



Vierter Titel in Serie
Sa., 09.05.26, 22:00
Von Rückschlägen zum Rekordlauf: Was die vierte Meisterschaft der FCB-Frauen in Serie so einzigartig macht
Die Meisterschale verharrte einen kurzen Moment lang auf Kniehöhe, dann der Moment, auf den seit vergangenem Sommer hingearbeitet wurde: Glódís Viggósdóttir stemmt die 7,1 Kilogramm schwere Schale aus 925er Sterlingsilber mit beiden Armen in die Höhe. Das Konfetti schießt über der Mannschaft in die Höhe, und der Jubel des gesamten FC Bayern Campus erfüllt die Luft. Im Hintergrund ein weißer Bogen mit dem Schriftzug „Deutsche Meisterinnen 2026“. Ein Moment, für den die FC Bayern Frauen eine ganze Saison lang gekämpft haben. Eine Saison, die alles hatte – außer einem geraden Weg, der jedoch immer nach vorne führte.
🏆 Die Schalenübergabe im Video:
Aller Anfang scheint schwer
Als José Barcala zum Ende der vergangenen Saison als neuer Cheftrainer vorgestellt wurde, war die Ausgangslage vermeintlich schwer: In allen drei Spielzeiten unter seinem Vorgänger Alexander Strauß wurden die Münchnerinnen Meister. In der letzten Saison gelang zudem erstmals das Double aus Pokal und Meisterschaft - der krönende Abschluss des womöglich erfolgreichsten Jahres der Vereinsgeschichte. Doch davon ließ sich der Spanier keinesfalls beirren. Bereits in seinem ersten Interview machte er klar, eigene Ambitionen zu haben, die er nicht an Titeln misst: „Ich möchte eine Mannschaft formen, die unter schwersten Bedingungen jedem Gegner Paroli bieten kann.”

Ein Unterfangen, das er gemeinsam mit Co-Trainerin Clara Schöne und erfolgreich in Angriff nahm. Bereits im ersten Pflichtspiel der neuen Saison gewannen sie mit einem souveränen 4:2-Sieg gegen den VfL Wolfsburg mit dem Supercup den ersten Titel der Saison. Eine Woche später folgte, gemeinsam mit all denen, die den Verein zu etwas Besonderem machen, das nächste Signal: 57.762 Zuschauer füllten die Allianz Arena zum Eröffnungsspiel der neuen Bundesliga-Saison - ein Novum im deutschen Vereinsfußball. Es sollte nur der Auftakt einer langen, erfolgreichen und von Rekorden geprägten Saison werden.
Rückschläge als Antrieb - nicht als Hindernis

Dabei verlief gerade zu Beginn der Saison nicht alles reibungslos. Bereits am vierten Spieltag traf die Mannschaft der erste schwere Schlag: Sarah Zadrazil musste nach nur 12 Minuten verletzt vom Feld. Ein Tag später dann die bittere Diagnose: die Dirigentin des Münchner Spiels hatte sich einen Kreuzbandriss zugezogen. Zwei Wochen später das erste Kräftemessen in der Champions League. Was beim dreimaligen Titelträger FC Barcelona folgte, war ein Abend, den sich die Münchnerinnen gänzlich anders vorgestellt haben. „Ein Ausrutscher, der uns nicht wieder passieren wird”, wie Alara danach recht behalten sollte.

Ein Ergebnis, das wie ein Wendepunkt Wirkung zeigte. Was daraus hervorging, war eine Mannschaft, die sich neu erfand und ihre Leistung kontinuierlich steigerte. Daran sollte auch der dritte herbe Rückschlag in kurzer Zeit nichts ändern. Lena Oberdorf, die im Supercup nach über einem Jahr Verletzungspause endlich zu ihrem Pflichtspieldebüt in Rot und Weiß kam, erlitt Mitte Oktober ihren zweiten Kreuzbandriss. Erneut waren enorme mentale Stärke und Zusammenhalt gefragt. Und wer die FC Bayern Frauen kennt, weiß, dass sich das Team, das sich so nahe wie eine Familie versteht, davon nicht aus der Bahn werfen ließ. Was dann geschah, war keine Trotzreaktion, sondern eine kollektive Antwort.
Ein Name, der über Deutschland hinaus klingt

Eine Antwort, die durch die gesamte verbleibende Saison hallte. Mit 20 Bundesliga-Siegen in Folge wurde der Vereinsrekord aus März 2021 nicht nur eingestellt, sondern übertroffen. Das Resultat: ein weiterer Meilenstein. Nach 22 Partien, vier Spieltage vor Saisonende, stellten sie mit Willensstärke in der Hauptstadt einen neuen Punkterekord auf und feierten damit die vierte Meisterschaft in Folge. Eine Titelserie, die zuvor nur zwei weiteren Mannschaften in der deutschen Beletage gelungen ist (Turbine Potsdam & VfL Wolfsburg).

