

Wenn es noch irgendeinen Beweis dafür gebraucht hätte, welche Mannschaft zurecht ganz oben mit nun sogar noch größerem Abstand als zuvor von der Tabellenspitze aus grüßt – dann gibt es diesen seit heute, Samstagabend, in Dortmund. Nach einem mit ungeheurem Willen, mit ungeheurer Kraft und Klasse erzwungenen 3:2 (0:1)-Sieg des FC Bayern beim Tabellenzweiten Borussia Dortmund. „Es war ein hartes Stück Arbeit. Ich glaube, es war ein sehr leidenschaftliches Spiel. Beide Mannschaften haben alles reingehauen“, fand Jonathan Tah abgekämpft nach Schlusspfiff. Und: „Am Ende ging es aber um Mentalität und Teamgeist – und den haben wir heute auf den Platz gebracht.“
In die Partie war der Rekordmeister noch mit einem vermeintlichen Vorteil gestartet: Ruhe. Bei strahlendem Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen hatte sich der FC Bayern akribisch auf das Gipfeltreffen vorbereiten können, während der BVB nicht nur 90 Minuten Champions League-Playoffs mehr in den Beinen hatte, sondern auch ein Ausscheiden gegen Bergamo verkraften musste. „Das kann alles bewirken“, hatte Vincent Kompany, Cheftrainer des FC Bayern, gewarnt.
Eine Menge Wut und Kraft

Und so kam es auch. Das Aus im Europapokal entfachte eine Menge Kraft, Wut und Energie beim Tabellenzweiten. „Das war ein All-in-Spiel für uns, ich glaube, das hat man gesehen“, sagte Nationalverteidiger Nico Schlotterbeck: „Man kann uns nicht vorwerfen, dass wir zu wenig gemacht haben.“ Im Gegenteil: In jeden Zweikampf ging Dortmund mit höchster Intensität, manchmal vielleicht sogar mit einem Tick zu viel Aggressivität: „Man hätte Rot geben können“, befand jener Schlotterbeck selbstkritisch nach seinem Einsteigen gegen Josip Stanišić in Hälfte eins. Zum Glück konnte der FCB-Defensivspieler weitermachen. Auch Schlotterbeck durfte weitermachen – und erzielte kurz darauf die überraschende Führung für Dortmund.
Deshalb überraschend, weil Dortmund zwar mit enorm viel Wille und einem tosend lauten Stadion dagegenhielt, für die Offensive aber bis dahin kaum Konzentration mehr übriggehabt hatte. Bayern besaß fast 74 Prozent Ballbesitz, 5:0 Torschüsse. 86 Prozent aller Pässe fanden den Nebenmann – wohingegen Dortmund fast jeden zweiten Ball wieder per Fehlpass verlor. Dann aber trat Svensson einen Freistoß vors Bayerntor und Schlotterbeck köpfte diesen unhaltbar für Jonas Urbig zur Führung ins Netz. Es war das zwölfte Tor nach einer Standardsituation von insgesamt 24 im Jahr 2026 für den BVB. Der FC Bayern hingegen hatte damit 50 Prozent seiner Gegentore nach ruhendem Ball kassiert (elf von 22) – bei keinem anderen Bundesligaclub ist der Anteil so hoch.
Das Publikum im Rücken
Das Führungstor nun impfte Dortmund bis zur Pause auch noch mit einer gehörigen Portion Mut – mit dem Publikum im Rücken löste sich der Bayernjäger zunehmend aus der Bayern-Umklammerung und konnte die Fesseln sprengen. Doch vor allem defensiv hatte sich Dortmund hervorragend eingestellt, bekämpfte die bis dahin glücklose Offensivreihe Olise-Díaz-Kane erfolgreich, Bayerns Torjäger hatte nur 13 Ballkontakte bis zum Pausenpfiff. „Wir haben einen geilen Fight geliefert. Wir haben alles gegeben, versucht, die Fans mitzunehmen, physisch zu sein und es ihnen extrem schwer zu machen“, sagte BVB-Keeper Gregor Kobel: „Über lange Zeit ist uns das auch gelungen.“
Erst zum zweiten Mal ein Pausenrückstand
Das 0:1 war zudem der bislang erst zweite Pausenrückstand in dieser Saison für den Tabellenführer, einzig bei RB Leipzig (Endstand 5:1) war München ebenfalls in Rückstand in die Kabine gegangen. Auffällig: Trotz des Spiels unter der Woche hatte sich Dortmund derart in den Klassiker gebissen, dass die Mannschaft von Nico Kovac fast 1,5 Kilometer mehr gelaufen war als die Bayern. „Es war eine Reaktion auf Bergamo“, auf das Ausscheiden in der Königsklasse, fand Kobel. „Wir haben uns lange schwergetan. Es war ein sehr körperliches Spiel, gerade in der ersten Halbzeit sehr zerfahren, mit vielen Unterbrechungen, Standards und Fouls. Da kam kein richtiger Rhythmus auf“, analysierte Joshua Kimmich. „Wir wussten: Je länger es dauert, desto größer wird unsere Chance.“
Kane mit den nächsten Rekorden
Aus der Kabine dann kam der Rekordmeister mit neuer Wucht, neuer Kraft und neuem Druck nach vorn: Neun Minuten später gab Kimmich den Ball gefühlvoll nach innen, Serge Gnabry legte per Kopf herausragend auf Harry Kane auf, 1:1. Hatte der englische Kapitän vergangene Saison für 44 Tore noch 45 Pflichtspiele benötigt, waren es damit gerade einmal 37 Partien gewesen. „In solchen Spielen musst du bereit sein, deine Chancen zu nutzen – egal ob es eine, zwei oder drei sind“, sagte Kane.
Der Ausgleich klappte die Visiere beider Teams noch ein wenig weiter nach oben, man sah nun ein Spitzenspiel, das vor allem von der Spannung lebte, von den Zweikämpfen, von der Leidenschaft – aber auch vom unermüdlichen Offensivdrang beider Teams. Dortmund musste gewinnen im Kampf um die Champions League-Plätze und mit Blick auf den Abstand Richtung Tabellenspitze. „Man hat gespürt, dass Dortmund unbedingt ihre Chance nutzen wollte. Das haben wir über die gesamten 90 Minuten gemerkt. Auch nach dem 2:2 sind sie weiter nach vorne gegangen, sie wollten unbedingt gewinnen“, sagte Kompany.
Genau wie damals Paul Breitner

