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Interview über die Meisterschaft, Corona und Rassismus

Boateng: „Wir haben alle den gleichen Fußabdruck“

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Seit neun Jahren trägt Jérôme Boateng das Trikot des FC Bayern. In dieser Zeit hat er unter anderem acht Mal die Meisterschaft gewonnen. Doch das Geschehen auf dem Rasen ist für den Champions League-Sieger von 2013 nicht alles. Im Interview blickt der 31-Jährige über den Fußball hinaus. Das ausführliche Gespräch gibt es in unserem aktuellen Mitglieder-Magazin „51“.

Das Interview mit Jérôme Boateng

Jérôme, ist diese achte Meisterschaft eine ganz besondere für dich, weil du nach schweren Zeiten wieder so stark zurückgekommen bist?
„Jede Saison hat ihre ganz eigene Geschichte. Für mich persönlich gab es auch ein, zwei Meisterschaften, in denen ich wegen Verletzungen keinen so großen Beitrag leisten konnte. Man ist zwar immer ein Teil des Teams, aber es fühlt sich einfach kompletter an, wenn man aktiv auf dem Platz mitwirken kann. Ich hatte jetzt wieder sehr viel Spaß am Fußball.“

Du ernährst dich glutenfrei, machst Yoga und neurofunktionales Training – ist das ein großer Teil des Geheimnisses dieses Jérôme Boateng 2020?
„Die Ernährung ist nichts Neues bei mir, aber ich bin schon seit gut zehn Jahren immer auf der Suche, was ich noch optimieren kann, um meine Leistung zu steigern. Ich kenne meinen Körper inzwischen sehr gut, höre in mich hinein und schaue immer, was weiterhelfen kann. So sind nun eben Yoga und das neurofunktionale Training dazugekommen.“

Wegen Corona war es für alle eine besondere Saison – was denkst du über diesen Einschnitt in unseren Alltag ganz allgemein: Hat Corona deine Sicht auf das Leben verändert?
„Ich denke, jeder hatte mal Zeit, über sich und das Leben etwas gründlicher nachzudenken: Wie lebe ich eigentlich? Kann man da nicht etwas ändern? Wir sollten nicht alles immer als selbstverständlich hinnehmen. Wenn man dieser Krise etwas Positives abgewinnen will, dann vielleicht, dass der eine oder andere hoffentlich wach geworden ist, sich hinterfragt hat und sich mal überlegt, was er für eine Rolle in dieser Welt spielen möchte.“

Und nicht nur Corona hat in den Fußball hineingespielt. Du warst deiner Zeit im Kampf gegen Rassismus schon immer voraus – schockiert es dich, dass dieser Dämon Mitte 2020 mit so einer Macht zurückgekehrt ist?
„Es ist eine sehr besorgniserregende Entwicklung. Ich denke, für viele ist es schwer, nachzuempfinden, was für ein Schmerz ausgelöst wird, wenn man wegen seiner Hautfarbe oder auch wegen seiner Religion anders behandelt wird. Ich denke, es fängt alles mit der Erziehung an: Kein Mensch wird als Rassist geboren. Wenn du mit Hass aufwächst, den dir deine Eltern vielleicht vorleben, ist es schwer, aus diesem Kreislauf herauszukommen. Vielleicht sollte man dieses Thema in den Lehrplänen an den Schulen mehr aufgreifen; nicht als eigenes Fach, aber einfach gründlicher in der Auseinandersetzung. Menschen sehen unterschiedlich aus, sonst wäre es ja langweilig. Aber wir haben alle das gleiche Blut in unserem Körper, und wenn wir in den Sand treten, bleibt da auch immer der gleiche Fußabdruck.“

Im November 2018 erschien erstmals dein Magazin „Boa“. Das Kernthema war damals mit Blick auf eine Nation, die die Flüchtlingsthematik aufwühlte: „Deutschland, was ist los?“ Wie lautet deine Antwort auf die gleiche Frage eineinhalb Jahre später?
„Dass sich diese Frage einem weiterhin stellt. Ich denke, man muss mehr machen. Bei Rassismus nicht wegschauen. Zivilcourage ist für eine funktionierende Gesellschaft gerade in diesen bewegten Zeiten vielleicht wichtiger denn je. Ich sagte damals, die Leute stecken die Menschen wieder mehr in Schubladen: Deutsche und Migranten, Schwarze würden skeptischer angeschaut, obwohl sie Deutsche sind. Das ist auf jeden Fall nicht besser geworden.“

Einen Unterschied zu 2018 gibt es allerdings: Der Sport nimmt seine gesellschaftliche Verantwortung so langsam mehr und mehr wahr.
„Ja, das empfinde ich auch so und das ist gut so. Gerade nach den extremen Bildern aus den USA sagen alle: Jetzt ist es genug! Wir müssen dagegen steuern! Sportler haben eine große Reichweite, und es gehört bei einem Vorbild dazu, dass man Verantwortung übernimmt.“

Seit 2011 spielen Jérôme Boateng und David Alaba gemeinsam beim FC Bayern. Beide verstehen sich sehr gut und engagieren sich für soziale Projekte.

Wie siehst du die Initiative „Rot gegen Rassismus“ deines Vereins?
„Das ist ein wichtiges Zeichen in der ganzen Branche, mit dem der FC Bayern als globale Marke ein Signal gesetzt hat, das um die Welt geht. Wenn einer der größten Klubs dieser Erde so eine Botschaft aussendet, kommen diese Bilder überall an. Es war genau der richtige Ansatz, und ich hoffe, dass das auch ein Vorbild für andere Vereine ist. Es war auch zu 100 Prozent richtig, sich als ganzer Klub an der Seite der „Black Lives Matter“-Bewegung zu positionieren.“

Du hast angekündigt, dass du dich in Zukunft für antirassistische, integrative Projekte mit Kindern engagieren möchtest. Sind Kinder der Schlüssel zu einer offenen Gesellschaft?
„Kinder sind die Zukunft. Ich bin in Gesprächen, was man in dieser Hinsicht aufbauen kann. In vielen Familien müssen beide Eltern arbeiten, gerade, wenn man neu in Deutschland ist. Da haben die Kinder nicht den Rückhalt zuhause, den sie brauchen. Es sollte mehr Organisationen geben, die sie unterstützen beim Erlernen der deutschen Sprache, bei Aufgaben in der Schule, und ihnen Werte vermitteln. Es ist wichtig, die deutsche Kultur zu verstehen, wenn du hierherkommst. Ich finde es nicht richtig, wenn Menschen nach Jahren in Deutschland noch nicht die Sprache können.“

Was empfindest du, wenn Serge Gnabry sagt: „Ich fühle mich wohl in meiner Haut!“
„Das ist ein schöner Satz und genau das, was ich versuche, meinen Töchtern mitzugeben. Auch meine Eltern haben mir das vermittelt.“

Die ungekürzte Fassung könnt ihr im aktuellen 51 lesen. Hier findet ihr außerdem unter anderem ein Interview mit FCB-Präsident Herbert Hainer und einen Rückblick auf die lange Karriere von Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt beim FCB:

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