
In der Halle ist er erstmals Ende August wieder mit dem orangefarbenen Ball zu sehen gewesen. Der innere Zirkel der Bayern-Basketballer sah Paul Zipser bei ersten Läufen, bei ersten Dribblings, vorsichtigen Würfen. Ein wundersamer Anfang.
Seit rund zwei Wochen befindet sich der Nationalspieler nun auf dem vielleicht vorletzten Level, bevor es irgendwann diesen Winter wirklich wieder ins Teamtraining mit Andrea Trinchieri gehen könnte. Im sogenannten kontrollierten Kontakt tastet sich der 27-Jährige gerade wieder heran an das reale Spiel, das er so liebt.
Jetzt, im späten November 2021, redet Paul Zipser noch nicht über ein mögliches Comeback nach überstandener Hirn-OP. Es wird passieren, wenn es passieren soll, er sagt: „Abgesehen vom (richtigen) Kontakttraining fehlen jetzt noch ein paar Sachen, aber das ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit.“
„Meine Reha ist wirklich eine Achterbahnfahrt: stetig aufwärts, dann eine Woche zurück“
Zipser sagt das in OPEN COURT, dem Podcast der Bayern-Basketballer, dort erzählt er erstmals von seiner sehr persönlichen Geschichte, anderthalb Stunden lang. Es ist eine unglaubliche Geschichte und er wollte sie jetzt erzählen: „Mir ging es am Anfang darum, dass viel erstmal privat bleibt und andere Sachen im Vordergrund stehen. Aber jetzt ist der Zeitpunkt, dass ich mich so gut fühle, dass ich darüber reden will.“
Die Öffentlichkeit hat diesen lange vermissten, optimistischen und so ultragelassenen Paul Zipser zuletzt schon ein paar Mal direkt vor den Spielen des EuroLeague-Viertelfinalisten im Audi Dome trainieren sehen; mit Emilio Kovacic, dem Individualcoach des FCBB. Der Kroate ist sein kundiger Wegbegleiter, sein Aufbauhelfer, Antreiber und auch Entertainer. Denn Zipsers Weg ist sehr weit und beschwerlich.
„Meine Reha ist wirklich eine Achterbahnfahrt: stetig aufwärts, aber immer wieder auch mal eine Woche zurück“, sagt Zipser. Ein paar Sprüche sind da manchmal ganz hilfreich.
Und so berichtet Paul in OPEN COURT von den plötzlichen Gleichgewichtsproblemen und Kopfweh vor dem vierten Playoff-Halbfinale am 4. Juni 2021, bei dem er zunächst ein bisschen auf dem Rad radelt und dann doch den Kollegen zuschaut, wie sie ins Finale einziehen:
„Ich habe irgendwann gemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmt. (…) Zusammen mit den Kopfschmerzen hat sich das zunächst alles so angehört, als hätte ich eine Migräne. (…) Ich habe dann aber kurz vor dem Spiel gemerkt: Das funktioniert nicht. (…) Dann wache ich morgens auf und habe Taubheitsgefühle. (…) Ich habe den Doc angerufen und gesagt: Das kann jetzt nicht richtig sein. (…) Ab dem Zeitpunkt, als ich dann mit dem Auto abgeholt wurde, habe ich komplett auf Schlafmodus gestellt: Ich will die Augen zu machen, ich will nur liegen und fertig.“
„Das war am Ohr, am Kleinhirn, schon eine beschissene Stelle“
Am Tag nach dem Münchner Finaleinzug werfen Teamarzt Sebastian Torka und Geschäftsführer Marko Pesic also das vielgerühmte Ärztenetzwerk der Bayern an. Die Diagnose ist ein Schock: eingebluteter Hirntumor am Hirnstamm, ein sogenanntes Cavernom.
