



Amateure-Legenden
Fr | 16.10.2026 | 12:36
Vor dem Stadtderby: Wriedt, Köhn & Co. über ihre Derby-Begegnungen
Wenn Rot auf Blau trifft, ist es mehr als ein Fußballspiel. Das Derby zwischen dem FC Bayern und dem TSV 1860 München besitzt seine ganz eigene Geschichte – geprägt von Tradition, Rivalität und Spielen, die sich bei den Beteiligten festsetzen. Auch bei den Spielen der Amateure gegen das erste Team der Löwen ist das nicht anders. Fünf ehemalige Amateure-Spieler erinnern sich an besondere Duelle der Jahre 2017 bis 2021 und erzählen, was diese Begegnungen für sie so besonders gemacht hat.
22. Oktober 2017 – 1:0 gegen 1860 | Nicolas Feldhahn

Für Nicolas Feldhahn war das Derby 2017 eines der Spiele, die im Gedächtnis bleiben. Die Bayern-Amateure waren nicht optimal in die Regionalliga-Saison gestartet, während die Löwen nach dem Abstieg aufgrund des Lizenzentzugs aus der 2. Bundesliga auf Kurs waren. Doch an diesem Tag zählte die bisherige Saison nur am Rande. Das Grünwalder Stadion war ausverkauft, die Aufmerksamkeit in München riesig: „Man hat gemerkt, dass dieses Spiel für die ganze Stadt etwas Besonderes ist“, so Nicolas Feldhahn. Gerade für die jungen Spieler sei es eine neue Erfahrung gewesen, vor dieser Kulisse aufzulaufen und die Rivalität so unmittelbar zu spüren. Auch Feldhahn, für den es erstmals im Bayern-Trikot gegen die erste Garde Sechzigs ging, war nervös. Entscheidend sei gewesen, auf dem Platz schnell ins Spiel zu finden und die Anspannung hinter sich zu lassen.

Das gelang den Amateuren: In der 74. Minute erzielte Fabian Benko nach Vorlage von Kwasi 'Otschi' Wriedt den Siegtreffer zum 1:0. Für die Mannschaft war der Erfolg mehr als ein prestigeträchtiger Derbysieg – er stärkte das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. „Wir wussten, dass wir auch gegen die stärkeren Mannschaften gewinnen können.“ Für Feldhahn hatte das Duell noch eine persönliche Bedeutung: Er war schon als Kind Bayern-Fan gewesen - obwohl er bei 1860 in der Jugend gespielt hatte - und kannte demnach die besondere Brisanz des Stadtduells. Entsprechend weit oben stehen die Derbys bis heute in seiner persönlichen Rangliste: „Es gibt nicht viele Partien, die ich höher einordnen würde.“
29. April 2018 – 3:1 gegen 1860 | Derrick Köhn

Mit gerade einmal 19 Jahren stand Derrick Köhn 2018 erstmals in einem Münchner Derby gegen1860 auf dem Platz. Die Nervosität war da, gleichzeitig aber auch das Vertrauen in die eigene Mannschaft. „Wir wussten, was wir können, und waren überzeugt, dass wir das Spiel gewinnen können. Die Fans waren schon beim Training dabei und haben uns zusätzlich motiviert.“ Am Spieltag selbst traf sich die Mannschaft früh, in der Kabine lief Musik. Dann ging es hinaus – und die Energie von den Rängen war sofort zu spüren.
Vor 12.500 Zuschauern brachte Wriedt die Bayern in Führung, Raphael Obermair erhöhte auf 2:0. Nachdem 1860 den Anschlusstreffer erzielt hatte, sorgte Köhn, der mittlerweile 58-Bundesligaspiele absolviert hat, in der 88. Minute für die Entscheidung: Aus rund 20 Metern traf er zum 3:1. Für den jungen Außenverteidiger war es ein Erlebnis, das weit über die 90 Minuten hinausging. „Mit 19 vor so einer Kulisse zu spielen und dann auch noch zu treffen, macht sehr viel mit einem. Ich konnte das komplett aufsaugen und mitnehmen“, sagt der heutige Linksverteidiger von Union Berlin. Nach dem Schlusspfiff wurde getanzt und gesungen, später ließ Köhn den Abend mit Familie und Freunden ausklingen. Eine Erinnerung, die ihn auch auf seinem weiteren Karriereweg begleitet hat.
24. November 2019 – 1:1 gegen 1860 | Timo Kern
Timo Kern merkte schon vor dem Spiel, dass dieses Derby im November 2019 eine andere Bedeutung hatte. Beim Abschlusstraining waren einige der eingefleischten Amateure-Fans dabei und schärften der Mannschaft noch einmal ein, worum es ging: Prestige, die Stadt – und darum, für mehr als nur die eigene Mannschaft zu spielen. Gerade für die jüngeren Spieler sei das etwas gewesen, das sie so vorher noch nicht erlebt hatten. „Da war schon ein bisschen Druck da“, erinnert sich die Amateure-Legende.

