221107_Trinchieri_Website_Stickel_2x1

„Jeder will doch Lewandowski verpflichten“

Text vorlesen
icon
Schrift vergrößern
icon

Für ANDREA TRINCHIERI, 54, ist es die dritte Saison mit den Bayern. Zweimal hat der Italiener Münchner wie deutsche Basketballgeschichte geschrieben mit der Teilnahme des FCBB an den Playoffs der EuroLeague, dazu kam der Pokalsieg 2021. Und was folgt 2022/2023? Ein Gespräch mit jemandem, der genauso gespannt ist wie wir. Es stammt aus dem aktuellen Saisonmagazin der Bayern-Basketballer, das kostenlos bei den Spielen im Audi Dome ausliegt – demnächst also wieder beim EuroLeague-Gastspiel von Olympiakos Piräus am Donnerstag, 17. November (20.30 Uhr).

Tickets für PiräusAndrea, die Saison ist jetzt sechs Wochen alt. Ist die Erholung des Sommers schon verflogen, wie waren die Ferien?

Wie immer – ein bisschen zu kurz. Aber mein Plan im letzten Sommer war einzig, mich wieder aufzuladen mit Energie. Ich habe nicht viel gemacht. Ich war acht Tage auf einem Boot in Kroatien, dann vier, fünf Tage am Meer, in Milano Marittima, danach noch etwas in den Bergen. Alles zusammen waren es nur gut zwei Wochen reinen Urlaubs. Ansonsten war ich zuhause, habe meine Familie genossen, meine Kinder, meine Katzen. Das Ziel war, frisch in die neue Saison zu gehen, denn am Ende der vergangenen war ich unheimlich müde, müde wie nie zuvor. Deshalb habe ich den Job im Sommer komplett Daniele Baiesi (Sportdirektor; Anm.d.Red.) überlassen. Es gab einen Plan und er hat mich dann manchmal angerufen: ,Wir machen das, wir können dies tun ...' Für mich war das so okay.

Kannst Du im Urlaub nicht einfach das Telefon ganz ausschalten, wenigstens manchmal?

Ehrlich, das ist dann doch zu schwer, glaube ich. Ich lasse es an – aber ich sage Leuten, dass sie mich nicht anrufen sollen! (lacht) Das ist eine andere Taktik, Ruhe zu finden.

Was hatte Dich vergangene Saison so ermüdet?

Es war einfach eine wahnsinnig kraftraubende Saison. Wir konnten sie gar nicht genießen, allenfalls ein paar Phasen. Denn du bist immer in den Audi Dome gekommen und hast gefragt: ,Was ist heute das Problem? Wer hat Covid? Wer ist verletzt? Wie können wir jetzt spielen?' Ich hatte noch nie in meiner Karriere eine Saison mit so vielen Vorfällen – nie, noch nie! Ich möchte jetzt einfach mal eine normale Saison erleben, um zu wissen, was eigentlich das wahre Potential des Teams ist. Denn wenn man mich fragt, was wäre letztes Jahr eigentlich möglich gewesen – ich könnte es nicht beantworten, denn es waren nie alle beisammen.

Ein großer Teil dieses Teams ist geblieben . . .

. . . genau aus diesem Grund. Weil wir der Mannschaft ja im Grunde vertraut haben. Deswegen war der Sommer auch relativ entspannt, wir mussten nur vier, fünf Spieler holen und nicht zehn. Leider hatten wir dann gleich wieder mehrere Verletzungen.

„Defensiv haben wir uns verbessert"

Diese Neuen, nach welchen Kriterien hat man sie im Sommer ausgesucht?

Sicherlich nach einer Philosophie, die sich von vielen anderen Klubs unterscheidet. Wir haben nach jungen, frischen Jungs gesucht. Eigentlich ist es schwierig, als EuroLeague-Team wichtige Minuten an Europa-Neulinge wie etwa Winston oder Gillespie zu geben. In dieser Liga spielen ja eigentlich immer dieselben Spieler, es kommen wenig neue hinzu. Wir sind diesmal aber in eine andere Richtung gegangen – und ich bin neugierig wie die Fans, wie das während der Saison funktionieren wird. Ich weiß bisher nur, dass die Neuen mit großen Augen hier angekommen sind und mit dem Wunsch, dazuzulernen, sich auf einem neuen Level zu beweisen. Es ist höchstwahrscheinlich, dass sie erstmal gegen eine Wand knallen. Die ersten EuroLeague-Spiele waren nicht einfach für sie und es bleibt schwer. Das werden demnächst die Momente sein, in denen sich der Verlauf unserer Saison entscheidet. Wenn du auf die ersten Widrigkeiten gut reagierst, wächst du.

