

Es war einer jener Abende im Münchner Norden, an denen sich der Fußball seiner eigenen Dramaturgie bedient. Abende, an denen Geduld nicht nur eine Tugend ist, sondern zur Voraussetzung für Größe wird. Die FC Bayern Frauen erlebten an diesem ersten April gegen Manchester United exakt einen solchen Abend. Dieses Rückspiel in der Königinnenklasse verlangte der Elf von José Barcala vieles ab, vielleicht sogar so viel wie nie zuvor in dieser Saison. Am Ende aber stand die glückliche Erlösung: Dank eines 2:1 (0:1)-Heimspielsieges vor 25.000 Fans in der Allianz Arena, und dem 3:2-Erfolg aus dem Hinspiel in Manchester, ziehen die Münchnerinnen ins Halbfinale der Champions League ein. Der Gegner dort: Real Madrid oder der FC Barcelona.

Doch zurück zur magischen Europapokalnacht in Fröttmaning: Was lange währt, wird gut. So lautet diese schlichte Redensart. Und was sich an diesem Abend in der Allianz Arena entfaltete, war allen voran im zweiten Durchgang mehr als „gut“. Die Münchnerinnen zeigten nicht nur, dass sie auch in solch großen Spielen bestehen können. Die Bayern bewiesen vielmehr, dass sie auf dieser großen europäischen Bühne mittlerweile mehr als zuhause sind. Direktorin Bianca Rech brachte es nach den 90 Minuten auf den Punkt: „Heute war der FCB-Standard mal wieder da. Wir haben uns einen kleinen Traum erfüllt – den Schritt zurück ins Halbfinale, für den wir jahrelang hart gearbeitet haben.“
Die Unruhe des frühen Rückschlags

Der Abend begann für die Bayern anders als erwartet, als erhofft. United startete mit jener Entschlossenheit in die Partie, die man von einer Mannschaft erwartet, die ein Hinspiel mit 2:3 verloren hatte und nichts mehr zu verlieren glaubt. Der frühe Treffer durch Melvine Malard traf die Münchnerinnen, die Skinner-Elf überraschte, agierte weit offensiver und mutiger als sie es noch im Hinspiel tat. Ein langer Ball, ein Zögern, ein Fehler im Raum des FCB. Die Französin im Dress der Red Devils musste nur noch einschieben.
Und plötzlich lag ein leises Raunen über der Allianz Arena. Denn das Tor stellte den Ausgang dieses Mittwochabend infrage. Und die Engländerinnen, sie blieben aggressiv, wach. Carolin Simon sagte später mit einem Hauch von Erleichterung: „Vielleicht war es gar nicht schlecht, dass wir 0:1 hinten lagen, weil wir dadurch etwas ändern und proaktiver werden mussten.“
Ballbesitz, aber kein Durchkommen

Die Münchnerinnen reagierten, doch sie fanden zunächst keinen Ausdruck für ihre Reaktion. Sie kontrollierten zwar den Ball, aber nicht das Spiel. Die erste Halbzeit geriet so zu einem Ringen um Ordnung. Vielleicht, so schien es teilweise, waren die Bayern ob der persönlichen Champions-League-Rekordkulisse von 25.000 Zuschauern auch ein wenig gefasst. Es war, als lastete die Größe des Moments schwer auf den Schultern von Giulia Gwinn, Franzi Kett und Co. Die wenigen Chancen in Durchgang eins – etwa jene von Vanessa Gilles nach Standards – blieben Randnotizen. Zur Pause stand es folgerichtig 0:1. Und alles war offen.
Die zweite Halbzeit: Ein Statement

Doch dann, in Durchgang zwei, kippte die Partie mehr und mehr zugunsten der Hausherrinnen. Teils 90 Prozent Ballbesitz, die Partie spielte sich in der Anfangsviertelstunde des zweiten Durchgangs nahezu nur noch in der Hälfte der Engländerinnen ab, fast so, als hätte Schiedsrichterin Tess Olofsson eine Grenze gezogen.
Die 25.000 Zuschauer wurden nun mehr und mehr zum Rückenwind. Die Münchnerinnen spielten mit einer anderen Konsequenz: ein Spiel auf ein Tor, ein permanenter Druckzustand. Manchester wurde zurückgedrängt und eingekesselt. Aber sie parkten den Bus vor dem Tor. Und so blieb das Entscheidende vorerst aus.
Vorerst kein Durchkommen

