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„Jede Niederlage lastet auf meinen Schultern, tagelang.“

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Andrea Trinchieri, 52, ist seit diesem Sommer Chefcoach der Bayern-Basketballer. Nicht zuletzt mit seiner großen Leidenschaft führt er das umformierte Team des FCBB durch eine sehr spezielle Saison, in der die Fans bisher nicht live teilhaben konnten am gelungenen Saisonstart in der EuroLeague. Im Interview erzählt der Italiener, wie er sein neues Umfeld erlebt, wie die Spiele ohne Fans – und was Emotionen mit ihm anstellen. Coach, an der Seitenlinie sind Sie emotional und leidenschaftlich. Muss ein Trainer nicht einen kühlen Kopf bewahren?Andrea Trinchieri: Kühler Kopf, heißes Herz, diesen Mix versuche ich hinzubekommen. Manchmal braucht man mehr das eine, manchmal mehr das andere. Aber was jeden guten Coach auszeichnet, ist Emotion. Meine Vorbilder waren immer voll davon. Welche Vorbilder waren das?

Ich bin zum Beispiel ein großer Fan von Pep Guardiola. Er ist ein Träumer, der jeden Tag nach Perfektion strebt. So bin ich auch – im Wissen, dass ein perfektes Spiel eine Utopie ist. Das Streben danach macht dich besser, du darfst nur nicht frustriert sein, wenn du Perfektion nie erreichst.

Wie sortieren Sie Ihre Emotionen nach einem Spiel?

In keinem anderen Beruf fühlt man sich so allein wie als Trainer nach einem Spiel. Zuletzt, bei Partizan Belgrad, hatte ich Spiele vor 20.000 Leuten – und bin mir danach vorgekommen wie der einzige Mensch auf diesem Planeten. Bildlich gesprochen: Nach einem Spiel läufst du barfuß auf Packeis zur Kabine, die gefühlt 25 Kilometer weit weg ist. Im Kopf spielt sich alles noch mal ab: das Spiel, meine Entscheidungen, was ich besser, schneller oder lieber nicht hätte machen sollen. Zu Hause bin ich dann ein Geist, meine Familie weiß das. Ich bin müde und leer, aber ich finde den Schalter nicht, um meinen Kopf auszuschalten. Vor vier oder fünf Uhr schlafe ich nicht ein.

Warum haben Sie es Ihren Eltern verboten, in die Halle zu kommen? Sie könnten die Einsamkeit schmälern.

So habe ich das noch nie gesehen. Aber ich erzähle eine Geschichte: Ich war Jugendtrainer bei Olimpia Mailand, und wir hatten ein Derby in Cantù. Das ist ein Ort nahe des Comer Sees, meine Eltern leben dort. Ohne mir etwas zu sagen, sind sie zum Spiel gekommen. Es war kein gutes Spiel meiner Mannschaft, wir lagen kurz vor Schluss 17 Punkte hinten, da sind meine Eltern nach Hause gefahren – danach haben wir noch mit zehn Punkten Vorsprung gewonnen. Und ich habe gesagt: Kommt bloß nicht wieder! (lacht)

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Sie haben mal erzählt, dass Sie sich über Niederlagen mehr ärgern, als Sie sich über Siege freuen können. Ist diese Einstellung nicht ziemlich ungesund?

Ich sehe das nicht negativ. Manche Leute sind sehr gut darin, ihr Leben zu genießen – ich bin jemand, der mit sich ringt. Jede Niederlage lastet auf meinen Schultern, tagelang. Und immer, wenn ich eine Trophäe in den Händen halte, denke ich schon daran, was ich morgen, übermorgen und in zwei Wochen anpacken möchte, um noch besser zu werden. So ist es halt. Wir sind das Produkt der Erfahrungen, die wir im Leben machen.

Welche Erfahrungen waren für Sie maßgebend?

Ich habe als Trainer in der zehnten Liga begonnen – doch schon damals war mein Ziel die EuroLeague, auch wenn mich die Leute für verrückt hielten. Ich war von der Spitze sehr weit entfernt, bin aus einem sehr tiefen Loch Stufe für Stufe nach oben geklettert. Dafür musste ich Erfolg 
haben, Saison für Saison, um nicht in der fünften oder dritten Liga stecken zu bleiben. Das hat mich viel gekostet. Eine weise Person hat mir mal gesagt: Hinter dem Erfolg eines Spielers und eines Trainers steckt immer große Ungerechtigkeit, denn für den Erfolg muss man vieles opfern, Familie, Zeit, alles. Dennoch habe ich mit den Jahren verstanden, dass ich ein Glückspilz bin, gesegnet mit dem, was ich tue. Ich bitte 
meine Spieler immer, ihr Talent nicht zu 
verschwenden – nichts anderes verlange ich von mir selbst.