„„Die Operation in dem Bereich ist wirklich hoch-, hochkompliziert, selbst die allerbesten Operateure der Welt kommen da an ihre Grenzen.“”
Teamarzt Sebastian Torka über die Hirn-OP bei Paul Zipser
Paul bekommt das alles erklärt, er erinnert sich: „Wir haben im MRT ein paar Tests gemacht (...) und dann war eigentlich klar: Ok, da wäre jetzt eine OP vonnöten.“
Auch Doktor Torka kommt bei OPEN COURT zu Wort, er referiert: „Das ist ein sehr sensibler Bereich am Hirnstamm, da liegt unter anderem das Zentrum für die Koordination, für die Atmung, das Sehen – das macht das Ganze so gefährlich. (…) Die Operation in dem Bereich ist wirklich hoch-, hochkompliziert, selbst die allerbesten Operateure der Welt kommen da an ihre Grenzen. (…) Der Worst Case wären bleibende Schäden gewesen (…), beim Atemzentrum...“
Wären. Alles ging gut. Ein Meisterwerk, diese heikle OP, bei der wirklich alles auf dem Spiel stand: Prof. Dr. Bernhard Meyer, Direktor der Neurochirurgischen am Münchner Klinikum rechts der Isar, gelingt „ein exzellenter Job“, urteilt Kollege Torka. Das weiß auch Paul:
„Am Abend vor der OP – das war schon auch emotional. Ich hatte schon ein bisschen Angst“
„Das war am Ohr, am Kleinhirn, schon eine beschissene Stelle. (…) Eine angeborene Fehlbildung. Dort sind im Gehirn einfach mehrere Zentren, die für verschiedene Sachen zuständig sind; bei mir war es die Koordination, die ganze rechte Seite war von Anfang an sehr betroffen (…) Die OP hat ein bisschen länger gedauert als eigentlich geplant. Weil er versucht hat, wirklich den kleinsten Tropfen Blut irgendwie zu finden und rauszubekommen.“
Paul Zipser wurde an jenem Tag operiert, als die Bayern in die im Rückblick doch nicht lebenswichtige Endspielserie gegen Berlin gingen. Marko Pesic hatte das Team vor der Abreise in die Hauptstadt detailliert in der Kabine informiert – und Paul hat vom leichten Ausnahmezustand zu diesen Momenten später erfahren: „Die Spieler haben halt Bescheid bekommen, von Marko und den Ärzten, und da ist es dann nicht allen so gut gegangen, das habe ich dann mitbekommen.“
Nur Paul, so wirkt es während seiner reflektierten Rückschau in OPEN COURT, hatte offenbar keine Todesangst, allenfalls ein wenig:
„Die ersten zwei Tage hatte ich keine Angst, aber du weißt dann natürlich: Ab Mittwoch wird sich erstmal alles verändern. Ich hab‘ ja schon ein paar OPs gemacht, aber den Abend davor – das war schon auch emotional. Ja, da hatte ich schon ein bisschen Angst.“ (…) Ich wusste aber, dass ich die perfekten Rahmenbedingungen habe: den perfekten Arzt, das perfekte Team drumherum; ich weiß, dass ich ein gesunder Athlet bin im besten Alter – wenn also irgendjemand sowas übersteht, dann habe ich die optimalen Voraussetzungen.“
„Wo Paul jetzt steht, ist der Wahnsinn für das, was er durchgemacht hat“
Eine Lungenembolie noch, Aufenthalt auf der Intensivstation, auch das überstanden – und dann kehrt Paul im Sommer 2021 ganz langsam ins normale Leben zurück, auf unsicheren Beinen: Zipser berichtet von seinem Zustand nach der OP („Das Erste, an was mich erinnern kann, war, dass ich mich auf die Seite drehen sollte – das hat sich damals für mich angefühlt, als würde es drei Stunden dauern“), vom Start der Reha im Medical Park in Bad Wiessee, wo er allmählich wieder seinen Körper in Betrieb nimmt, es jedenfalls versucht:
