FC Bayern Sportvorstand Max Eberl im Porträt
© Markus Burke

FC Bayern Magazin „51“

Sportvorstand Max Eberl im Interview: „Mensch bleiben – das war mir immer wichtig“

Hart in der Sache, hart auf dem Transfermarkt – so sieht sich Max Eberl selbst. Und er ist überzeugt, dass ein kleiner Kader funktioniert. Im Interview mit dem FC Bayern Magazin „51“ spricht unser Sportvorstand über Michael Olise, den Weg zu Vincent Kompany und Entscheidungen, die ihn in den Schlaf begleiten.

Das Interview mit Max Eberl

Herr Eberl, als Sie 2008 in Gladbach erstmals Sportdirektor wurden, haben Sie Ihre besten Freunde gebeten, Ihnen auf den Hinterkopf zu hauen, falls Sie abheben sollten. Mussten die schon mal eingreifen?
„Es heißt ja oft, dass die Zahl echter Freunde im Leben überschaubar ist – aber ich bin glücklich, dass ich mich auf vier sehr gute verlassen kann. Und die mussten mir zum Glück selten auf den Hinterkopf hauen – eher im Gegenteil. Manchmal haben sie gesagt: Hey, sei doch mal stolz auf das, was du geleistet hast. Ich neige oft zum Understatement und frage mich lieber, was ich noch besser machen kann. Hart in der Sache, hart auf dem Transfermarkt, klar. Aber dabei Mensch bleiben – das war mir immer wichtig.“

Max Eberl blickt aus dem Fenster auf die Trainingsplätze an der Säbener Straße
© Markus Burke
Die Kultur des FC Bayern heißt: aktiv Fußball spielen, mit herausragenden Fußballern. Und die kosten heute unfassbar viel Geld.

Max Eberl

Jeder kann sehen, dass Michael Olise ein Top-Fußballer ist. Woher wussten Sie, dass er zu Bayern passt?
„Er hatte einen unruhigen Lebenslauf: Er besuchte verschiedene Leistungszentren in England. Aber so ein Lebenslauf muss kein Alarmzeichen sein – Widerstände können einen Spieler auch prägen. Um einen Fußballer kennenzulernen, musst du vor allem mit Menschen reden, die ihn als Mit- oder Gegenspieler erlebt haben. Bei Michael hatten wir den Vorteil, dass Oliver Glasner zu diesem Zeitpunkt bei Crystal Palace sein Trainer war – und unser Sportdirektor Christoph Freund kennt Glasner sehr gut. Wenn ein Trainer sagt: ‚Klar, nimm ihn, nimm ihn‘, wirst du stutzig. Aber Glasner hat gesagt: ‚Er muss noch lernen – und wir bräuchten ihn.‘ Da wusstest du: Der legt Wert auf ihn. Und dann gab es die Gespräche mit Michael selbst: Es macht Freude, mit ihm über Fußball zu reden.“

Haben Sie damals gesehen, wie gut er werden kann?
„Ehrlich gesagt: Wir wussten, wir holen einen sehr guten Außenbahnspieler mit linkem Fuß, bayerntypisch, aber dass er so genial ist … Die Ablöse war wegen der Ausstiegsklausel berechenbar. Dass er sich so entwickelt hat, liegt auch am Umfeld und der Mannschaft.“

Wie entsteht aus einer Gruppe guter Spieler eine verschworene Gemeinschaft?
„Bei einer Mannschaft wie Bayern ist die Lust mit entscheidend, zusammen etwas Großes zu erreichen. Und darauf hat der Trainer einen Rieseneinfluss. Als ich nach meinem Start im März 2024 die ersten Male im Profihaus war, habe ich gedacht: Was für eine Lethargie. Wie ein Mantel der Schwere. Leute, wir sind beim FC Bayern München! Wir können jedes Jahr Meister werden, wir müssen doch Freude haben! Das hat Vincent Kompany komplett wiederbelebt. Viele Spieler sind dieselben – aber sie wirken wie ausgewechselt.“

Fünf rote Tipp Kick Figuren stehen in einer Reihe
„Drum herum darf es kreativ werden.“ Max Eberl über die Achse seines Kaders. | © Markus Burke

Auch Harry Kane hat sich in München zur absoluten Führungsfigur entwickelt.
„In einer Mannschaft mit Problemchen hat es auch ein Harry Kane schwerer, seine Leistung zu bringen. Jetzt passt es um ihn herum. Was mir imponiert hat: In Vinnies erstem Jahr haben wir in Barcelona 1:4 verloren. Vinnie fragte nach dem Spiel in die Runde: ‚Wie seht ihr das?‘ Da ist Harry aufgestanden und hat eine beeindruckende Rede gehalten, auf den Punkt. Seitdem ist er immer vorangegangen, hat sich nie weggeduckt. Wir kannten ihn als Top-Neuner. Aber was er heute spielt, welche Rolle ihm das System und die Mitspieler ermöglichen – das ist außergewöhnlich. Er ist das schönste Beispiel dafür, was aus einem Spieler noch werden kann, wenn die Qualitäten zusammenpassen.“

Würden Sie die These unterschreiben, dass Ihr Königstransfer kein Spieler, sondern Vincent Kompany war?
„Ich kam in einer Situation zum Club, in der bereits klar war, dass es mit dem Trainer nach dem Saisonende nicht weitergehen würde. Und jetzt, nach der Zeit, kann ich es auch mal so sagen: Hätte ich Vincent Kompany als allerersten Kandidaten präsentiert – ich weiß nicht, wie die Reaktionen ausgefallen wären. Den Absteiger-Trainer aus Burnley als Nachfolger von Thomas Tuchel?“

