

Im Grunde genommen hatte Momoko Tanikawa noch gar keine Zeit, ihren Triumph zu begreifen, geschweige denn diesen zu verarbeiten. Am Samstag noch hatte sie mit der japanischen Nationalmannschaft den Asien-Cup gewonnen. Ein Titel von historischer Bedeutung. Für eine junge Spielerin, die sich ohnehin anschickt, ihre eigene Geschichte zu schreiben. Und kaum war dieser verklungen, saß sie bereits im Flugzeug zurück nach Europa.
Am Montag landete sie in München, am Dienstag bereits stand sie im Abschlusstraining auf dem Platz, als hätte es keine Kontinente, keine Zeitverschiebung, keine Erschöpfung gegeben. Cheftrainer José Barcala entschied sich im Old Trafford zu Manchester aber gegen einen Startelfeinsatz, vielleicht aus Rücksicht, vielleicht aus Rationalität. Vielleicht auch, weil er wusste, wie wertvoll sie an diesem Märzabend für die Bayern-Frauen auch von der Bank aus noch werden könnte.
Die Verlässlichkeit einer Ausnahmestürmerin

Zunächst gehörte die Bühne im Theatre of Dreams einer anderen. Pernille Harder, die Konstante im Offensivspiel der Münchnerinnen, eröffnete die Partie mit einer Selbstverständlichkeit, die staunen ließ. Kaum hatte das Spiel begonnen, war es bereits verändert: ein perfekter Laufweg der Dänin, der Steckpass von Arianna Caruso im genau richtigen Moment, der eiskalte Abschluss. 1:0 nach gerade einmal zwei Minuten. Timing, Präzision, Unerschütterlichkeit. Harder lieferte schon sehr früh in der Partie ab. Einmal mehr, mag sich die eine oder der andere auf den Rängen und vor den Fernsehgeräten gedacht haben.
Dass sie später ein zweites Mal traf, war beinahe folgerichtig. Ihr wettbewerbsübergreifend dritter Doppelpack in Serie, ihre Treffer Nummer 47 und 48 in der Königinnenklasse. Damit rangiert sie nunmehr auf Platz vier der ewigen Bestenliste der Torschützinnen, die große Marta (46 Treffer) ließ die 33-Jährige in Manchester hinter sich.

„Es war sehr schön, heute zu gewinnen, vor allem hier im Old Trafford. Wir wussten genau, was für eine schwierige und umkämpfte Partie auf uns zukommen wird. Jetzt müssen wir uns auf nächste Woche fokussieren. Dann wollen wir den Schritt ins Halbfinale machen, mit unseren Fans in der Allianz Arena“, fasste es die Dänin mit einem breiten Grinsen im Gesicht nach der Partie zusammen.
Ein Spiel, das sich der Kontrolle entzog
Dass die Dänin nach dem Hinspiel vom Sieg sprechen konnte, war keineswegs selbstverständlich, brauchte es an diesem Abend doch gleich drei Mal die Führung, ehe man United bezwungen hatte. Der erste Ausgleich durch Maya Le Tissier vom Punkt entsprang keiner zufälligen Verkettung, sondern einem allmählichen Kippen der Kräfteverhältnisse in Durchgang eins. Manchester, getragen von einer Atmosphäre, die das Old Trafford auch an diesem Abend zu entfalten wusste, fand nach dem frühen Schock zunehmend Zugriff.
Die Highlights zum Duell bei Manchester United:
Es war keine ohrenbetäubende Lautstärke, kein überwältigendes Spektakel, sondern eher ein kollektives Drängen von über 7.000 Zuschauerinnen und Zuschauern, das die Gastgeberinnen wachsen ließ. Die Münchnerinnen wirkten in diesen Phasen ungewohnt anfällig, beinahe suchend. Die Selbstverständlichkeit der vergangenen Monate, in denen die Bayern gleich neun Siege in Serie eingefahren hatten, wich einer spürbaren Nervosität: kleine Ungenauigkeiten, fehlende Klarheit und Momente des Zögerns.
Auch die zweite Führung durch Harder brachte keine Stabilität, vielmehr erneuerte sie nur die Dynamik eines Spiels. Der Rückschlag durch Lundkvist war folgerichtig, fast zwingend in seiner Logik. Es war ein Abend der Antworten, nicht der Dominanz. Und doch sollten die Bayern den längeren Atem haben. Allen voran dank Tanikawa und ihrem Geniestreich.