Denn so groß die Überlegenheit auch war, sie traf auf eine Defensive, die sich dem Moment widersetzte. United um Kapitänin Le Tissier agierte tief, eklig, eng, leidenschaftlich. Pernille Harder fand Möglichkeiten, aber keine Vollendung (54., 59.). Giulia Gwinn kam zum Abschluss, doch auch sie fand kein Durchkommen (76.). Mit jeder verstrichenen Minute wuchs die Dringlichkeit und auch die leise Ahnung, dass dieser Abend in die falsche Richtung abbiegen könnte. Doch die Bayern ließen keinen Platz für jenen Gedanken und belohnten sich spät.
Die Stunde der Kapitänin
Lange, genauer gesagt bis zur 80. Minute, mussten sie warten. Standardsituation. Das können die Münchnerinnen doch, mögen die Zuschauer im Münchner Rund gedacht haben. Carolin Simon trat zur Ecke an, nahm Maß. Der Ball segelte in den Strafraum und dort erhob sich Glódís Viggósdóttir. Die Kapitänin traf entschlossen per Kopf zum Ausgleich. Die Allianz Arena tobte, und dem ein oder anderen kam es so vor, als habe er diesen Moment schon einmal erlebt.

Der Gedanke an späte Treffer, an Spiele, in denen genau sie als Kapitänin die Verantwortung übernahm. Da war doch was im vergangenen November, als die Nummer vier der FC Bayern Frauen ebenfalls für die Entscheidung sorgte, zum 3:2 gegen Arsenal traf. Natürlich auch kurz vor Schluss, wie sollte es auch anders sein. Viggósdóttir sagte im Anschluss selbst: „Das ist der nächste Schritt, den wir in den letzten Jahren nicht gehen konnten, ein großer Schritt für uns.“ Den Grundstein für diesen Moment hatte sie mit ihrem Team auch im Training gelegt. „Caro hat einen unglaublichen linken Fuß, sie kann den Ball dorthin legen, wo sie will, mit viel Tempo“, erklärte die Innenverteidigerin. „Für uns geht es dann eigentlich nur noch darum, den Kopf hinzuhalten.“
Die Vollendung
Und plötzlich war alles in Bewegung. Manchester wankte. Die Ordnung im Stil der Red Devils bekam Risse. Vier Minuten später fiel die Entscheidung. Wieder war es ein Ball, der nach einer Ecke nicht endgültig geklärt werden konnte. Der Abpraller landete bei Linda Dallmann. Und sie tat, was große Spielerinnen in solchen Momenten tun: Sie zögerte nicht. Ein Abschluss, der Ball unter der Latte, das Spiel entschieden. „Es war für uns als Mannschaft, für die Spielerinnen und das Trainerteam eine Belohnung“, sagte sie später.
Gliechzeitig war es aber auch das Finale eine Partie, die lange nach Verlängerung ausgesehen hatte. Gegen 20:35 Uhr erhoben sich die 25.000 Zuschauerinnen und Zuschauer, applaudierten, die Münchnerinnen ließen sich gebührend vor der Südkurve feiern. Dieses Spiel hatte Geduld verlangt. Es hatte Widerstand gefordert. Und es hat gezeigt, dass sich beides auszahlen kann.
Die Runde der letzten Vier

In der Summe steht ein 5:3 über zwei Spiele. Allen voran das Rückspiel war aber auch ein Beweis für die Reife der Mannschaft von José Barcala, für ihre Fähigkeit, Rückschläge hinzunehmen und im entscheidenden Moment zu liefern. „Ich bin so stolz auf die Spielerinnen, so stolz auf das Team – wir alle haben es alle verdient, im Halbfinale zu stehen.“ Es ist der dritte Einzug in die Vorschlussrunde, nach 2018/19 und 2020/21 stehen die Bayern einmal mehr im Halbfinale. Dort wartet in drei Wochen erneut Spanien, der FC Barcelona oder Real Madrid. Die Katalaninnen gewannen das Hinspiel deutlich mit 6:2, am Donnerstagabend empfangen sie im Camp Nou das Weiße Ballett zum Rückspiel.
Unabhängig davon, wer den Bayern am Ende entgegen steht, weiß: Dieses Team definiert sich nicht über den Gegner. Sie definieren sich über ihre Haltung und Bereitschaft. Genau das meinte Bianca Rech im Anschluss an die Partie auch, als sie sagte: „Alles, was jetzt kommt, ist ein wenig wie ein Zusatz. Und genau daran müssen wir glauben, dass wir dies schaffen können.“
🗞️ Der Spielbericht zum Aufeinandertreffen mit Manchester United:
Wir stellen euch Momoko Tanikawa etwas genauer vor:

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