Heute sind Sie Trainer in der EuroLeague. Welches Ziel haben Sie jetzt?

In dieser Saison? Einen Titel zu holen. Das gehört doch zur DNA des FC Bayern. Es geht ums Gewinnen – aber mir geht es auch um das Wie. Die Zuschauer sollen sehen, dass mein Team eine Handschrift hat. Ich habe schon lange aufgehört, Erfolg an Titeln zu messen. Es gibt zu viele Dinge, die ich als Trainer nicht unter Kontrolle habe. Ich kann meinen Job so gut machen, wie es nur geht, aber manchmal landet der entscheidende Wurf trotzdem nicht im Korb. Deswegen kann ich Titel nicht garantieren, sondern nur versprechen, dass ich mein Bestes geben werde.

Sie sind in der Fußballmetropole Mailand aufgewachsen. Sind Sie denn auch Fußballfan?

Natürlich! Der AC Mailand ist mein Klub. Jeden Sonntag war ich im Stadion. Zum ersten Mal mit elf Jahren, 1979, 0:0 gegen Bologna, ein schreckliches Spiel. Mein Vater war Milan-Fan und hatte Jahreskarten – für Milan und für Inter. Als ich ihn fragte, warum er beide hatte, sagte er: „Zu Milan gehen wir, um sie gewinnen zu sehen. Zu Inter, um sie verlieren zu sehen." (lacht)

Wie kommt man als Bub aus der Fußballhauptstadt Mailand zum Basketball?

Meine Familie hatte nichts mit Basketball am Hut, aber wahrscheinlich drückten da meine amerikanischen Wurzeln durch. Ich habe schon als Kind auf dem Spielplatz Bälle geworfen und mich schnell darin verliebt, wie komplex dieses Spiel sein kann. Für mich ist Basketball wie Schach. Allerdings Schach, während fünf Gegner gleichzeitig versuchen, dich körperlich zu attackieren. Es ist hart, aber schön.

„Spiele ohne Zuschauer nerven mich"

Was für eine Art Trainer sind Sie? Ein Schleifer? Ein Taktiker?

Da ich aus der Modestadt Mailand komme, vergleiche ich mich gerne mit einem Schneider. Sie geben mir Stoff, sagen mir, für welchen Anlass Sie einen Anzug brauchen, und ich versuche, Ihnen den Anzug auf den Leib zu schneidern.

Seit Juli arbeiten Sie am Anzug des FC Bayern. Wie sieht er aktuell aus?

Die Grundform ist gemacht, aber die weißen Außennähte sind noch dran, weil es jetzt darum geht, den Anzug perfekt anzupassen: Wo müssen wir enger nähen, wo müssen wir weiten oder kürzen? Das ist ein langer Prozess – vor allem in der aktuellen Situation. Die Corona-Pandemie hat viele Dinge verändert. Ich sehe, wie schwer sich die Spieler damit tun, nach sechs Monaten auf den Court zurückzukommen. Sechs Monate, in denen sie nicht spielen konnten und in denen es Wichtigeres gab als Basketball. Mich hat es nicht verwundert, dass in den ersten Spielen sehr wenige Punkte erzielt wurden. Es wurde ziemlich viel Rost angesetzt in dem halben Jahr Pause.

Ihr Team ist international: Deutsche, Amerikaner, Italiener, dazu Spieler aus Kroatien, Serbien und Slowenien. Wie schafft man es, aus einer Gruppe eine Einheit zu formen?

Zunächst braucht man eine Philosophie, die über allem steht und das Miteinander klar formuliert. Dinge wie Teamwerte, Teamkultur, Organisation. Da geht es nicht um Einzelne, sondern um das große Ganze. Der FC Bayern Basketball kann sich keine Spieler der absoluten Spitzenklasse leisten, daher müssen wir Spieler finden, die Talent haben, aber noch nicht ausgereift sind. Die wollen wir entwickeln. Dafür müssen wir eine Grundordnung schaffen, um Werte und Ziele zu vermitteln. Das klingt einfach, ist es aber nicht – weil es in dieser Gleichung den Menschen als große Unbekannte gibt.

