

Als Frauenfußball noch verboten war, stellte der FC Bayern via Zeitungsannonce ein Team zusammen – Anstoß einer Erfolgsgeschichte: 1976 feierte der Verein seine erste Deutsche Meisterschaft. Anlässlich des 50. Jubiläums trafen sich die Heldinnen von einst – Pionierinnen, die sich nicht von ihrem Weg abhalten ließen und sogar bis nach Aserbaidschan vorstießen.
Der Fan im Wiesn-Trikot des FC Bayern stutzt kurz, schaut genauer hin, dann fasst er sich ein Herz und erkundigt sich in der Runde: „Seid ihr nicht die Frauenmannschaft, die 1976 die Meisterschaft gewonnen hat?“ Freilich, lautet die Antwort, und sofort bittet der Fan um ein gemeinsames Erinnerungsfoto. Die Heldinnen von einst sind vom Verein anlässlich ihres Jubiläums 50 Jahre nach dem ersten Titelgewinn zum letzten Heimspiel an den FC Bayern Campus eingeladen worden. „Diese Frauen waren Pionierinnen“, sagt Präsident Herbert Hainer, der das Team vor dem Anpfiff mit der Frauen-Direktorin Bianca Rech auf dem Rasen ehrt. „Ihr seid ein ganz wichtiger Teil unserer Familie.“

Karin Danner, die langjährige FCB-Managerin, hat die Mannschaft zusammengetrommelt, teilweise in Detektivarbeit. Das letzte Mal hatte man sich vor 25 Jahren an der Säbener Straße getroffen. „Bei uns lag plötzlich ein Zettel mit der Einladung im Briefkasten“, erzählt Christl Süß, einst Kapitänin der Meistermannschaft: „Ich hab mich wahnsinnig gefreut – das ist einfach der FC Bayern, dass der Verein so was organisiert.“ Schon am Parkplatz am FC Bayern Campus herrscht ein lautes Hallo beim ersten Wiedersehen, wie bei einem Klassentreffen, der einhellige Tenor lautet: „Des wird heut lustig!“
Beckenbauer: „Bringt den Pokal mit!“
Es ist eine Mannschaft, die Geschichte geschrieben hat – und die voller Geschichten steckt. Christl Süß beispielsweise machte sich 1970 nicht allein auf, als der FC Bayern mit einer Annonce in der Zeitung Frauen aufgerufen hatte, sich zur Bildung eines Teams an der Säbener Straße einzufinden: Mit dabei war auch Traudl Langer, ihre Zwillingsschwester. „Wir waren früher zwölf Kinder – sechs Mädels, sechs Buben –, und wir haben immer Fußball gespielt, auf der Wiese vor dem Haus“, erzählt Traudl. „Als der FC Bayern eine Mannschaft zusammenstellte, waren wir schon verheiratet und hatten selber Kinder – aber freilich wollten wir dabei sein.“ Aus rund 80 Frauen wurde aussortiert, binnen weniger Wochen stand eine Mannschaft. „Wir haben dann alles gewonnen“, erzählen die Zwillinge. 1975 wurde Bayern Vizemeister, 1976 folgte der Titel.

Das entscheidende Spiel am 20. Juni gegen Tennis Borussia Berlin fand an einem Sonntag statt, im Siegener Leimbachstadion, schwülwarm war es. Die Frauen waren im Mannschaftsbus der Männer angereist, Franz Beckenbauer hatte sie noch persönlich an der Säbener Straße verabschiedet: „Kommt’s mit dem Pokal heim!“ In der Verlängerung ebnete das 3:2 durch Inge Mayerhofer den Weg zum 4:2-Erfolg, die damalige Mittelstürmerin erinnert sich noch genau – denn alles war einstudiert. „Wir haben diesen Spielzug im Training immerzu geübt: Unser Libero verlagert, Flanke aus dem rechten Halbfeld – und ich bin mit dem Kopf zur Stelle. Alles kein Zufall.“
Inge Mayerhofer war im Sommer zuvor aus Waldkraiburg abgeworben worden – weil sie im Ruf stand, Tore zu machen. Von klein auf hatte sie immer mit Jungs gespielt: Fußball, Klettern, Abenteuer. Im Hof gab es ein Blechtor, gegen das sie kickten, und je lauter es schepperte, desto besser. Einmal nahm sie sich fest vor, den Ball 500-mal hochzuhalten. Sie übte drei Wochen, dann schaffte sie es. „Die nehmen wir mit“, sagten die Bayern damals nach einem Testspiel, doch es musste alles passen: Zufälligerweise wurde sie gerade zu der Zeit während ihrer Ausbildung nach München versetzt, nachts um 21.30 Uhr fuhr sie Trainer Fritz Bank zum Münchner Ostbahnhof, ihre Mama holte die 19-Jährige vom Zug ab, und morgens ging es wieder in die Landeshauptstadt. Viel Aufwand, „aber wenn Bayern ruft, was soll man machen“, sagt sie lachend. „Bayern ist Bayern.“

