Logo des FC Bayern Basketball

FC Bayern Basketball - Offizielle Website & Ticketshop

Logo Siegmund
pesic-min

„Der Sport ist nicht das Problem, er ist eine Lösung"

Im Interview mit „SPOX“ hat sich FCBB-Geschäftsführer Marko Pesic, 43, ausführlich zur Situation der Bayern-Basketballer inklusive der Jugendabteilung in den Zeiten von Corona und der Zusammenstellung der Mannschaft für diese Saison geäußert. Hier sind Kernaussagen nachzulesen.

Herr Pesic, die Corona-Pandemie dauert nun schon viele Monate an und wird uns auch noch länger begleiten, wie sind Sie persönlich bis hierhin mit dem sehr schwierigen Jahr klargekommen?

Marko Pesic: „Es gab Phasen, in denen ich verzweifelt war. Das ist, glaube ich, ganz natürlich. Aber ich bin in einer Rolle, in der ich viel Verantwortung trage. Verzweiflung und Pessimismus sind da sehr schlechte Begleiter. Deshalb haben wir uns als Team darauf konzentriert, mit so viel Optimismus wie möglich an die Aufgaben heranzugehen und die Sachen zu verändern, die wir verändern können. Ich bin grundsätzlich jemand, privat wie auch beruflich, der versucht, das zu kontrollieren, was ich kontrollieren kann. Dort, wo ich keinen Einfluss habe, ergibt es wenig Sinn, dass ich mich darauf verlasse, dass es so kommt, wie ich es gerne hätte. Mit dieser Einstellung bin ich bislang ganz gut durch das Jahr gekommen, aber es ist für uns alle eine große Herausforderung.“

Jetzt steht der BBL-Start mit einem Heimspiel am Sonntag (gegen Rasta Vechta, 18 Uhr/MagentaSport) vor der Tür, Zuschauer werden wir im Lockdown light aber erstmal nicht in den Hallen sehen. Wie blicken Sie auf die aktuelle Situation im Basketball?

„Ich sehe momentan zwei große Probleme. Das eine liegt für mich im Jugendbereich. Auf unsere Sportart bezogen im Jugend-Basketball. Die Jugendlichen hatten über Monate hinweg keine Möglichkeit, zu trainieren und zu spielen. Mehr noch: Sie hatten auch keine Möglichkeit, sich zu sozialisieren. Wer wie ich im Mannschaftssport groß geworden ist, weiß um dessen immense Bedeutung. Es geht um viel mehr als darum, einen Ball in einen Korb zu werfen. Es geht um den Umgang untereinander, um Respekt, Fairness, um Kommunikation. Darum, als Gemeinschaft Herausforderungen zu meistern. Diesen Zehn-, 16-Jährigen, die wir nach monatelanger Pause wieder in die Hallen zurückgeholt und die sich so gefreut hatten auf das Training und die Spiele, haben wir jetzt wieder ein Stoppschild vor die Nase setzen müssen. Für einen Monat, aber vielleicht auch für länger, das wissen wir ja nicht. Natürlich können wir jetzt wieder Zoom-Trainingseinheiten abhalten, aber dass die Kinder und Jugendlichen zuhause vor dem Computer sitzen, das wollen wir doch genau nicht. Aber etwas anderes bleibt uns nicht übrig, weil ja selbst ein Waldlauf in einer Kleingruppe momentan nicht erlaubt ist.“

„Das Problem im Jugendsport ist gesamtheitlich betrachtet größer"

Es ist interessant, dass Sie als erstes Thema gar nicht den Profisport ansprechen.

„Weil das Problem im Jugendsport für mich tatsächlich gesamtheitlich betrachtet größer ist als alle Probleme im Profisport. Es geht hier ja nicht nur darum, dass die sportliche Entwicklung in einem entscheidenden Alter komplett ausgebremst wird, sondern wie beschrieben vor allem auch um ein gesellschaftliches Thema. Man sollte den Jugendsport hier auch unbedingt vom Amateursport trennen. Amateursport bedeutet für mich, dass ich nebenbei Sport betreibe. Jugendsport ist etwas ganz anderes, mit einer ganz anderen gesellschaftlichen Verantwortung. Für mich ist das aktuell wirklich ein riesengroßes Problem und ich weiß vor allem nicht, wie wir das lösen sollen. Ich merke auch, wie sehr der Umut bei den Eltern wächst, dass ihre Kinder nicht mehr zum Training können.“ / Lackovic

Was ist das zweite Problem?