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Sie haben mit Ihrem Team die Allianz Arena und das FC Bayern Museum besucht – und erzählt, dass Sie das sehr inspirierend fanden. Was haben Sie gefühlt?

Ich wollte den Verein greifen, tief in die Kultur eintauchen. Ich habe das nicht einfach so dahingesagt, sondern ich empfand das wirklich so. In der Ausstellung hängt ein großes Bild von Franz Beckenbauer – der Kaiser! (Trinchieri sagt es auf Deutsch, Anm. d. Red.) – mit all seinen gewon­nenen Pokalen und Trophäen um ihn herum. In meinem ganzen Leben habe ich noch kein besseres Foto gesehen. Noch nie. Es ist majestätisch, unendlich stolz und zugleich demütig. Ich glaube, dass auch die Spieler an diesem Tag mit einem anderen Gefühl nach Hause gefahren sind. Sie wissen endgültig, für welch großartigen Klub sie spielen dürfen.

Welchen Basketball erwarten Sie von Ihrer Mannschaft?

Aggressiv, athletisch, selbstlos – diese Einstellung möchte ich sehen. Die Spielweise hängt vom Kader ab. Ich starte beim Punkt null, schaue mir alles genau an – und dann kann ich mit der Mannschaft den nächsten Schritt machen. Mein Ziel ist es, dass wir mit unserem Spiel die Menschen erreichen. München ist eine großartige Stadt – ähnlich wie Mailand – mit nahezu unbegrenzten Möglichkeiten in der Freizeitgestaltung. Ich möchte, dass sich die Leute bewusst dazu entschließen, ihre freie Zeit bei meinen 17 Jungs zu verbringen, die sich jeden Tag den Hintern aufreißen, um ihre Leidenschaft zu transportieren.

Verteidigung ist für Sie fundamental, haben Sie einmal gesagt. Klingt ein wenig nach typisch italienischem Catenaccio …

Da muss ich widersprechen. Ich habe großen Respekt vor Giovanni Trapattoni, der auch aus der Nähe von Mailand stammt und für die Defensive steht. Aber noch mehr verehre ich den ehemaligen Milan-Trainer Arrigo Sacchi. Sein Spiel war ein Spektakel. Natürlich ist mein Ziel, eine gute Offensive aufzubauen, aber das braucht Zeit. Ich würde einen Riesenfehler machen, wenn ich bei unserer neuen, jungen Mannschaft die Offensive an die erste Stelle setzte. Das hieße nämlich, jeder der Jungs muss 20 Punkte machen, damit wir gewinnen. Das würde sehr viel negativen Druck aufbauen. Verteidigen kann hingegen jeder, das ist reine Einstellungssache. Man muss nur dazu bereit sein, sich für das Team zu opfern.

Beim FC Bayern zählt vor allem eines: Titel.

Keine Sorge, ich weiß schon, bei welchem Klub ich bin. Ich mag nicht einmal verlieren, wenn ich gegen meinen zwölfjährigen Sohn Tennis spiele. Ich kann Niederlagen nicht akzeptieren, weiß aber auch, dass sie Teil meines Lebens sind. Ich jage nach Titeln und bin glücklich, dass ich diese Art von Druck habe. Und unseren größten Gegner sehen wir morgens im Spiegel. Wenn man sich nicht jeden Tag mit seinen eigenen Grenzen beschäftigt, wird man niemand anderen schlagen. Du musst erst einmal dich selbst besiegen, und zwar immer wieder aufs Neue.

Basketball wird in Hallen gespielt, in einer dichten Atmosphäre. Wie sehr hat sich das Spiel ohne Fans verändert?

Ich habe bei Partizan eine Statistik erstellen lassen. Das Ergebnis: Die Fans haben unsere Leistungen um bis zu 30 Prozent nach oben gepusht, etwa bei Rebounds oder Blocks, bei allen körperlichen Aktionen. Als ich das gesehen haben, war ich schockiert – weil es mal wieder zeigt, dass man als Coach einen noch so guten Matchplan haben kann, aber es kommt immer auf den Menschen als X-Faktor an. Ganz abgesehen davon: Spiele ohne Zuschauer nerven mich.

Das Interview mit Andrea Trinchieri ist in einer ausführlicheren Version in der aktuellen Ausgabe des FCB-Mitgliedermagazins „51“ zu lesen. Das hochwertige Heft erscheint monatlich mit Geschichten, Reportagen und Nachrichten aus dem FCB-Kosmos.Zu den e-Magazinen des FC Bayern

FOTOS: Sebastian Arlt


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