Wie sind Sie dann auf ihn gekommen?
„Natürlich haben wir eine Liste an Kandidaten abgearbeitet. Julian Nagelsmann war ein Kandidat, das ist kein Geheimnis. Ich hatte einen sehr guten Draht zu ihm, aber er hat sich für den DFB entschieden. Auch Ralf Rangnick hat sich anders orientiert. Wir haben den Markt damals sehr genau analysiert – und alles, was man über den jungen Coach von Burnley hörte, war positiv. Irgendwann habe ich gesagt: ‚Jetzt rufe ich Vinnie einfach mal an.‘ Wir haben vor unserem Champions-League-Halbfinale in Madrid telefoniert. Nach vier Stunden musste ich sagen: ‚Sorry, es ist 18 Uhr, ich muss zur Besprechung.‘ Ich habe aufgelegt und gedacht: Wow, das fühlt sich gut an! Das ist ein echter Typ. Dann habe ich Christoph Freund gebeten, sich sein eigenes Bild zu machen. Er kam zurück und war auch überzeugt.“

Max Eberl spielt gut gelaunt Tipp Kick
© Markus Burke
Vincent Kompany hat die Freude komplett wiederbelebt. Viele Spieler sind dieselben – aber sie wirken wie ausgewechselt.

Max Eberl

Und wie kam es dann letztlich zur Verpflichtung von Kompany?
„Vinnie war mit Burnley mit 101 Punkten aufgestiegen und dann wieder abgestiegen. Da konnte man die Meinung haben: Der kriegt es nicht hin, der passt sich nicht an. Aber wir sahen das anders. Er hat eine klare Idee vom Fußball. Er wollte in der Premier League gegen die Milliardenkader von Manchester City und Liverpool nicht mit acht Mann hinten drinstehen und auf einen Punkt hoffen. Er wollte Spiele gewinnen, für mich war das ein Pro. Außerdem wusste ich, dass Pep Guardiola Vinnie als seinen Nachfolger auf dem Zettel hatte, wenn er irgendwann als Trainer bei City aufhören würde. In diesen ganzen Gesprächen, in die auch Jan-Christian Dreesen und Herbert Hainer immer involviert waren, habe ich dann vorgeschlagen, dass Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß Pep einfach mal anrufen sollen, weil sie ja ein gutes Verhältnis zu ihm haben. Zwei Stunden nach diesem Telefonat kam die Rückmeldung: ‚Okay, wir machen das!‘“

Und dann?
„Dann bin ich mit Christoph nach Manchester geflogen, zum letzten Gespräch. Um drei Uhr nachts sagte Vinnie: ‚Okay, ich möchte einmal darüber schlafen und mit meiner Frau reden.‘ Ich habe mich auf seine Couch gelegt. Er fragte: ‚Was machst du da?‘ Ich sagte: ‚Uli hat gesagt, ich darf dein Haus erst verlassen, wenn du unterschrieben hast.‘ Da hat er gesagt: ‚Ja, Max, ich mache es. Aber ich muss erst mit meiner Frau reden.‘ Er hat mich dann doch aus der Tür geschoben (lacht).“

Eine Hand führt einen Spielzug beim Tipp Kick aus
„Was der Trainer vorgibt, muss in allen Köpfen ankommen“, sagt Eberl. | © Markus Burke

Gemeinsam mit Kompany und Freund haben Sie seitdem die Mannschaft weiterentwickelt. Dabei halten Sie den Kader bewusst klein. Woher kommt die Überzeugung, dass das funktioniert?
„Zuerst brauchst du eine Idee. Und die darf die Kultur und die Geschichte eines Vereins nie infrage stellen. Die Kultur des FC Bayern heißt: aktiv Fußball spielen, mit herausragenden Fußballern. Und die kosten heute unfassbar viel Geld. Als ich kam, hatten wir 22 Vollprofis, die alle den Anspruch hatten zu spielen. Wir haben entschieden: Wir setzen auf absolute Top-Profis, die uns den Champions-League-Sieg bringen können. Dazu junge Spieler mit Potenzial, die auch Spielzeit erhalten. Das geht aber nur, wenn der Kader klein genug ist und der Trainer weiß: Ich muss diesen Jungen entwickeln, weil ich ihn morgen brauche.“

Sie werden oft als sehr empathisch beschrieben. Aber Sie müssen auch Entscheidungen treffen, die wehtun. Ist Empathie da nicht hinderlich?
„Im Gegenteil. Empathie macht einem noch bewusster, was man da entscheidet, und man hinterfragt sich: Ist das richtig? Aber in meinem Job muss ich auch mal harte Entscheidungen treffen – das gehört zu meiner Aufgabe. Entscheidend ist der Weg dorthin. Gehe ich aus heiterem Himmel zu einem Spieler und sage ihm, dass es vorbei ist? Oder spreche ich vorher mit ihm, gebe ihm Hinweise und sage, das muss besser werden? Das habe ich mir angeeignet. Die Entscheidung muss ich trotzdem fällen – manche Entscheidungen begleiten mich in den Schlaf. Für mich zählt, dass ich in den Spiegel schaue und sagen kann: Das war hart, aber zu diesem Zeitpunkt das Beste für den Verein.“

Das Interview erscheint hier in Auszügen. In voller Länge ist es in der November-Ausgabe des FC Bayern-Magazins „51“ nachzulesen.

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