„Das andere große Problem ist, dass wir als Vereine den Kontakt zu den Menschen verloren haben. Zur Fanbase. Ein Verein lebt aber vom Kontakt zu den Fans. Davon, dass die Zuschauer eine Bindung zu ihrer Mannschaft und ihren Spielern aufbauen. Das haben wir alles jetzt seit acht Monaten nicht mehr. Und wenn ich als Fan seit langer Zeit etwas nicht mehr erlebe, entwöhne ich mich vielleicht davon und suche mir einfach eine andere Beschäftigung. Ich gewöhne mich daran, nicht mehr zum Basketball zu gehen und dann gehe ich, selbst wenn es wieder möglich ist, eben nicht mehr hin, sondern verbringe meine Zeit mit Netflix-Serien, mit der Playstation, gehe wandern oder spiele Schach, was auch immer. Das wird eine direkte Auswirkung auf das Ticketing für diese Saison haben. Es fehlen die Menschen, für die wir den Sport überhaupt machen. Für mich hat es früher einen elementaren Unterschied gemacht, ob ich ein Trainingsspiel habe oder vor 15.000 Fans in der Arena in Köln spiele. Diese Verbindung zwischen Verein und Fans ist abgerissen. Das macht mir, genauso wie die Jugendthematik, große Sorgen.“

Die finanziellen Sorgen haben Sie jetzt gar nicht thematisiert. Warum?

„Weil ich der Meinung bin, dass man darüber gar nicht mehr sprechen muss. Jeder normale Mensch, der eins und eins zusammenzählen kann, weiß, dass wir alle in große finanzielle Schwierigkeiten kommen werden, wenn sich die Lage nicht bald verbessert. Wir sind jetzt mit der Privatmaschine nach Tel Aviv und Istanbul gereist, obwohl wir uns das eigentlich gar nicht leisten konnten. Aber wir hatten gar keine andere Möglichkeit. Vor allem deshalb nicht, weil wir aufpassen und dafür Sorge tragen müssen, dass unser gesamter Tross so sicher wie möglich von A nach B, von B nach C und wieder von C nach A kommt. Diese Sicherheit hat die oberste Priorität, weil wir eine Verantwortung für unsere Mitarbeiter haben und weil der Wettbewerb sonst gar nicht stattfinden könnte. Wenn du dafür Geld ausgeben musst, kannst du es an anderer Stelle nicht ausgeben, das ist auch klar. Nochmal werden wir es wohl nicht machen, aber in dem Fall musste es sein.“

„Ich wünsche mir ein Umdenken in der Politik"

Nun ist es aktuell sehr ungewiss, ab wann wieder mit einer gewissen Anzahl an Zuschauern gerechnet werden kann. Wie viel Verständnis haben Sie für die getroffenen Maßnahmen?

„Ich habe volles Verständnis dafür, dass alles getan wird, um die Zahl der Neuinfizierten wieder nach unten zu drücken, um unser Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Ich hoffe sehr, dass uns das in den kommenden Wochen gelingt. Für uns im Sport ist es allerdings insofern schwierig, weil wir erneut vor vollendete Tatsachen gestellt wurden, obwohl wir im Unterschied zum Frühjahr viel mehr Erfahrung und viel mehr Wissen haben. Es ist doch klar, dass das Virus auch am 1. Dezember noch da sein wird - und wohl auch noch in einer gewissen Intensität. Deshalb müssen wir die nächsten Wochen nutzen, um weiter an unseren Hygienekonzepten, die jetzt schon mindestens ausreichend gut sind, zu tüfteln und mit der Politik in Kommunikation zu treten.“

Mit welchem Ziel?