Freddie Gillespie ist einer der von Trinchieri angesprochenen Europa-Rookies im FCBB-Kader.
Freddie Gillespie ist einer der von Trinchieri angesprochenen Europa-Rookies im FCBB-Kader. (c) Eirich
Was könnte das Team im Saisonverlauf auszeichnen, wenn Du alle Puzzleteile beisammenhast?

Wir haben eine Mischung aus Athletik und Talent. Ich werde aber erst allmählich verstehen, wie dieses Team spielen kann. In der Vorbereitung und im Oktober fehlte uns Isaac Bonga. Er musste am Fuß operiert werden, nachdem er sich im Juli bei der Nationalmannschaft verletzt hatte. Endlich ist er da und er hilft uns sehr, genau wie Elias Harris mit seiner Energie. Defensiv haben wir uns verbessert, denke ich. Wir haben da jetzt Bonga, Lucic, Gillespie, Weiler-Babb, viel Größe und Athletik. Ich lerne jetzt noch von Tag zu Tag neue Sache über sie und kann nur langsam das formen, was wir am Ende zusammen anstellen wollen.

Noch einmal zurück zum Plan für den Sommer: Gab es konkrete Namen dahinter oder ist zunächst nur die Richtung definiert gewesen, der Stil?

Eher Letzteres. Wir mussten ja erst einmal sehen, was überhaupt möglich ist, und welche Art von Spielern passen könnten. So haben wir Schritt für Schritt die Richtung geklärt. Zunächst kamen wir dann auf Niklas Wimberg, denn wir wollten das deutsche Gerüst stärken. Das haben wir insgesamt gut geschafft. Danach ging es darum, was letztes Jahr gefehlt hat: Wir brauchten einen weiteren Big Man, der den Korb absichern kann – Gillespie kann das, obwohl er noch sehr, sehr jung ist. Dazu wollten wir einen, der kreieren kann, wie Winston es vermag, für die anderen, aber auch für sich selbst.

Also war von Beginn an klar, dass die internationalen Spieler jung und vergleichsweise unerfahren sein würden?

Ja, dafür haben wir bei den Deutschen in Elias einen sehr erfahrenen Spieler geholt, der uns sehr helfen wird – leider war auch er zum Saisonstart verletzt. Ich kenne ihn aus drei Jahren in Bamberg und habe seinen Weg in Spanien und Japan natürlich weiterverfolgt. Und es ist schon erstaunlich, wie gestärkt deutsche Spieler nach einem Auslandsaufenthalt zurückkehren. Elias etwa ist sehr konstant geworden in seinem Spiel, er ist eine konstante offensive Bedrohung. Wo auch immer er war – er hat produziert, Punkte und Rebounds. Er ist nicht allzu groß, aber ich finde, dass er eine sehr schnelle Fünf ist, der mit seinem Tempo und seiner Intensität größere Körper überwinden kann.

Gillespie und Winston sind generell das erste Mal in Europa. Wie groß ist dieser Schritt, trotz ihrer ersten NBA-Erfahrungen?

Ich bin auch da neugierig! Jeder Trainer will doch Lewandowski verpflichten, Mbappé oder Neymar, jeder. Doch als ich hier verstanden habe, dass wir das eben aus unterschiedlichsten Gründen nicht machen können, habe ich diese Herausforderung wirklich umarmt. Denn das ist doch spannend und interessant! Ich habe absolut keine Ahnung, was passieren wird. Aber ganz sicher werden wir Kreativität beweisen. Mit dem alten Set-Up waren wir exzellent in der EuroLeague, zweimal hintereinander wirklich exzellent. Doch sonntags in der BBL haben wir schon mal häufiger gelitten. Wir hatten keine Rotation, um in solchen Spielen nicht leiden zu müssen. Das war sehr schmerzhaft. Jetzt versuchen wir, das auszubalancieren, wohlwissend, dass jede Veränderung Ungewissheit in sich trägt.

