nie mehr gebrochen werden wird -- außer von ihm selbst." Der Pole sei der „beste Stürmer der Welt" und Kahn würde es „zutiefst enttäuschen, wenn er am Montag in Paris nicht den Ballon d'Or erhalten würde. Keiner hat es mehr verdient als er."

Kahn über das Standing des FC Bayern im internationalen Vergleich.

So viel zur Vergangenheit. Zur wirtschaftlichen Gegenwart führte der ehemalige Weltklasse-Torhüter aus: „Wir sind eine absolute Top-Adresse. Im Club-Ranking der UEFA stehen wir dort, wo wir hingehören: Auf Platz eins. Gleichzeitig sind wir finanziell unabhängig und gesund. Bei uns entscheidet kein Multimillionär und keine Investmentgruppe über unseren Erfolg. Dafür werden wir in ganz Europa bewundert." Gleichzeitig mahnte der Vorstandvorsitzende, dass die sportlichen und wirtschaftlichen Erfolge der Gegenwart keine Garantie für die Zukunft seien.

„Aus eigener Kraft vorne bleiben"

Obwohl beispielsweise der englische Meister das Doppelte erwirtschafte als der Meister der Bundesliga, habe es keinen Grund gegeben, der European Super League beizutreten. „Das wäre das Ende des Fußballs - wie wir ihn kennen und lieben - gewesen. Wir haben eine Strategie entwickelt, wie wir aus eigener Kraft vorne bleiben." Die Führungsriege wolle einen „Doppelpass aus Tradition und Fortschritt" fahren und künftig nicht der Club mit dem meisten „Lifestyle sein, sondern der sportliche attraktivste und erfolgreichste." Das werde zwar Geld kosten, aber nicht so viel, dass es sich der Rekordmeister nicht leisten könnte.

Kahn über die Ausrichtung des deutschen Rekordmeisters in der Zukunft.

Auch sportlich blickt Kahn freudig nach vorne: „Wir haben mit Joshua Kimmich und Leon Goretzka verlängert, das sind Jungs, die das Bayern-Gen in sich tragen. Wir sind sehr glücklich, mit ihnen in die Zukunft zu gehen. Außerdem haben wir einen Trainer, der jungen Spielern eine Chance gibt. Mich hat an Julian Nagelsmann sofort beeindruckt, wie schnell er diese typische Bayern-Identität inhaliert und vorgelebt hat." Außerdem könne man 2022 die zehnte Meisterschaft in Serie gewinnen - und das als erste Mannschaft in den europäischen Top-Ligen.

Zum Abschluss richtete Kahn noch ein Wort an seine Kollegen. „Mein Dank gilt dem Aufsichtsrat, namentlich dem Präsidenten Herbert Hainer und dem Ehrenpräsidenten Uli Hoeneß, die mir mit Rat und Tat und Herz und Kopf zur Seite stehen. Natürlich gilt mein Dank auch meinen Vorstandskollegen für die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Danke auch an Karl-Heinz, dass du mich eineinhalb Jahre ausgehalten hast. Danke aber auch dafür, dass ich über deine Schultern schauen durfte und viele wichtige Einblicke erhalten konnte."

Seine Antrittsrede schloss der CEO mit direkten Worten an die Fans: „Die letzten zwei Jahre waren hart. Ich bin sehr dankbar für eure stetige Treue und Leidenschaft und dass ihr immer das Beste von uns erwartet und immer hinter uns steht. Wir werden auch weiter unseren eigenen Bayern-Weg gehen. Bleiben Sie gesund."