Auch in der Königinnenklasse kannten die Münchnerinnen kaum Grenzen. Bis auf ein Unentschieden gegen Atlético Madrid gewannen sie jedes Spiel und zogen erstmals seit 2020/21 ins Halbfinale ein. Dort wartete der FC Barcelona - und damit die Gelegenheit, den „Ausrutscher” aus dem Herbst zu korrigieren. Die Bayern nahmen sie an. Sie drängten die Blaugrana an ihre Grenzen, unterbanden das gewohnte Kombinationsspiel und brachten die Favoritinnen zum Zittern. Am Ende fehlte wenig zum ersten Finaleinzug der Vereinsgeschichte. Denn nicht nur die 60.021 Zuschauer im Camp Nou, sondern vielmehr ganz Fußball-Europa hatte nach diesem Abend verstanden: Hier wächst eine Mannschaft, die noch lange nicht am Ziel ist.
Vertrauen als Prinzip

Barcalas vorläufiges Ziel, „eine Mannschaft zu formen, die jedem Gegner Paroli bieten kann“, scheint zumindest bereits nach der ersten Bundesliga-Saison erreicht. Und das kommt nicht von ungefähr. Der Spanier hat eine Einheit geformt, die er nicht nur zu Vertrauen auffordert, sondern der er dieses auch selbst vorlebt. Er toleriert Fehler, rotiert konsequent und gibt jeder Spielerin das Gefühl, gebraucht zu werden. Kein Zufall also, dass es ligaweit keinen Verein gibt, bei dem jede verletzungsfreie Feldspielerin auf über neun Einsätze kommt, wie es bei den FC Bayern Frauen der Fall ist.
Der letzte Härtetest

Noch vor der Schalenübergabe stand beim letzten Heimspiel der Saison ein letzter Härtetest auf der Tagesordnung. Mit Eintracht Frankfurt forderte dazu kein Ligastatist, sondern ein Europa-Cup-Halbfinalist, der international Maßstäbe gesetzt hat. Doch auf die Münchnerinnen wartete nicht nur eine sportliche, sondern auch eine emotionale Herausforderung. Bereits vor der Partie hieß es: „Time to say goodbye“. Mala Grohs, Carolin Simon, Georgia Stanway, Natalia Padilla Bidas sowie Co-Trainer Kjetil Lone liefen zum letzten Mal in Dress des FCB im Münchner Norden auf, zudem verabschiedeten die Bayern Lea Schüller und Tuva Hansen.
Im Spiel zeigte die SGE dann, dass sie die Reise nicht zum Spalier stehen auf sich genommen haben. Sie drängten, zwangen Mala Grohs zu einer starken Parade gegen Laura Freigang und auch Viggósdóttir musste vermehrt gegen eine aufbrausende Ereleta Memeti retten. Doch auch von dem aktiven Auftreten ließen sich die Bayern nicht beirren. Arianna Caruso traf früh, Pernille Harder erhöhte kurz nach der Pause. Spätestens als Linda Dallmann aus der zweiten Reihe die Unterkante der Latte traf, war klar: Heute ging es nicht nur ums Gewinnen, sondern darum ein Statement zu setzen. Die Meisterschale, die Viggósdóttir kurz nach dem 2:0-Erfolg überreicht bekam, war auch in dieser Spielzeit mehr als verdient.
Ein Kapitel fehlt noch

Viel Zeit für Feierlichkeiten bleibt nicht, denn bereits am Donnerstag steht das letzte Kapitel einer Saison an, die jetzt schon in die Vereinsgeschichte eingegangen ist. Sobald die Glocken des Kölner Doms um 16 Uhr über die Stadt läuten, beginnt für die FCB Frauen im Stadtteil Müngersdorf die Mission Titelverteidigung im DFB-Pokal. Gegen die Dauerrivalinnen aus Wolfsburg geht es darum das Double perfekt zu machen. Zum zweiten Mal in Folge. Und es geht um mehr. Es geht auch um den Beweis, nach all den Rückschlägen, Emotionen und Höhenflügen dieser Saison das i-Tüpfelchen aufsetzen zu können: eine Spielzeit, die die ohnehin schon überragende vergangene noch einmal übertrifft. Dass es egal ist, wie schwer die Ausgangslage ist: Diese Mannschaft, dieses Trainerteam und diese Fans schaffen es gemeinsam, jeden Berg zu erklimmen.
🗞️ Der Spielbericht zum Aufeinandertreffen mit Eintracht Frankfurt:
Die Stimmen zur Meisterschaft & dem letzten Heimspiel der Saison:
🗞️ Die Meilensteine auf dem Weg zum Titelgewinn:

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