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Che Bavaria: Vladimir Lucic, „FCBB-Spieler des Jahrzehnts“

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Die Fans der Bayern-Basketballer haben entschieden: Vladimir Lucic ist ihr „Spieler des Jahrzehnts", der serbische Small Forward gewann im Finale des Online-Votings mit 60 Prozent der Stimmen gegen Steffen Hamann. Anlässlich der zehnten Saison der Bayern-Basketballer in der BBL und zugleich im Audi Dome waren die Fans der Münchner zur Wahl ihres All-Time-Favoriten aufgerufen gewesen. Insgesamt wurden mehrere tausend Stimmen abgeben. Im Halbfinale hatten auch Maxi Kleber und Paul Zipser gestanden, im Viertelfinale Demond Greene, Danilo Barthel, Bryce Taylor sowie FCBB-Rekordspieler Nihad Djedovic (der sein „Duell" mit Lucic nur hauchdünn mit 49 zu 51 Prozent der Stimmen verlor).

Vladimir „Luća" Lucic spielt bereits seine fünfte Saison für die Bayern, in der BBL hat er bisher 140 Spiele für die Münchner absolviert bei einem Punkteschnitt von 10,2. In der EuroLeague trug der 31-Jährige 86 Mal des Bayern-Trikot (dazu 25 Mal im EuroCup), in der Playoff-Serie gegen Mailand erzielte er seinen 1.000 Punkt für den FCBB (aktuell 1.009; 11,7 PpS). Der große Kämpfer und Crunchtime-Spezialist spielt ohne Frage die beste Saison seiner Karriere, die in seiner Heimatstadt Belgrad begann.

Dem „FCBB-Spieler des Jahrzehnts" hat auch „51“, das Vereinsmagazin des FC Bayern, eine große Story in der aktuellen Mai-Ausgabe gewidmet:

ZU den FC Bayern e-Magazinen
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Vladimir Lucic blockt Joffrey Lauvergne und sichert dem FCBB das erstmalige Erreichen der Euroleague-Playoffs

„Luća", die Maschine

Die Spannung im Audi Dome könnte Anfang April selbst mit vollen Zuschauerrängen kaum größer sein. Am vorletzten Spieltag der EuroLeague liegen die Bayern mit 69:70 gegen Zalgiris Kaunas zurück, auf der Uhr stehen noch 3,2 Sekunden, da rutscht Münchens erfolgreichstem Punktesammler Wade Baldwin die scheinbar letzte Chance aus den Händen und der Ball ins Aus – doch nach einem Studium der Szene aus verschiedenen Blickwinkeln entscheiden die Schiedsrichter auf Ballbesitz FC Bayern. Und dann, erinnert sich Nationalspieler Paul Zipser im Rückblick, wird es „ein ganz wildes Ding."

2,3 Sekunden vor dem Ende wird Vladimir Lucic beim Wurf gefoult und verwandelt nervenstark beide Freiwürfe. Und beim letzten Angriff der Gäste blockt der 2,04 Meter große Forward den Wurfversuch von Kaunas' 2,11-Meter-Center Joffrey Lauvergne ab. Ende, Aus, Playoffs! „The most famous block in the history auf Bayern Basketball!", jubelt der englische TV-Kommentator, die Bayern haben es tatsächlich geschafft: erstmals in ihrer Geschichte erreichen sie die K.o.-Runde der EuroLeague, erstmals überhaupt gelingt einem deutschen Verein dieser Coup.

Die Jubelszenen nach dem erreichen der EuroLeauge-Playoffs

Foto-Credit:Eirich, Pahnke

 

Trainer Andrea Trinchieri wünscht sich anschließend auf der Pressekonferenz ein Schwimmbecken voller Vino, seine Spieler paffen Sieger-Zigarren. Nur Matchwinner Lucic scheint nicht im Partymodus, statt einem Gläschen widmet er sich lieber der trockenen Analyse: „Uns hat heute offensichtlich die Energie gefehlt. Aber am Ende haben wir Charakter gezeigt, wie so oft in dieser Saison."

„Frei im Handeln – und stur im Denken"

Schon die ganze Saison über ist der Kraftakt wie in der Partie zum Einzug unter die besten Acht von Europa ein verlässliches Stilmittel der Bayern. Es ist keine Seltenheit, dass sie zwischendurch mit 15, 20 Punkten hinten liegen, dennoch schaffen sie ein ums andere Mal die Wende. Kein Vergleich mehr zur Saison 2019/20, in der das Team in Rückstand regelmäßig auseinanderbrach. „Jetzt rücken wir noch mehr zusammen und kämpfen zusammen", sagt Geschäftsführer Marko Pesic, „und daran hat Vladimir Lucic ganz entscheidenden Anteil, so ist sein Charakter. Egal wo er war, hat er sich durchgekämpft und das spiegelt diese Mannschaft wider."