Aber seine Mannschaft beging nicht den Fehler, sich nur hinten reinzustellen. Nein, Bayern hatte die große Chance, im direkten Aufeinandertreffen einen großen Schritt Richtung Meisterschaft zu machen. Und so agierten die Mannschaften vor über 81.000 Zuschauern nun auch, lieferten dadurch ein sagenhaftes Spektakel ab. Als der auffällige Stanišić in den Strafraum dribbelte, blieb er an Schlotterbecks ausgestrecktem Fuß hängen. Kane traf vom Elfmeterpunkt zur Gästeführung – es war bereits das zehnte Elfmetertor des Torjägers, nur Paul Breitner hatte schon einmal soviele Treffer 1980/81 vom Punkt erzielt. Und noch etwas war bemerkenswert: Kane traf damit bereits im vierten Bundesliga-Spiel in Folge mehrfach – das war zuvor nur Lothar Emmerich 1967 und Wolfsburgs Tomislav Maric 2001 gelungen. „Es gibt Phasen in einer Saison, da fällt dir vieles vor die Füße und läuft in deine Richtung – und genau da bin ich gerade“, freute sich der Torjäger.
Schwere Beine und unglaubliche Moral
Und noch immer war nicht Schluss in diesem Kracher, nun bewies der BVB mit immer schwereren Beinen unglaubliche Moral: Per Volleyschuss gelang Svensson irgendwie noch einmal aus dem Nichts der 2:2-Ausgleich. Nun war es eine Frage des allerletzten Aufbäumens, der Energie, des Willens. Denn das letzte Wort behielt der FC Bayern: Joshua Kimmich mit links volley in den Winkel bescherte dem FC Bayern den späten 3:2-Schlusspunkt. Ein Treffer, ein Sieg erzwungen regelrecht nach 0:1-Rückstand und 2:2-Ausgleich im fremden Stadion, das einem Tollhaus glich, ein Schuss mitten ins Herz des BVB und hinein ins bayerische Glück.

„Trotzdem möchte ich meiner Mannschaft ausdrücklich ein Kompliment machen. Das habe ich ihr auch schon gesagt, weil sie sich heute mit allem, was sie hatte, gewehrt hat. Die Bayern mussten sich richtig strecken, um hier als Sieger vom Platz zu gehen“, fand Niko Kovac, der BVB-Coach. Er freute sich über „Werbung für den Fußball“ – und genau so sah es auch sein Gegenüber, Vincent Kompany: „Meiner Meinung nach war das eine gute Werbung für die Bundesliga – mit Intensität, Toren und vor allem mit diesem absoluten Willen beider Mannschaften, immer nach vorne zu gehen und das Spiel gewinnen zu wollen.“
„Das geben wir nicht mehr ab“
Die drei Punkte nahm am Ende der FC Bayern mit nach Hause. „Mit jetzt elf Punkten Vorsprung geben wir das nicht mehr ab. Das hat noch keiner verspielt, auch in dieser Saison nicht. Das wird so bleiben“, versprach Joshua Kimmich. Das sahen auch die mitgereisten, überglücklichen Bayernfans so. Als die Mannschaften an einem windigen, verregneten Samstagabend schon längst in den Kabinen waren, sangen sie noch immer voller Inbrunst im Gästeblock in Dortmund: „Deutscher Meister wird nur der FCB!“

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