Sie waren damals eine verschworene Gemeinschaft, erzählt Inge Mayerhofer, auch privat: „Man sagt immer, der FC Bayern ist Familie – wir waren eine Familie. Mir ist auch heute das Herz aufgegangen, als ich hergefahren bin.“ Sissy Raith habe bei größter Hitze besonders aufgedreht, erinnert sie sich, „Wirbelwind mit hochrotem Kopf“, und Christl, bei der sie damals oft übernachten durfte, habe als Spielmacherin immer wieder gesagt: „Jetzt schlag ich wieder a Passerl für euch!“ Einmal saß Inge mit Karl-Heinz Rummenigge zusammen bei einem Interview, noch heute weiß sie die Aufregung: „Was sollte ich anziehen? Man wollte ja einigermaßen ausschauen da im Fernsehen. Es waren ganz großartige Zeiten, es war nie wieder so wie damals bei Bayern.“
Ein Schaf für Bedürftige
Sissy Raith war damals mit 15 Jahren die Jüngste im Team. Im Alter von sechs hatte sie gesagt: Ich will Nationalspielerin werden – dabei gab es damals noch gar keine DFB-Auswahl. „Das war mir egal. So wie andere zum Ballett sind, bin ich zum Fußballplatz“, erzählt sie, und blöde Sprüche ließen sie kalt. „Was man sich damals alles anhören musste – man hätte sich schämen sollen. Aber mir hätte man alles sagen können: Ich wollte etwas – und das war Fußballspielen!“ Sissy Raith hat von allen 76er-Spielerinnen die außergewöhnlichste Reise gemacht; sie wurde Trainerin, ihr Weg führte sie nach Aserbaidschan – und natürlich wurde sie auch noch Nationalspielerin, 58-mal war sie von 1983 bis 1991 für den DFB am Ball.

Sie habe immer ihre Mühe mit dem Wort Stolz, sagt sie, aber mit Blick auf 1976 sei der Begriff nicht ganz verkehrt. Damals war ihnen gar nicht so bewusst, dass sie Geschichte schreiben würden, dass sie etwas anstoßen würden, stattdessen habe man einfach Tag und Nacht auf den Titel hingearbeitet – „und als wir ihn hatten, habe ich mich gefreut wie ein Schnitzel“. Ihr Papa war ein guter Fußballer, ihre Mama sagte immer, sie sehe ihn in ihr, „ich hatte Kondition für zwei Spiele und war beidfüßig – Fußball war mein Traum“. All das wollte sie weitervermitteln, begann später als Assistentin bei Peter König bei den FC Bayern Frauen, trainierte das Team dann selbst vier Jahre, arbeitete beim Bayerischen Fußball-Verband, coachte ein Männer-Team in die Landesliga – und erhielt 2010 einen Anruf von Berti Vogts, damals Nationaltrainer Aserbaidschans; drei Jahre half sie dann, am Kaspischen Meer den Mädchen- und Frauenfußball zu entwickeln.
In der Hauptstadt Baku kam sie mit zwei Koffern an, reiste kreuz und quer durchs Land, von der iranischen Grenze im Süden („50 Grad im Schatten“) bis zum Kaukasus bei Dagestan im Norden. Jeder Wunsch wurde ihr erfüllt, und ihre Geschichten könnten ein ganzes Buch füllen. „Einmal hieß es, wir müssen jetzt ein Schaf schlachten, das bringe Glück – alle müssten einmal drübersteigen“, erzählt sie. „Das Fleisch wurde dann an arme Menschen verteilt, in dem Fall an das Hotelpersonal.“ Sissy Raith hat die Entwicklung des Frauenfußballs seit 1976 in vielen Facetten durchlebt – und ist heute begeistert, was beim FC Bayern alles passiert: Beim Champions League-Halbfinale gegen den FC Barcelona saß sie in der Allianz Arena („unter 31.000 Zuschauerinnen und Zuschauern – unglaublich“), und der Erwerb des Unterhachinger Sportparks für die Frauen „geht in die absolut richtige Richtung. Es ist toll, was alles passiert.“
Fotos mit Giulia Gwinn

Auch bei ihrem Besuch heute am Campus haben sie wieder einmal live gesehen, wie sich beim FC Bayern alles weiterentwickelt hat. Christl und Traudl treffen nach der Partie gegen Frankfurt Giulia Gwinn und Katharina Naschenweng auf dem Rasen, machen gemeinsame Fotos mit ihrem Pokal von 1976 und der aktuellen Meisterschale. Auch Trainer José Barcala kommt für einen Handschlag vorbei. „Wir werden jetzt eine Woche brauchen, um das alles zu verarbeiten“, sagen sie, als sie später im Clubheim *1900 noch das Männerspiel gegen Wolfsburg verfolgen – und weiter in Erinnerungen schwelgen. Dass Anfang der 70er Frauenfußball vom DFB verboten war, „war einfach lächerlich“, sagen sie kopfschüttelnd, „das kann man heute ja kaum glauben – umso toller ist es, dass der FC Bayern schon damals trotzdem eine Mannschaft aufgestellt hat“.
Ihre Töchter saßen damals bei Beckenbauer in der Vereinsgaststätte auf dem Schoß, nach ihren abendlichen Trainingseinheiten hatten sie oft noch Fußballtheorie im Salvatorkeller bis 23 Uhr, mit Sepp Maier spielten sie später Tennis, und neulich, zu ihrem 80. Geburtstag, bekamen sie zwei FCB-Trikots geschenkt, Nummer 8 und 11, wie damals: „Wir haben zu unserer Zeit kein Geld bekommen - aber wir möchten nicht tauschen mit heute.“ Wer braucht schon Prämien, wenn die Erinnerungen unbezahlbar sind? Ohne Gestern gäbe es kein Heute – und schon gleich gar kein Morgen. Von Pionierinnen zu Profis, von Widerstand zu Weltklasse: Was einst belächelt wurde, füllt heute Stadien. Die Zukunft der FC Bayern Frauen trägt viele Namen – aber sie steht auf den Schultern der Heldinnen von 1976.
Der Text erschien in der Sommer-Ausgabe des FC Bayern-Mitgliedermagazins „51“.
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