„Wir hören ja inzwischen oft, dass wir lernen müssen, mit dem Virus zu leben. Für mich bedeutet das dann in der Logik auch, dass wir Veranstaltungen wieder möglich machen müssen. Und zwar nicht nur möglich, Veranstaltungen müssen wieder ausdrücklich erwünscht sein. Ich wünsche mir ein Umdenken in der Politik. In der Art und Weise, dass wir nicht abwarten, bis die 7-Tage-Inzidenz auf einen bestimmten Wert gefallen ist. Die Politik muss erkennen: Der Sport ist nicht das Problem, er ist eine Lösung. Gleiches gilt für Theater, Opern oder Konzerte. Wir sollten die Leute ermutigen, mit Bedacht zu Veranstaltungen zu gehen, die nachweislich ein sehr gutes Sicherheits- und Hygienekonzept haben. Wenn wir nicht aus der Schleife herauskommen, dass die Menschen nur noch zur Arbeit und nach Hause gehen, wird uns das auf Dauer nicht guttun als Gesellschaft. Die Menschen brauchen auch mal wieder eine Abwechslung. Und statt sich mit zehn oder 15 Leuten zuhause zu treffen, sollen sie lieber in der Gruppe zu einer Veranstaltung gehen, die sicher ist und bei der wir die Kontrolle haben, dass alle Regeln eingehalten werden. Das ist mein Wunsch.

Wie sehr stehen Sie in der jetzigen Phase im Austausch mit Präsident Herbert Hainer?

„Der Austausch ist generell wirklich sehr intensiv, wir sprechen mehrmals pro Woche miteinander. Herr Hainer ist von seiner Persönlichkeit natürlich ein ganz anderer Typ als Herr Hoeneß, aber die Gespräche sind ebenso produktiv. Er lässt uns auf der einen Seite alle Freiheiten, hilft aber auf der anderen Seite, wo immer er kann. Gerade in der schwierigen Corona-Phase ist er immer jemand, mit dem man zusammen kreative Ideen entwickeln kann. Wir sind sehr froh, ihn als Unterstützer an unserer Seite zu haben.“

Beschweren konnten Sie sich aber über die insgesamt enttäuschende letzte Saison. In der frühen Saisonphase macht das neue Team einen exzellenten Eindruck, in der Euroleague spielt man plötzlich oben mit. Was mussten Sie verändern, um wieder den richtigen Weg in die Zukunft zu finden?

„Ich will ehrlich gesagt gar nicht mehr viel über die Mannschaft der letzten Saison sprechen. Aber wir haben intern ziemlich früh gemerkt, dass wir für die kommende Saison viel verändern werden müssen. Die Mannschaft muss wieder ganz anders auftreten, sie muss wieder einen ganz anderen Basketball spielen - das war uns schnell klar. Wir haben vor allem eines erkannt: Dass wir aufhören müssen, auf internationalem Parkett zu versuchen, unsere Spielweise mit der Spielweise anderer Mannschaften zu matchen, die aber deutlich besser sind als wir. In dem Fall gar nicht auf die finanziellen Möglichkeiten bezogen, sondern wirklich auf die Spielweise. Wir müssen vielmehr in den nächsten Jahren unsere eigene Nische finden, in der wir die besten sind, die wir nur irgendwie sein können. Wir müssen eine Mannschaft entwickeln, die für sich selbst einen eigenen Weg findet, um Basketball zu spielen und Spiele zu gewinnen.“

Mit einer 4:2-Bilanz nach sechs Spielen ist der Start in die EuroLeague hervorragend gelungen. Zeit, um in der EuroLeague anzugreifen?

„Nein, nein. Das Schlüsselwort lautet wirklich: Prozess. Ja, es sieht bislang alles gut aus, wir scheinen wirklich eine gute Mischung gefunden zu haben. Aber wir sollten uns nur auf diesen sensiblen Prozess konzentrieren. Wir dürfen jetzt keine unnötigen Fehler machen und in unangebrachte Euphorie verfallen, wenn wir weiter so gut dastehen, oder in eine Depression, wenn wir mal zwei, drei Spiele verlieren. Ich bin sehr froh, wenn ich in dieser Woche die Trainingseinheiten gesehen habe. Weil ich sehe, wie konsequent Trainer und Mannschaft diesen Weg gehen. Und die Situation verbietet es ohnehin, zu weit nach vorne zu schauen. Aktuell hoffen wir, dass unsere Tests wieder negativ zurückkommen und bereiten uns auf die Spiele am Freitag und Sonntag vor. Weiter kannst du fast nicht denken. Was ich aber sagen kann, ist, dass es mir für die erste Saisonphase extrem wichtig war, mit der Einstellung in jedes Spiel zu gehen, zu fighten und das Ding gewinnen zu wollen. Und nicht irgendetwas herzuschenken. Das haben wir geschafft und das wollen wir auch weiter versuchen. Das ist der erwähnte, eigene Weg.“

Das komplette Interview gibt es hier.

Diesen Artikel teilen