„Selbst in der Halle am Anfang, wenn wir was Neues getestet haben und ich meinen Kopf drehen sollte - da bin ich einfach hingeflogen. (…) „Es sind zehn, 15 Sachen, auf die ich jetzt achten muss: den Ball fangen, den Ball rüber nehmen, ein Dribbling, den Wurf und so. Normalerweise denke ich aber nur eine Sache: Oh, ich bin frei, ich werfe!“
„„Basketball ist auf jeden Fall kleiner für mich (…) Gesundheit IST die Nummer eins, alles andere kommt auf Platz vier bis weiter runter. Das habe ich gelernt.“”
Paul Zipser
Doch Paul schuftet ungerührt, er funktioniert auch im Status des Hirn-OP-Patienten wie ein Profisportler und mit Zipser’scher Zuversicht: „Nach der OP war erst mal die Ansage: Ich versuche, meinen Alltag überhaupt hinzubekommen. Vergiss Basketball, (…), dass ich erst mal so keine Probleme habe. Wie ich aber merkte: Da komme ich immer besser hin und wie schnell das auch ging, (…) da wurde mir mehrmals gesagt: Krass, das hätten wir niemals gedacht! (...) Ich habe niemals daran geglaubt, auch jetzt nicht, es könnte nicht zu 100 Prozent alles wiederkommen.“
„Es gibt noch mal andere Leute, denen es viel schlechter geht“
Dr. Torka fasst heute das allgemeine Erstaunen in Worte: „Wo Paul jetzt steht, ist der Wahnsinn für das, was er durchgemacht hat. Riesenrespekt an Paul, (…), wie er sich in der Reha immer neu motiviert hat. (…) Man muss ja viele Sachen wieder und neu lernen.“
Ein knappes halbes Jahr ist die Schicksalsdiagnose jetzt her, das schnelle Handeln von allen Beteiligten, die intuitiv-professionelle Geistesgegenwärtigkeit, die millimeterfeine Präzisionsarbeit der Mediziner. Paul Zipser dankt allen dafür „und ein Wort wäre da zu wenig“. Seinen Eltern und seiner Schwester sowieso und nicht zuletzt seiner Frau Mira, die mit ihm in Bad Wiessee einzog und alles mitmachte: „Das hat uns auf jeden Fall näher zusammengebracht. Sie hat mir alles abgenommen, irgendwann wollte ich das nicht mehr. (…) Aber sie hat mich wirklich sehr gut gepflegt, muss ich sagen.“
Doch es haben sich auch Perspektiven verschoben für jemanden, der vergangene Saison den besten Basketball seiner Karriere spielte, der das Pokalfinale zugunsten der Bayern als Topscorer mitentschied, der quasi auf dem Krankenbett für drei weitere Jahre bei den Bayern unterschrieb.
Paul Zipser sagt: „Basketball ist auf jeden Fall kleiner für mich. Das heißt nicht unwichtig, aber wenn’s nicht laufen sollte, könnte ich das wohl auch schneller vergessen. (…) Ich gehe jetzt sicher auch mit Menschen anders um (…) Ich glaube, ich bin noch gelassener geworden durch diese ganze Geschichte. Ich habe eine andere Perspektive als sonst. (…) Ich denke mir, es gibt noch mal andere Leute, denen es viel schlechter geht. (…) Gesundheit IST die Nummer eins, alles andere kommt auf Platz vier bis weiter runter. Das habe ich gelernt.“
OPEN COURT
ist der offizielle Podcast des FC Bayern Basketball. Gastgeber ist Basketball-Experte, Podcast-Host und Kommentator André „Dré“ Voigt. OPEN COURT wird präsentiert und unterstützt von FCBB-Hauptsponsor BayWa.
Das Audio-Format des FCBB bietet seit März 2021 regelmäßig hintergründige, authentische und unterhaltende Einblicke hinter die Kulissen des fünfmaligen deutschen Meisters, befasst sich zudem mit gesellschaftsrelevanten Themen, der BBall-Kultur und dem Geschehen in der Szene.
Abrufbar
ist OPEN COURT auf der Vereins-Website fc.bayern/opencourt sowie über alle bekannten Plattformen wie Spotify, Apple Podcast, Google Podcast und Deezer.