Lucic ist mit seinen 31 Jahren Co-Kapitän, der sich in der Kabine aber gerne zurücknimmt. Große Sprüche überlässt er seinem Coach und den Kollegen, doch auf dem Platz widerspricht dem Anführer der Roten niemand – in der EuroLeague wurde er zweimal zum besten Spieler der Woche gewählt. „Er ist bedingungslos, frei im Handeln - und stur im Denken", sagt Pesic und muss schmunzeln. Er und Trinchieri haben ihn „Che Guevara" getauft, nach dem legendären Revolutionär und Guerillakämpfer. Warum? „Er hat eine klare Meinung – und dabei bleibt er selbst dann, wenn er im Unrecht ist. Das kann anstrengend sein, aber mir gefällt das", sagt Trinchieri, „denn er lügt dich niemals an. Wenn ihm etwas nicht passt, sagt er es dir. Das schätze ich sehr."

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Jubel nach dem 101:95-Erfolg über Berlin nach Overtime und zwischenzeitlich 16 Punkten Rückstand

Und es passte so einiges nicht im vergangenen Frühjahr, das gemeinsam aufgearbeitet werden musste. Entscheidend für den dann folgenden historischen Verlauf dieser Spielzeit sei das erste Duell in der EuroLeague gegen Olimpia Mailand gewesen, sagt Lucic. Die Bayern hatten die Königsklasse im Vorjahr mit acht Siegen und 20 Niederlagen auf dem vorletzten 17. Tabellenplatz abgeschlossen, vor Beginn der neuen Runde waren sie als schwächstes Team eingestuft worden – und verlieren dann gegen die hochfavorisierten Italiener erst unglücklich in der Overtime. „Da hat sich die Mannschaft zusammengesetzt und gemerkt: So schlecht sind wir ja doch nicht. Denn natürlich hat man das im Hinterkopf, wenn man in der Öffentlichkeit als Kanonenfutter wahrgenommen wird", erzählt Pesic.

Trinchieri: „Einer der Besten, die ich trainiert habe"

Trotz einer runderneuerten Mannschaft, trotz eines neuen Trainers, der mit seiner extrovertierten Art eine ganz andere Erscheinung in der Halle ist als seine Vorgänger, finden sich die Bayern schnell, auf und außerhalb des Platzes. Vor allem wegen Lucic, der Trinchieri vertraut und genau das den neuen Coach auch spüren lässt. „Ich bin ihm sehr dankbar dafür. Vladimir ist seit sechs Jahren hier, ich bin neu in sein Haus gekommen – und dennoch akzeptiert er, das zu tun, was ich von ihm verlange", sagt Trinchieri: „Wer solche Spieler hat, ist ein glücklicher Trainer. Lucic ist einer der besten Spieler, die ich in meiner Karriere trainiert habe, sowohl Führungsspieler als auch Teamplayer. Er weiß alles über Basketball, er macht alles perfekt, jeden Tag."

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Co-Kapitän Lucic und der in dieser Saison von Verletzungen geplagte Spielführer Nihad Djedovic

Disziplin und Ehrgeiz waren für Lucic seit seiner Jugend ständige Begleiter. Aufgewachsen in Belgrad, durchlief er die berühmte Partizan-Schule, in der unter anderem der Serbe Vlade Divac zu einem späteren NBA-Superstar gedrillt wurde. „Partizan lehrt dich, niemals aufzugeben, unnachgiebig zu sein – auch dir selbst gegenüber", sagt Trinchieri.

Vor seinem Engagement beim FC Bayern war der Italiener mit kroatischen Wurzeln zwei Jahre für den Verein als Head Coach zuständig. Er schwärmt von der Akademie: „Partizan ist eine der besten Basketballschulen der Welt. Aber nicht nur für Basketball, sondern es ist eine Schule für das Leben. Das vermisse ich in Deutschland ein wenig. Es geht nicht darum, wie man dribbelt, wirft oder passt. Es geht darum, was es braucht, um ein Profi zu sein." Die Jugendspieler heutzutage wüssten nicht, welche Opfer aufzubringen sind, wie viel Arbeit hinter den glitzernden Fassaden der Basketball Domes steckt. „Ich sage zu jungen Spielern immer, dass man nicht alles haben kann. Du kannst nicht der beste und bestbezahlte Spieler sein, und dann lieber jeden Abend ausgehen, anstatt an dir zu arbeiten. Schaut euch Lucic an. Er ist eine Maschine, er ist unser Anführer, Che Guevara eben."