Kern nahm sich als einer der erfahrenen Spieler deshalb besonders in die Pflicht. Im ausverkauften Grünwalder Stadion wurde es schließlich genau das Spiel, das man erwarten konnte: intensiv, eng und mit einer Atmosphäre, die Kern bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Wieder einmal Wriedt brachte Bayern per Foulelfmeter in Führung, Dennis Dressel glich nach der Pause aus. „Das war das heißeste Spiel, das ich mit Bayern absolviert habe. Wir waren noch eine junge Mannschaft, aber wir durften dieses Spiel einfach nicht verlieren.“ Das 1:1 blieb für Kern eines der Spiele, die er nicht vergessen wird.
24. Juni 2020 – 2:1 gegen 1860 | Kwasi ‚Otschi‘ Wriedt

„Wenn Rot auf Blau trifft, hat das immer seinen besonderen Reiz.“ Für Otschi Wriedt gehörte das Derby zu den Spielen, die innerhalb eines Vereins sofort eine andere Bedeutung bekommen. 2020 war die Ausgangslage zusätzlich speziell: Es ging auf das Saisonende zu, für beide Mannschaften stand sportlich viel auf dem Spiel – und wegen der Corona-Pandemie waren keine Zuschauer zugelassen. Die Löwen kämpften um den Aufstieg, die Bayern-Amateure hatten die Meisterschaft im Blick.
1860 ging durch Sascha Mölders in Führung. Kurz vor der Pause war es Wriedt selbst, der den Ausgleich nach einer feinen Vorlage von Wooyeong Jeong erzielte. Joker Malik Tillman drehte die Partie in der 79. Minute endgültig zugunsten der Bayern. „Der Derbysieg war natürlich etwas ganz Besonderes. Wir hatten unsere Ziele, 1860 ging es um den Aufstieg – und dann gerätst du früh in Rückstand und drehst das Spiel noch“, sagt Wriedt. Gerade weil die Fans fehlten, blieb eine ungewöhnliche Szene hängen: „Man hat mitbekommen, dass einige Fans aus der Wohnung oberhalb vom Stadion Stimmung gemacht hat. Das war schon witzig, vor allem, als wir dann gewonnen haben.“

Für Wriedt hatten die Derbys ohnehin einen hohen Stellenwert. „Ich hatte bis dahin nicht so viele Derbys gespielt. Auch wenn wir ‚nur‘ die Amateure waren, war die Aufmerksamkeit riesig und die Spiele waren sehr umkämpft.“ Mit seinem Treffer im Rückspiel erzielte Wriedt bereits sein drittes Derby-Tor gegen 1860. Nur zehn Tage später schrieben die Amateure mit dem Gewinn der 3. Liga Geschichte: Sie wurden als erste zweite Mannschaft überhaupt Meister der dritthöchsten deutschen Spielklasse. Wriedt hatte mit 24 Saisontoren großen Anteil daran und wurde Torschützenkönig sowie zum Spieler der Saison gewählt.
16. Mai 2021 – 2:2 gegen 1860 | Maximilian Welzmüller
Für Maximilian Welzmüller ist das Derby vor allem eines: Emotion. „Für den Verein ist es unglaublich wichtig, und für die Fans bedeutet das Derby alles.“ Am 16. Mai 2021 war diese Bedeutung besonders greifbar. Die Bayern reisten zum Auswärtsspiel an die Grünwalder Straße – und sportlich ging es für beide Mannschaften um enorm viel: 1860 kämpfte um den Aufstieg, die Amateure gegen den Abstieg.

Die Bayern gingen durch Armindo Sieb in Führung, Sascha Mölders glich für die Löwen aus. Nach Sarpreet Singhs 2:1 sorgte Phillipp Steinhart per Elfmeter für den erneuten Ausgleich. „Ich habe den Tag noch genau im Kopf. Für uns ging es dort um alles. Das Spiel war emotional und hitzig, auch auf dem Feld gab es einige Spannungen.“
Mit dem 2:2 wahrten die Bayern ihre Chance auf den Klassenerhalt. Vor dem letzten Spieltag betrug der Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz drei Punkte. Doch das Happy End blieb aus: Die Amateure verloren ihr letztes Saisonspiel mit 0:1 gegen den Halleschen FC und stiegen aus der 3. Liga ab. Trotzdem bleibt das Derby für Welzmüller besonders – auch wegen der Bedeutung für Mannschaft, Verein und Fans: „Dieses Duell ist von unserer Amateurmannschaft ja mittlerweile seit Jahren ein Duell auf Augenhöhe“, sagt der heutige U16-Trainer des FC Bayern.
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