

Vladimir Lucic spielt, das ist kaum zu glauben, seine zehnte Saison für die Bayern-Basketballer – und am Sonntag (16.30 Uhr, SAP Garden) geht er mit ihnen in seine zehnten BBL-Playoffs hintereinander. Vor der entscheidenden Phase der Saison eine persönliche Bestandsaufnahme mit dem 36-jährigen Teamkapitän, der mit den Münchnern bisher je viermal Meisterschaft und Pokal gewann.
Vlado, hinter der Mannschaft liegen exakt 75 Pflichtspiele. Mit Deiner Erfahrung aus einem Jahrzehnt im Verein, wie ordnest Du die bisherige Saison ein?
Vladimir Lucic: „Für mich persönlich war das eine der härtesten Saisons, seitdem ich hier bin; mit all den Themen, die wir zu bewältigen hatten. Dem Trainertausch, dem Wechsel mehrerer Co-Trainer und von Spielern in einer sehr sensiblen Phase der Saison, und vor allem mit einer verrückten Anzahl an Spielen, die wir schon gespielt haben. Doch jetzt haben wir die reguläre Saison in der BBL mit nur fünf Niederlagen und 29 Siegen abgeschlossen, trotz all dieser Hürden. Ich habe eine große Motivation, diese extrem herausfordernde Saison mit dem Titel abzuschließen und erstmals in der Geschichte von Bayern dreimal hintereinander Meister zu werden. Dann wäre es alles wert gewesen, dass wir das alles überstanden haben und als Team zusammengeblieben sind.“
„Wir haben das alles überstanden“
Ohne eine gute Teamchemie wäre das wohl kaum möglich gewesen . . .
„ . . . und das habe ich jetzt auch offen den Trainern gesagt, dass wir uns glücklich schätzen können, dass wir wirklich richtige gute und professionelle Jungs und Persönlichkeiten haben. Ich glaube, wenn wir andere Charaktere hätten, hätte die Saison im Dezember, Januar oder Februar aufgrund der gerade angesprochenen Probleme auch komplett in eine ganz andere Richtung laufen können. Doch wir sind jetzt bereit und motiviert und haben alle das große Ziel Meisterschaft.“
Was hat Svetislav Pesic verändert, seitdem er Ende Dezember als neuer Coach dazustieß?
„Es gibt nicht viele Trainer in Europa und in der EuroLeague, die ein Ansehen haben wie er, wenn sie plötzlich da sind, alles als Boss übernehmen und ihre Entscheidungen treffen. Wir Spieler haben das gespürt, dass da jetzt eine Art Alpha ist und wir ihm folgen sollten. Ganz sicher war es nicht immer einfach, aber wie gesagt haben wir jetzt mit ihm weiter eine große Motivation, am Ende einer sehr langen Saison unbedingt den Titel zu holen.“
Die EuroLeague wurde in der Rückserie positiv beendet, der Pokal davor im Februar aber nicht gewonnen. Wäre es mit dem Threepeat eine gute Saison?
„Der knifflige Punkt für uns Basketballer bei Bayern ist ja, dass wir nicht nur den FC Bayern Basketball repräsentieren, sondern eben auch einen der größten Sportvereine der Welt. Wenn du das Logo siehst, denkst du an die erfolgreichen Fußballer und ihre Mentalität, dass du nicht zufrieden sein kannst, wenn du Zweiter wirst. Ich bin lange genug hier und habe das verstanden: Der Erfolg einer Saison wird an Titeln gemessen. Deshalb finde ich nicht, dass der Gewinn eines einzigen möglichen Titels eine erfolgreiche Saison bedeuten würde. Auf der anderen Seite muss man manchmal auch realistisch auf die Dinge schauen. 29 Siege in der BBL und 17 in der EuroLeague nach einer Saison mit einer sehr schlechten Phase und neun Niederlagen hintereinander – wir waren also bis zum Ende sehr wettbewerbsfähig in der EuroLeague, wo wir aufgrund der Budgets eher als Underdog gelten. Aus dieser Perspektive verlief die Saison bisher okay, aber die andere Perspektive verstehe ich ebenfalls.“
„Mit Pesic haben wir eine sehr große Motivation“
Schaust Du derzeit noch die EuroLeague-Postseason?
