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Der Jäger - Othello Hunter

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Othello Hunter hatte im Sommer daran gedacht, seine Karriere zu beenden: Corona und die politische Situation in Israel, wo er zwei Jahre spielte, das war alles nicht einfach gewesen. Doch der 35-jährige Center hat sich dann rasch von der vitalen Art Andrea Trinchieris einfangen lassen, von dessen Plänen mit ihm im neuen Bayern-Team. Und: Beide Seiten profitieren von der Zusammenarbeit, das ist der Eindruck vor dem letzten Hinrunden-Spiel des FCBB in der EuroLeague am Donnerstag (19 Uhr/MagentaSport) gegen Baskonia. 8,3 Punkte und 5,3 Punkte holte Hunter bisher im Schnitt. Ein Porträt über einen Champion, dessen Ehrgeiz noch lebt.

Geweint!?

Der große Mann mit der dunklen Stimme muss nicht lange nachdenken. Nein, geweint habe er nicht, brummt er, seine Augen leuchten jetzt. Denn die Erinnerungen sind sofort da: Seine Frau und seine kleine Tochter habe er in dem Trubel fest umarmt und dann einfach nur noch dagesessen, am späten Abend des 19. Mai 2019 in der Buesa-Arena zu Vítoria-Gasteiz. Das Final Four der EuroLeague, Finalsieg mit ZSKA Moskau über Efes Istanbul.

Was für eine Reise!

Othello Hunter ist nicht der erste EuroLeague-Champion, der das Trikot der Bayern trägt. 2015 spielte mal K.C. Rivers in München, kurz zuvor gekrönt mit Real Madrid. Doch im Dezember musste ihn der damals nicht von Uli Hoeneß gelenkte Verein nach nur drei Monaten wieder ziehen lassen. Aber das ist eine andere Geschichte und sinnigerweise ist der Guard neuerdings wieder in München.

Diese hier handelt von Tegba Othello Hunter, 35-jähriger Center-Veteran, Sohn liberischer Eltern, die einst wegen des Bürgerkriegs die Heimat verließen. Ein Weltenbummler in Sachen Basketball, dessen Reise in seiner Heimat North Carolina begann und die in Vítoria ihren wichtigsten Moment erlebte. Sollte man meinen.

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WIDERWORTE IN DER ZSKA-KABINE

Aber so ist das nicht, sagt „O", wie sie ihn in der Kabine nennen. Der wichtigste Punkt sei das Jahr davor gewesen: Auch damals das Final Four mit ZSKA, die Krönungsmesse des europäischen Klubbasketballs, 2018 in Belgrad. „Alle waren darauf eingestellt, dass wir gewinnen." Aber das Halbfinale (und später der Titel) ging an Real Madrid, Hunters Verein im Jahr davor.

Nach Niederlagen, nach massiven zumal, ist es still im Locker Room. Die Spieler starren dann stumm hässliche Kabinenböden an und warten darauf, dass endlich der Trainer eintritt und redet oder wütet, je nachdem. In Belgrad, sagt Hunter, habe vor allem die mächtige Vereinsführung geredet, vom tollen Gehalt bei ZSKA, vom großen Frust, von unverzeihlichem Scheitern. Doch er habe der Regierungserklärung vor versammelter Mannschaft ganz offen widersprochen, argumentiert: „Das waren sie sicherlich bei ZSKA nicht gewohnt, in so einem Moment, Aber sie haben mich dafür respektiert und am Ende war das der eigentliche Start zum Titelgewinn ein Jahr später."

In München hat Coach Andrea Trinchieri erzählt, Hunter sei neben Vladimir Lucic sein Anführer. „Er ist unheimlich wichtig für die Kabine." Die Bayern wissen ja, dass sie kein Favorit auf den Einzug ins Final Four 2022 sind, nicht mal die Wiederholung der Playoffs sei wirklich realistisch. „Wir sind das 18. Team, alle anderen sind besser." Nummer 18, da hat der Italiener vielleicht ein wenig übertrieben. Was er wohl meint, ist: dass seine Mannschaft wieder über „die Mentalität" kommen muss, um erneut überraschen zu können.

„Das waren sie sicherlich bei ZSKA nicht gewohnt, in so einem Moment, Aber sie haben mich dafür respektiert und am Ende war das der eigentliche Start zum Titelgewinn ein Jahr später.“

Othello Hunter

Hunter soll neben Lucic der prägende Mentalitätsentwickler sein, ein weitgereister Reiseleiter. Er hat schon so viel erlebt: Einen geplatzten NBA-Traum zunächst, zerstoben nach nur 23 Spielen für die Atlanta Hawks. Die NBA sei ein verdammtes Business, sagt Hunter ohne Groll, „du musst vor allem Glück haben, zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein."

Sonst geht es eben weiter nach Europa, in seinem Fall zu Ilisiakos Athen, ein Basketballwinzling in der griechischen Basketballhauptstadt. „Der Jetlag, den ich nicht kannte, die Umkleiden, eine Tribüne nur auf einer Seite der Halle – da war ich schon ein bisschen geschockt." Aber dann sei bei den Spielen auf der miefigen Tribünenseite eben die Hölle losgewesen. „Und nur das wollte ich ja immer, einfach nur das Spiel genießen."

Die aktuelle Saison von Othello Hunter

Zurzeit genießt Hunter wieder, trotz des irren Terminplans. „Coach Trinchieri, meine Teamkollegen und der ganze Staff des FC Bayern Basketball sind fantastisch", hat er vergangene Woche in Piräus den Medien dort erzählt, „sie haben mir meine Liebe für den Basketball zurückgebracht." Seine Augen leuchteten.


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