„Konnten uns nach Europa-Rookies umsehen, weil wir ein Gerüst hatten"

Ein anderes Problemthema der letzten beiden Jahre war die enorme Anzahl der Spiele . . .

. . . und hier lag der Hauptfokus diesen Sommer: Wie kann ich mein Team frischer halten? Jetzt schauen wir, ob unsere Ideen aufgehen werden. Aber sicherlich werden wir Dinge anders angehen, um frischere Spieler zu haben. Das Ziel hatten wir zugegeben schon vor einem Jahr. Doch dann gab es halt vier Covid-Ausbrüche im Team. Das hat alles zerstört, so mussten Spieler mehr spielen als sie können. Wir haben vor dem Spiel in Oldenburg (75:106) am Abend zuvor gespielt und sind am Spieltag angereist. Wir haben keinen Ton gesagt, aber nirgends sonst wird akzeptiert, dass du weniger als 24 Stunden vor dem Tip-Off ein anderes Spiel hattest, in der EuroLeague! Und dann kommst du im Juni in den BBL-Playoffs an und bist platt . . .

Mag es nicht ohne Titel heimfahren zu müssen: Andrea Trinchieri hat auch in dieser Saison wieder ehrgeizige Ziele.
Mag es nicht ohne Titel heimfahren zu müssen: Andrea Trinchieri hat auch in dieser Saison wieder ehrgeizige Ziele. (c) Eirich
Wie stark ist die EuroLeague 2022/2023?

Wenn man sieht, was auf dem Transfermarkt los war, muss man sagen: Sie ist unglaublich stark und für uns wird es schwer wie nie, in die Playoffs zu kommen! Aber am Ende gibt es immer Teams, die enttäuschen, und welche, die über den Erwartungen spielen. Aber klar, wenn du auf den Kader von Barcelona schaust: jetzt mit Vesely und Satoransky und wegen Mirotics Verletzung auch noch mit Tobey! Dazu: Fenerbahce, Real oder auch Monaco, die einen unglaublichen Kader zusammengestellt haben . . . Und Maccabi, sie haben den besten Kader der letzten zehn Jahre, bei Weitem. Dann weiter mit Mailand oder dem Rückkehrer Bologna ... Uff! Wir waren vor der Saison im Ranking die Nummer 14 oder 15 von 18 und sind auch nicht gut gestartet. Aber wir werden wieder alles versuchen. Wir haben es schon geschafft – warum sollen wir es nicht erneut probieren?

Wer ist der Boss des Teams, das es versuchen wird? Djedovic ist weg, sind es jetzt Lucic und Hunter?

Das hat sich doch nicht geändert. Es war gut, auch diese Struktur mit den beiden zu erhalten. Wie gesagt, wir haben uns nicht nur aufgrund der Rahmenbedingen nach Europa-Rookies umgesehen, sondern weil wir ein erfahrenes Gerüst hatten, das geblieben ist. Sonst hätten wir es nicht gewagt. Du hast ansonsten keine Chance auf Erfolg, denn ein Rookie kommt hierher und schaut: ,Wie läuft das hier, was muss ich tun, wie muss ich spielen?' Alles ist neu, vielleicht macht das sogar jemandem Angst im ersten Moment. Also brauchst du wenigstens jemanden nah beim ihm, der es ihm sagt und zeigt. Du kannst mit Rookies nur überleben, wenn du einen großen Kern hast, der das System kennt, den Verein, den Coach.

Was ist konkret das Saisonziel des ehrgeizigen Trainers Trinchieri?

Auch die Ziele haben sich nicht verändert. Wir wollen wieder um alles kämpfen, in jedem Spiel in der EuroLeague. Und ich bin es nicht gewohnt, wie letzte Saison ohne Titel heimzufahren. Das mag ich nicht, also will ich Titel, wir alle hier wollen Titel.

Gemeine Frage: Lieber Geschichte schreiben mit dem ersten Final Four oder die Meisterschaft?

Das ist eine gute Frage, aber darauf kann ich nicht antworten. Was auch immer ich da sage, ich wäre nicht happy damit.


Diesen Artikel teilen

Weitere news