„Natürlich, vor allem auf mein früheres Team Valencia (2013 – 2016; d.Red.). Jetzt stehen sie tatsächlich im Final Four, das ist ein unglaublicher Erfolg, wenn man bedenkt, dass niemand sie dort wirklich auf dem Zettel hatte; nicht mal in den Playoffs, geschweige denn auf dem zweiten Platz am Ende der Saison. Sie haben nach den beiden Heimniederlagen großen Charakter als Mannschaft bewiesen, drei Siege hintereinander gegen ein Team wie Panathinaikos sind eine enorme Leistung. Ein Großteil des Verdienstes gebührt natürlich den Spielern, vor allem aber auch Coach Pedro Martínez, mit dem ich in jenen letzten Jahren in Valencia zusammenarbeiten durfte. Das war insgesamt die beste Serie der letzten Jahre.“

Zurück zu Bayern, Coach Pesic hat mit der Rückkehr von Elias Harris und Kamar Baldwin wieder 15 Spieler zur Verfügung. Ein Vorteil?
„Dass Elias zurück ist als deutscher Spieler, ist natürlich richtig gut. Serien können lang sein und er hat zuletzt wieder gezeigt, dass er mit seiner Erfahrung wertvoll sein kann. Und mit Kamar wird die Entscheidung für Svetislav bei den internationalen Spielern vielleicht nicht einfacher, aber das ist doch eher ein Luxusproblem. Wir können alle gebrauchen.“
Welchem Team traust Du eine Playoff-Überraschung zu?
„Schwer, bisher konnte ich nicht wirklich viele Spiele in der BBL sehen neben der Vorbereitung auf unsere jeweiligen Gegner. Und gegen uns ist ohnehin immer alles anders – gegen uns sind die Mannschaften immer im besten Momentum, spielen ihren besten Basketball. Aber Würzburg traue ich schon etwas zu, auch Vechta und Ulm können überraschen, in dem Sinne, dass man ihre Platzierung nach der regulären Saison zugrunde legt. Ich glaube insgesamt, dass diese Playoffs sehr interessant werden.“
Luxusprobleme und Überraschungen
Weißt Du, was am 17. Juni ansteht?
„Ah, ja, ich habe den Kalender gecheckt, da findet das dritte Finale statt . . .“
. . . und Du hast Geburtstag.
„Ja, das wäre natürlich nett, am Geburtstag das Jahr mit einem Sieg und hoffentlich dem Titel zu beenden. Aber das ist noch sehr weit weg und wenn wir am Ende die Meisterschaft holen, würde ich auch gern noch weitere Spiele absolvieren.“
Es wird Dein 37. Geburtstag sein und Du immer noch auf dem höchsten Level dabei – verrückt?
„Puh, keine Ahnung. Ich merke nur, wie die Jahre aufgrund unseres Pensums dahinrasen. In meinem ersten Jahr hier in München wurde ich erstmals Vater, inzwischen sind es drei Töchter. Wenn du so viel Basketball spielst und dich noch um die Familie kümmerst, verfliegt die Zeit, ohne dass du es merkst. Meinem Körper merke ich das gar nicht so an, aber ich sehe meine Mädchen wachsen. Aber wenn du mich vor vier, fünf Jahren gefragt hättest, ob ich mit 37 noch spiele, hätte ich das mit Sicherheit verneint. Doch ich fühle mich gut und hoffentlich kommt nie der Tag, dass jemand morgens zu mir sagt, ich würde ja nur meinen Vertrag absitzen. Ich will dem Team weiter helfen, das ist das Ziel. Wie lange noch? Schauen wir.“
Deine drei Mädchen sind Münchnerinnen, freust Du Dich auf den Sommer mit ihnen in der Stadt oder geht es in den Ferien nach Serbien?
„Ich habe gar keine andere Wahl als den Sommer in München, denn meine älteste Tochter ist in der Schule und der bayerische Schulkalender passt nicht zu meinem mit dem Schuljahr bis Ende Juli. So lange bleiben wir also hier und ehrlich gesagt: Ich genieße mein Leben hier in München sehr, speziell, wenn das Wetter gut ist und du so viel unternehmen kannst – und ich endlich mal Zeit habe, die Stadt, die Natur und die Seen drumherum mit der Familie zu genießen.“
