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"Ich bin kein Trainer für die Kamera"

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Mit 70 Jahren dirigiert Svetislav Pesic, Trainer der Bayern in der Meistersaison 2013/2014, den spektakulären Neuaufbau beim FC Barcelona. Der frühere Bundestrainer, Weltmeister- und Europameister-Coach gewann mit den Katalanen bereits zweimal die Copa del Rey und konnte im Sommer namhafte Ausnahmespieler wie Nikola Mirotic, Abrines, Malcolm Delaney oder auch Cory Higgins nach Barcelona locken. Ein Gespräch über das spannende Basketball-Projekt Barca, seine nicht erlöschende Passion und den Standort München, wo sein Sohn Marko als Geschäftsführer wirkt und die Familie lebt.   

Svetislav, Ihr trefft am Donnerstagabend in München ein. Schaust Du dann auch mal in Deiner Schwabinger Wohnung vorbei oder ist dafür keine Zeit?Svetislav Pesic: Nein, leider nicht. Ich komme zum ersten Mal nach München und kann keinen Kaffee im ,Riva' trinken. Es ist zeitlich einfach nicht möglich, denn der Plan ist so voll. Wir müssen spielen – gegen Euch. Der FC Barcelona hat sich im Sommer spektakulär verstärkt. Welche Saisonziele wurden formuliert?

Wenn du Trainer in München bist, musst du selbstverständlich Deutscher Meister werden, auch wenn das nicht immer gelingen kann. Wenn du in Barcelona trainierst, musst du immer alles gewinnen – alle Titel, alle Trophäen. Das ist die Situation in Barcelona und das hat sich nicht geändert. In Barcelona hat ein gewonnenes Spiel schnell keine große Bedeutung mehr, es ist eine Selbstverständlichkeit. Daran gewöhnt man sich und ich akzeptiere das. Und ehrlich: Immer um die großen Trophäen zu spielen, macht mehr Spaß als im Mittelmaß zu bleiben. Ich habe das Glück, dass ich wieder etwas Großes gewinnen kann, das treibt mich an: Ich bin mit 70 Trainer in der meiner Meinung nach besten Liga der Welt, der EuroLeague. Die NBA ist eine andere Welt, das ist ein anderer Basketball. Die EuroLeague und die spanische ACB sind die besten Ligen in Europa, für mich sogar der Welt. Also, Saisonziele? Trophäen.

In Barcelona besitzt der Fußball einen enormen Stellenwert, vergleichbar mit München. Mit den Verpflichtungen von Mirotic & Co. wurde die Basketballsparte aber spürbar verstärkt. Ist Reals Dominanz der letzten Jahre der Antrieb?    

Barcelona will auch im Basketball immer angreifen. Aber natürlich haben wir jetzt im Sommer etwas Neues begonnen. Wir hatten früh einen Plan, haben die Abmachungen mit den neuen Spieler schon im Juni und Juli fertig gehabt. Danach wurde viel geschrieben, nicht alles war richtig. Danach haben die anderen Teams reagiert und sich auch verstärkt. Aber darüber spricht dann keiner, alle sprechen über *Barça. Es ist aber gut, wenn viel über Basketball gesprochen wird. Was Real angeht, haben sie ihre Dominanz durch viel*Kontinuität und Talent erreicht. Wir haben gegenseitigen Respekt, aber Real Madrid ist nicht unser Maßstab.

Dein neues Team besteht aus sehr vielen namhaften Profis, aus Stars. Solche Konstellationen kennst Du, aber dieses Projekt zu entwickeln und zu moderieren, dürfte dennoch etwas Besonderes sein.

Dafür bin ich da. Spieler mit viel Qualität sind speziell, der negative Einfluss der NBA, des puren Individualismus, ist ja langsam auch in Europa zu spüren. Meine Aufgabe ist es, dieses große individuelle Talent in eine Mannschaft zu integrieren, damit wir Mannschaftsbasketball spielen. Entscheidungen treffen am Ende immer die Trainer und die besten Spieler. Wir haben eine sehr gute Gruppe, nicht nur, weil sie gut defensiv spielen oder gut treffen. Sie verstehen auch, dass sich für gemeinsamen Erfolg jeder unterordnen, aufopferm muss.

Es kursieren zwar weiterhin auf den Social Media-Kanälen Videos, in denen Dein bekanntes Temperament zu sehen ist. Dennoch, kann es sein, dass Du mit 70 etwas ruhiger geworden bist?

Das weiß ich nicht. Aber mein Job in den Auszeiten ist es, den Spielern Instruktionen anzubieten. Es geht nie darum, jemanden persönlich zu beleidigen, sondern Verantwortung zu übertragen. Und das Leben besteht leider nicht nur aus Lob. Ich bin kein Trainer für die Kamera, sorry. Ich coache mein Team.

Wie siehst Du aktuell den nächsten Gegner, deinen alten Verein, die Bayern?

Wie wir haben sie schon sehr mit Verletzungen zu kämpfen gehabt. Zuletzt hat Nihad, für mich einer ihrer wichtigsten Spieler der letzten Saison, sehr lange nicht gespielt. Auch bei uns fehlen ja speziell auf der Guard-Position mit Heurtel und Pangos wichtige Leute, da musst du ein bisschen improvisieren. Das verstehen die Leute von außen nicht immer, wie schwer das ist. Und wir sind ja mit die einzige Sportart, die nie Pause macht, die immer spielt. Einfach immer. Ich glaube aber schon, dass sich Bayern jetzt langsam festigen wird und auch mal Serien mit Siegen holen kann. Ganz allgemein muss man sagen, dass der Eindruck vom FC Bayern Basketball in Europa sehr positiv ist. Manche Leute sehen das hier vielleicht als normal an, aber in Europa schaut man sehr positiv darauf, wie sich der Basketball in München integriert und entwickelt hat und sich ja wirklich jedes Jahr verbessert.

Ist es denn okay, wenn wir auch am Freitag unerwartet mit dem letzten Wurf gewännen, wie beim letzten Spiel in München?

Sorry. Letztes Mal war's okay. Dieses Mal nicht.

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