Lucic sagt, er könne zwar mit Kommunismus nichts anfangen, aber davon losgelöst, als historische Figur, gefällt ihm der Vergleich mit dem beinharten und loyalen Anführer. Denn neben seinem bedingungslosen Willen wird Lucic in München auch für seine Treue geschätzt. Seit 2016 ist er für den FC Bayern aktiv, nur Nihad Djedovic kam noch früher, eine Ewigkeit im Profi-Basketball, der für seine häufigen Spielerwechsel auch gerne kritisiert wird. Freilich, für seinen Einsatz wird Lucic ordentlich bezahlt und gilt als einer Top-Verdiener beim FC Bayern Basketball, „aber das Gehalt steht bei ihm lange nicht an erster Stelle, er weiß schon zu schätzen, wo er ist und was er am FC Bayern hat", sagt Pesic und erzählt eine Anekdote aus dem letzten Sommer. Lucics Berater hatte einige Anfragen für seinen Star, die er an den Geschäftsführer herantrug. Spitzenklubs der EuroLeague waren sogar bereit, Ablöse zu zahlen, was im Basketball wegen der üblichen kurzen Vertragslaufzeiten nur in wenigen Ausnahmefällen vorkommt.

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Die EuroLeague-Reise der Bayern endete diese Saison mit dem fünften Spiel in Mailand

„Unsere Reise hat erst begonnen"

„Ich glaube, er hätte bei anderen Klubs das Doppelte verdienen können – aber Vladi hat sich nicht einmal bei mir gemeldet, um darüber zu sprechen", so Pesic. „Es kam für ihn nach unserer schwachen Saison überhaupt nicht in Frage, uns zu verlassen. Bis heute hat er die Angebote vor mir nicht ein einziges Mal angesprochen." Che Guevara? Che Bavaria!

Man könnte auch sagen, ausschweifende Erzählungen sind halt nicht das Ding des 2,04 Meter großen Forwards. Er spricht nicht oft und gerne, wohl auch ein Grund, warum er sich selbst nach fast fünf Jahren in München nicht ans Deutsch herantraut, obwohl er die Sprache als Jugendlicher in Belgrad durchgehend als Schulfach hatte. „Ich kann es verstehen", sagt er ein wenig schüchtern auf Deutsch, wechselt dann wieder ins Englische: „Es ist mir langsam wirklich unangenehm und ich werde das jetzt auch angehen", erzählt er. „Ich fühle mich in München total wohl, meine beiden Töchter sind beide hier zur Welt gekommen. Ich möchte dann nicht mal irgendwann als der Kerl in die Klubgeschichte eingehen, der hier jahrelang gespielt hat und die Sprache nicht konnte."

Und vielleicht steht ja irgendwann einmal in Lucics Vita, dass er als „Che Bavaria" seine Mannschaft bis ins Final Four-Turnier geführt hat. In dieser Saison war das Abenteuer EuroLeague zwar im Viertelfinale gegen Olimpia Mailand zu Ende. Aber Lucic ist sich sicher: „Unsere Reise hat gerade erst begonnen."

 

Vladimir Lucic zu Gast im FCBB-Podcast Open Court  👇

Vladimir Lucic ist seit 2016 beim FCBB und damit nach NBA-Rückkehrer Paul Zipser und Bayern-Rekordspieler Nihad Djedovic der dienstälteste Profi bei den Münchnern. In der zehnten Ausgabe von OPEN COURT spricht der serbische Nationalspieler, warum er Basketball in einer Festung spielte, welche serbischen Schimpfwörter er US-Amerikanern als erstes beibringen muss, welcher NBA-Superstar wohl heimlich vom Balkan kommt und was die "Balkan-Schule" ist.

Wie am Ende jeder Folge stellt sich auch der Co-Kapitän der Bayern der BayWa-Schnellfragerunde. Die FCBB-Allzweckwaffe beantwortet in der kleinen Jubiläumsfolge Fragen der Bayern-Fans.

Hier kannst Du Dir die ganze Folge Open Court mit Vladimir Lucic anhören! 👇

 


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