Denn was die Japanerin zeigte, nachdem sie in der 59. Minute eingewechselt wurde, war alles andere als ein klassischer Joker-Einsatz. Tanikawa spielte, als hätte sie nie gefehlt, als hätte der Triumph von Sydney sie nicht ermüdet, sondern geschärft. In der 84. Minute fand dieses Spiel schließlich seinen entscheidenden Augenblick. Der Angriff rollte über links, Franziska Kett legte zurück, und die 20-Jährige nutzte den Raum mit einer Klarheit, die keine Zweifel zuließ. Ein Blick, ein präziser Abschluss ins untere Eck. Plötzlich war alles entschieden.
Ein Sieg, der in Erinnerung bleibt
„Es ist etwas Besonderes, in diesem Stadion gegen Manchester United zu gewinnen“, ordnete Barcala im Anschluss ein. „Der Gegner hat uns an unsere Grenzen gebracht und wir mussten in sehr vielen Situationen sehr gut verteidigen. Ich bin sehr zufrieden, wie die Mannschaft aufgetreten ist und das Spiel angegangen ist. Wir hatten die Qualität und den klaren Plan.“
Neben der Mannschaft war es aber auch Tanikawa, der der Spanier ein besonderes Lob aussprach: „Momoko ist eine außergewöhnliche Spielerin. Sie fühlt sich mit dem Ball auch unter Druck so wohl. Sie hat uns im Ballbesitz viel Konsistenz ins Spiel gebracht, hat nochmal einen neuen Flow ins Spiel gebracht. Wenn sie im letzten Drittel ist und nur ein wenig Raum bekommt, hat sie unglaubliche Qualitäten. Wir sind sehr glücklich, dass sie wieder zurück ist.“

Die Siegtorschützin selbst hingegen zeigte sich bescheiden wie eh und je. „Ich bin sehr glücklich, dass ich meinem Team helfen konnte“, sagte Tanikawa später. „Ich hatte in dieser Situation genug Zeit und Platz. Dann habe ich einfach geschossen und den Abschluss gesucht.“
Das Old Trafford hatte an diesem Abend seine Magie durchaus entfaltet, hatte die Red Devils getragen, hatte das Spiel immer wieder geöffnet und ins Ungewisse gezogen. Doch den letzten Akzent setzten die Münchnerinnen. Und es war ausgerechnet jene Spielerin, die erst wenige Tage zuvor auf einem anderen Kontinent Geschichte geschrieben hatte, die diesem Spiel seine finale Richtung gab.
„Am Ende des Tages haben wir auch zum richtigen Moment das Tor gemacht“, bilanzierte FC Bayern-Präsident Herbert Hainer, der das Team live vor Ort unterstützte. „Es war ein tolles Spiel unserer Mannschaft. Sie haben gekämpft bis zur letzten Minute. Der Sieg war verdient. Und das ist natürlich eine sehr gute Ausgangsposition für das Rückspiel.“

Der Sieg ist ein erster Schritt und zugleich eine Mahnung. „Wir haben erst 50 Prozent erreicht, es ist nur die erste Hälfte gespielt“, erinnerte Barcala. „Jetzt kommt es auf die Details an. Es wird sehr fordernd kommende Woche, deshalb brauchen wir die Energie unserer Fans in der Allianz Arena.“
Noch ist nichts entschieden
Der erste Schritt ist gemacht, doch er ist fragil, offen für jede Wendung. Das Rückspiel im Münchner Norden wird nicht nur über das Weiterkommen entscheiden, sondern auch darüber, ob diese Mannschaft in der Lage ist, ihre Widerstandsfähigkeit zu bestätigen. Die Voraussetzungen sind vielversprechend. Eine große Kulisse kündigt sich an, die Arena hat sich in dieser Saison als verlässlicher Raum erwiesen. „Je mehr Fans nächste Woche dabei sind, desto mehr Energie können wir auf dem Platz geben“, hatte Harder gesagt. Und doch bleibt die Ahnung, dass selbst ein möglicher Halbfinaleinzug – es wäre der erste seit 2021 – nur eine Zwischenetappe wäre. Auf dem Weg zum großen Traum der Bayern.
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🗞️ Der Spielbericht zum Aufeinandertreffen mit Manchester United:
Wir stellen euch Pernille Harder etwas genauer vor:

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