Jörgfried Wanninger

Ein echter Bayer in den USA

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Unser Kamerad Jörgfried Wanninger pfeift regelmäßig Fußballspiele auch in den USA. Ein Erfahrungs-Bericht aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten:

Endlich. Nach 213 Tagen hatte ich im Mai wieder die Möglichkeit gehabt, ein Fußballspiel zu pfeifen, Ok, nicht in Bayern, sondern in den USA. Wie es dazu kam? 2014 entschied ich zusammen mit meiner amerikanischen Frau nach Ende meiner Berufslaufbahn für ein paar Jahre nach Wisconsin in die USA zu ziehen. Hingeschlagen hat es uns nach Winter, ein kleiner Ort mit gerade mal 318 Einwohnern, viel Wald und knapp zwei Stunden entfernt von der kanadischen Grenze.

Anders als in Deutschland gehören Schiedsrichter hier keinem Verein an, sondern sind selbstständig und müssen ihre Spesen versteuern. Um überhaupt pfeifen zu dürfen, musste ich eine Prüfung für Soccerspiele der Highschool ablegen. fürs College und Erwachsene sind andere Verbände zuständig. 100 Fragen galt es online zu beantworten, wovon knapp 60 Prozent der Fragen mir schon aus Deutschland bekannt waren. Nachdem das geschafft war, bekam ich mein Abzeichen und es konnte los gehen. Die Spiele werden in der Regel direkt von den Schulen eingeteilt. 

Verglichen mit Deutschland sind die Spesen pro Spiel in den USA um einiges höher. Üblicherweise bekommen wir einen Satz zwischen 50 US-Dollar und 90 US-Dollar plus Kilometergeld. Allerdings: auch der Zeitaufwand, um ein Spiel zu leiten, ist wegen der meist deutlich längeren Anreisen entsprechend höher. Und dann müssen die Spesen ja auch von jedem Schiedsrichter selbst versteuert werden.

Weil bei den Highschool-Spielen anders als in Deutschland stets auch die Eltern, viele Verwandte und Mitschüler die Spiele besuchen, sind die Zuschauerzahlen entsprechend hoch. Teils kommen bei den Matches um die 300 Zuschauer zusammen.

Wie in den USA üblich beginnt auch ein Highschool-Soccermatch immer mit dem Abspielen der Nationalhymne, wobei oft kräftig mitgesungen wird. Von den Zuschauern wird jeder halbwegs gelungene Schuß gefeiert und beklatscht, auch bei einem 0:8 wird noch angefeuert. Die Spiele verlaufen zu 95 Prozent sehr fair, laute Kritik von Außen hört man sehr selten.

Seit 2018 sind meine Frau und ich wieder zeitweise in München, es geht aber jedes Jahr mindestens zweimal nach Wisconsin, im Frühjahr spielen die Girls, im Herbst die Boys.

Im Corona-Jahr 2020 war es auch hier schwierig zu pfeifen. Rund um unseren Wohnort wurden bei unserem Besuch im Herbst alle Spiele abgesagt. In den Orten weiter nördlich fanden einige Spiele statt, aber ohne einheitliche Richtlinien. So haben einige Teams mit Maske gespielt, Schiedsrichter mit Maske und elektrischer Pfeife, Maske mit Loch für die Pfeife oder einfach ganz normal. Jeder hat es etwas anders gehandhabt. 


Im Frühjahr 2021 sind die Spiele wieder normaler verlaufen. Die meisten Kollegen waren geimpft, viele waren auch Genesen. Der Saisonstart fand pünktlich am 4. Mai statt. Bis jetzt hatte ich bereits 24 Einteilungen. Eines der Highlights war ein mehrtägiges Turnier in Hayward, knapp zwei Stunden nördlich von uns. Zum Turnier hatten sich 24 Mannschaften zwischen U10 und U14 angemeldet, übernachtet wurde im Motel oder Campingplatz.

Um die sechs Fußballplätze auf einer großen Farm hatten es sich ca 1.500 Zuschauer bequem gemacht. Campingstühle, Eisboxen, Zelte: alles wurde mitgebracht und auch noch nach acht Stunden wurden die Teams noch angefeuert - und das bei 35 Grad. Gut, dass die meisten Spiele von zwei Schiedsrichtern auf dem Platz geleitet wurden (jeder in einer Hälfte) und genug Eiswasser vorhanden war.


In einigen Tagen geht es für uns wieder zurück nach München und dann schau ma mal, wie es dort für mich weiter geht. Es wird mir aber auch in Deutschland sicher wieder Spaß machen, Spiele zu pfeifen.

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